In diesem kurzen Text geht es um einen Schriftsteller, seine Lesung in der Augsburger Kantine und um seinen komplett ausgedachten Roman, reine Fiktion, also wirklich alles, alle, alle Figuren, und das soll hier nur gleich vornweg noch einmal betont werden, weil: Nicht, dass Benjamin von Stuckrad-Barre am Ende doch noch Ärger bekommt!
"Noch wach" heißt der Roman, der im April erschien, begleitet von großem Schlüsselromangeraune, weil der Schriftsteller sich – hui, hui – womöglich nicht alles, alles ausgedacht haben könnte, im realen Leben direkt im Axel-Springer-Verlag ja auch alles vorfand, wovon nun das als Me-Too-Roman gehandelte Werk erzählt: den sexuell übergriffigen Chef eines Brüllsenders (Roman), den mächtigen, wiederum mit dem Schriftsteller befreundeten CEO, der diesen Ekel-Chef aber eigentlich unbedingt halten möchte.
Zum Rauchen bitte auf die Bühne
Bei der Lesetour, die Stuckrad-Barre, 48, gerade quer durch Bayern führt, eben Würzburg, jetzt Augsburg, dann München, ist es nun so: Jedes Mal, wenn der Schriftsteller wieder das Wort "ausgedacht" sagt, oder Fiktion, lacht das Publikum wissend und begeistert. Also oft. "Es ist so ausgedacht wie ein Thriller", sagt Stuckrad-Barre in der Kantine – "wie dieser Schwedenscheiß". Lachen! Und bitte nicht den Ich-Erzähler mit ihm, dem realen Schriftsteller verwechseln. Er habe bereits daran gedacht, den Ich-Erzähler zu verklagen, die Juristen hätten abgeraten, alles von der Kunstfreiheit gedeckt, Lachen! Wobei das Lachen von der gleichen Art ist wie beispielsweise beim Film "Manche mögen's heiß", wenn Jack Lemon als Daphne krummbeinig über den Bahnsteig stöckelt und vor sich hinmurmelt: "Ich bin ein Mädchen, ein Mädchen, ein Mädchen …" Ausgedacht, ausgedacht, ausgedacht.
Die wunderbare Stucki-Show also, rauchender Autor im Ringelshirt, lose Bordkanone – so beschreibt sich der Ich-Erzähler im Roman, der reale Schriftsteller jedenfalls ballert zielgenau seine Gags – ein paar Witze auf Kosten des Literaturbetriebs, Provinzpreise und "Suhrkamp-Nullen" mit Mini-Auflagen, ein paar auch auf Kosten des Veranstaltungsorts – Stichwort "Hobbykeller" – Stichwort "Teilbestuhlung". Im Laufe der Lesung werden auf seinen Vorschlag hin die Besucher der ersten Reihe ihre Sitze für die Stehenden im hinteren Teil räumen. "Ich bin so ein Gerechtigkeitsfanatiker". Auch auf die Bühne bittet er die Zuschauer, da dürften sie auch rauchen. Erst wagen sich nur ein paar wenige, dann immer mehr, sitzen also im Rund dem Schriftsteller zu Füßen, und der mitten im Qualm der Zuneigung.
Es gibt da Leute, die es nicht mögen
Benjamin von Stuckrad-Barre liest natürlich auch – vier Passagen aus dem Roman, und da: natürlich nicht alles zum Lachen. Eigentlich ja zum Heulen, wenn zum Beispiel die vom Ekel-Chefredakteur angegangenen Frauen sich gegenseitig die Chatnachrichten vorlesen, die sie nächtens vom fördernden Vorgesetzten erhalten haben. "Noch wach?" Und sich der Ich-Erzähler dann an eine eigene unangenehme Erfahrung erinnert.
Das Buch zu schreiben, sei ein bisschen mühsam gewesen, sagt Stuckrad Barre – all das Ausdenken in den letzten drei Jahren – wobei er einfach geschrieben habe, nicht zu viel nachgedacht. Das Buch herauszubringen, sei dann aber wirklich ein bisschen anstrengend geworden. Weil: Es gibt da Leute, die es nicht mögen. Mächtige Leute. Stuckrad-Barre wirkt da tatsächlich ein bisschen angefasst. Schon doof, wenn man dann allein da stehe. Aber hej, tut er ja nicht. Nicht an diesem Abend in Augsburg, nicht an allen anderen Abenden dieser schon fast durchgängig ausverkauften Lesetour. Da spürt der schmale Stuckrad-Barre "Wärme und Sympathie". Das dürfe man nicht mit Liebe verwechseln, habe ihm sein Therapeut gesagt. Was aber ist das dann? Lachen, Applaus, den Abend, zwei Stunden lang, kann man sich nicht besser ausdenken.