Wie schnell vergeht die Zeit? Nicht eindeutig zu beantworten diese Frage, auch nicht von der Schriftstellerin Martina Hefter. Vor genau einem Jahr, am 13. Juli, erschien bei Klett-Cotta der Roman „Hey guten Morgen, wie geht es dir“. 224 Seiten, im Mittelpunkt die Performance-Künstlerin Juno aus Leipzig, die sich um ihren an Multiple Sklerose erkrankten Mann kümmert, arbeitet, Alltag bewältigt, tanzt, und nachts, wenn sie nicht schlafen kann, sich auf Chats mit Lovescammern einlässt. Drei Monate später stand Martina Hefter im Frankfurter Römer und nahm für diesen Roman den Deutschen Buchpreis entgegen. Ein Jahr später sitzt sie nun zur Lesung in Augsburg im Hettenbach45, einer einstigen Gewerbehalle, heute Eventlocation, ausverkauft, und sagt: „Die Zeit fliegt.“ Nach der Preisverleihung sei so viel passiert, dass sie manchmal das Gefühl gehabt hätte, die Zeit vergehe ganz langsam, dann aber wieder ganz schnell. Hey guten Abend, wie geht es also...
Fragt so ähnlich auch Moderatorin Tina Lurz, die seit vergangenem Jahr in Augsburg die Lesereihe „sunsets & books“ veranstaltet. Gibt es ein Leben vor und ein anderes nach dem Buchpreis? Wie viel persönliche Erfahrung steckt im Roman? Was treibt eine Künstlerin an, sich nachts online mit Lovescammern zu unterhalten – was nicht nur Juno im Roman, sondern auch Martina Hefter getan hat? Lovescammer? Hefter, 60, Leipzigerin, geboren und aufgewachsen im Allgäu, klärt erst einmal auf: Moderne Heiratsschwindler, oft Teil einer kriminellen Bande, die sich hinter Fakeprofilen verbergen, sich meist als wohlhabende weiße Männer mittleren Alters ausgeben und gezielt ältere Frauen auf sozialen Plattformen anschreiben. Unter anderem eben auch Martina Hefter, die wie ihre Heldin Juno auch aus künstlerischer Neugier den Drang verspürte, den Männern zu antworten und ebenfalls irre Geschichten zu erzählen. „Ich habe immer geschrieben, ich lebe in Dubai und züchte Schlangen. Eine leichte Form von Mikroaggression meinerseits.“ Im Roman entwickelt sich aus einem dieser Chats etwas mehr, Owen Wilson gibt sich als Benu aus Nigeria, benannt nach einem ägyptischen Totengott, zu erkennen. Es entsteht eine Art Freundschaft. „Wie früher die Brieffreundschaften,“ sagt Martina Hefter. Nähe in der Distanz. Sie selbst hat die Unterhaltungen mit den angeblichen Chirurgen, Offizieren oder Managern längst wieder gelassen, der Roman ist schließlich geschrieben, aber weil sie noch immer nach diesem Thema befragt wird, ist sie auf dem neuesten Stand: Gerade sind die Lovescammer aus Südostasien besonders aktiv...
Die Lyrikerin, die Hefter ja auch ist, wie auch Tänzerin, hatte den Roman zu Beginn als eine Art Essay in Versen geplant, bevor sie ihn dann in dieses feine, poetisch verdichtete, stilistisch verknappte Buch verwandelt hat, einer klaren Choreographie folgend mit den Orientierungspunkten Leipzig, Allgäu, Nigeria, über allem verbindend der Sternenhimmel: „Ich bin ein Formfreak.“ Und: Es dürfe beim Schreiben nicht zu glatt gehen. „Ich finde Schwierigkeiten beim Schreiben gut.“
Bei der Buchpreisverleihung in diesem Jahr will sie dabei sein - ganz relaxt
Was sie nach diesem einem Jahr sagen kann, in dem sie viel mit dem Buch auf Lesepodien saß, dafür weniger auf den Theaterbühnen stand: Sie mag diesen Roman, der sich seitdem etwa 170.000 Mal verkauft hat, noch immer. „Da bin ich selber froh, es gibt Gedichtbände, die würde ich heute gar nicht so gerne vorlesen.“ Hefter sitzt bereits an einem neuen Roman. Die Jurorinnen und Juroren des Deutschen Buchpreises sind wiederum längst beim Lesen der neuen Romane, die sich um den Titel bewerben. Für die Preisverleihung im Oktober hat man die Titelträgerin eingeladen. Martina Hefter wird zusagen. „Es geht für mich dann um nichts, ich kann den Abend ganz relaxt erleben.“ So entspannt also wie es auch dieser Abend in Augsburg ist. Konzentriertes Zuhören, wenn Hefter liest, immer wieder auch Lachen, viel und anhaltender Applaus. Happy Birthday!
Info: Die nächste Lesung im Rahmen der Reihe „sunsets & books“ findet am 23. September statt. Dann ist Anne Sauer mit ihrem Debütroman „Im Leben nebenan“ (dtv, 272 Seiten, 23 Euro) zu Gast.
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