„Überleben. Ein Wort wie ein Haltegriff.“ Kann man sich entscheiden, zu überleben, jemanden zu überleben, einfach aus purer Willensanstrengung? Sich am Haltegriff festkrallen und dann noch ein paar Kilometer, ein paar Kurven, ein paar Wochen, vielleicht Monate weiterruckeln, weiterfahren? In der Novelle „Die Lebensentscheidung“ steht es für gleich drei Beteiligte nicht zum Besten: Franz Fiala, seine Mutter und die Europäische Union. Der Tod aber wird nur einen dieser drei im Buch ereilen.
Geschrieben hat dieses schmale, eindringliche Werk der österreichische Schriftsteller Robert Menasse. Und das muss einem für den Zustand der Europäischen Union nun wirklich Sorge machen. Denn Menasse, geboren 1954, ist glühender Verfechter des vereinten Europas, hat einige Zeit in Brüssel gelebt, fürs Staatenbündnis sogar einen eigenen Romantypus erfunden hat: den EU-Roman. Für „Die Hauptstadt“ erhielt er 2017 den Deutschen Buchpreis, ein heiteres wie scharfsinniges Werk über den Brüsseler Apparat und die Menschen, die darin werkeln. Der Ton damals: Kritisch, aber nicht hoffnungslos. Im Nachfolgeroman „Die Erweiterung“ karikierte er das Gezerre und Geschachere um die Beitrittsverhandlungen mit den Balkanländern. Da ließ er zum Ende europäische Politiker, Brüsseler Beamten, Journalisten und eine Ziege antriebslos auf einem Kreuzfahrtschiff übers Mittelmeer treiben, EU in Not!
Die EU-Honigrichtlinie hat er mit ausgestaltet, jetzt hat er die Nase voll
Und nun also stellt er den EU-Beamten Franz Fiala in den Mittelpunkt, der aus seinen knapp zwei Fenstern im Brüsseler Büro hinausblickt – und eine Lebensentscheidung trifft: Er hört auf. Draußen im Europaviertel hupen wütende Bauern, kippen Gülle und Mist auf die Straßen. Und Franz Fiala, der es aus engen Verhältnissen in Wien in eine großzügige Dachwohnung in der Rue de Flandre mit Weitblick geschafft hat, unter anderem erfolgreich die Honigrichtlinie 2001/110/EG ausgestaltet hat, dieser Franz Fiala hat die Nase voll. Weil er auch schon ahnt, was dann kommen wird: Der grüne Deal, in den auch Fiala sein Herzblut gesteckt hat, wird von der EU-Präsidentin wieder einkassiert werden. „Illusionen zu haben ist gut, das ist schöner Idealismus. Illusionen an die Möglichkeiten anzupassen, ist gut, das ist Pragmatismus. Aber Illusionen zu verkaufen und das Pragmatismus zu nennen, ist nur noch Zynismus, manchmal sehr gut bezahlter Zynismus. Ich will da nicht mehr mitmachen.“
Der frustrierte Fiala steigt also aus. In Brüssel will er mit Nathalie, der aus der Großbourgeoisie stammenden Kollegin, und mit guter Pension noch ein wenig Leben genießen. Weniger Stress, guter Wein, schöne Reisen. In Wien sich um seine zunehmend altersschwache Mutter kümmern. Sie ist die Heldin in dieser Novelle, allein wegen ihr muss man dieses Buch schon lieben: Eine Kleinbürgerin, voller Bildungshunger, die sich die Welt mit Schiller, Goethe, Homer erlesen hat, für die Opernkarte spart und ihren ganzen Ehrgeiz in den Sohn steckt, ihn mit Lateinvokabeln und Klassikern triezt. Als der Vater den Sohn zur Banklehre schicken will, wehrt sie sich, nur ein Studium kommt in Frage. „Ich wusste, du wirst die Wand durchbrechen“. Kommt Franzl zu Besuch, gehen sie kulinarisch die Welt entdecken, zum Griechen, zum Belgier, zum Italiener, zum Portugiesen … Jetzt aber wäre ihr auf einmal ein Kalbsgulasch mit Nockerln am liebsten, da stimmt doch etwas nicht. Mit wem aber?
„Es ging um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung“
Wer die Novelle von Franz Werfel „Der Tod eines Kleinbürgers“ kennt, ahnt schon an der Namensgleichheit, wer da mit dem Tod ringen muss. In Werfels Werk versucht Karl Fiala, ein Wiener Beamter, im Krankenhaus noch ein paar Lebenstage herauszuschinden, damit seiner Familie die Lebensversicherung ausgezahlt wird. 65 Jahre muss er dafür schaffen, so steht es im Kontrakt. In Menasses Werk entdeckt Franz Fiala, der Brüsseler Beamte, das Werk im Bücherschrank der Mutter, liest den Schluss: „Hier endet der Bericht vom Sterben des Kleinbürgers. Zwei Tage über sein Ziel war er hinausgerannt wie ein guter Läufer.“ Er muss weinen.
Fiala ist Ende 50, dass er nur die Sechzig erreicht, nach dieser Diagnose unwahrscheinlich: Hinter den stechenden Magenschmerzen, die auch nicht durch Hühnerbrühe mit Ingwer verschwinden wollen, steht der Krebs: Pankreaskarzinom. Vielleicht ein halbes Jahr, vielleicht ein ganzes. Für Menasses Fiala ist das Ziel klar: Die Mutter muss überlebt werden. „Wenn er ihr schon keine Enkel schenken konnte, dann musste er ihr jetzt die Katastrophe ersparen, ihn sterben zu sehen, am Ende ihres Lebens den größtmöglichen Lebensschmerz zu erfahren. Es ging jetzt um einen Überlebenswettkampf. Das war jetzt die Lebensentscheidung.“
Ahnt die Mutter etwas? Oder doch schon zu dement? Beide umkreisen sich argwöhnisch. Der Gewichtsverlust des Sohnes wird bemerkt, „du bist so schmal geworden“, er wiederum entdeckt an seiner Mutter nur noch Elend und Verderben. Als die Mutter in der Küche stürzt, fürchtet Fiala das Ende nahen, oder ist es am Ende auch wenig hoffen? Bis sie ihn anfährt: „Was ist? Hilf mir auf.“ Fiala versucht jedenfalls seinen Zustand vor ihr zu verbergen, auch den Rückzug ins Private. Wen kümmert jetzt denn noch die EU? Es geht nur noch ums Existenzielle, das eigene, kleine Leben, das man der Mutter zuliebe verlängern muss. Das Schauspiel wird qualvoll. Robert Menasse erzählt in diesem kleinen Stück großer Literatur ohne Pathos, mit Empathie und auch mit trockenem, fein dosiertem Humor vom Sterben seines EU-Bürgers. Auch wenn es aufs Ende zugeht, bleibt der Mensch kurios. Am Geburtstag führt Franz Fiala die Mutter noch einmal in die Oper aus. In der Opernloge will sie fotografiert werden. „Sie warf dabei die Arme in die Höhe wie die Siegerin eines Wettkampfes.“
Für den Schriftsteller selbst war „Die Lebensentscheidung“ ein literarisches Zwischenspiel, der dritte EU-Roman ist in Arbeit. Ende derzeit ungewiss.
AZ-Literaturabend mit Robert Menasse
Robert Menasse ist am Samstag, 14. März, beim AZ-Literaturabend in der Stadtbücherei Augsburg zu Gast. Ab 19 Uhr wird er aus seiner Novelle „Die Lebensentscheidung“ lesen und über sein Schreiben sprechen. Im Anschluss findet der Literarische Salon statt, in dem über drei literarische Neuerscheinungen des Frühjahrs diskutiert wird. Veranstalter sind die Augsburger Allgemeine und die Stadtbücherei Augsburg. Die Karten kosten 15 Euro und sind zu erhalten an allen bekannten Reservix-VVK-Stellen sowie bei der Buchhandlung am Obstmarkt. (AZ)
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