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Mithu Sanyal über Deutschen Buchpreis: „Literaturpreise haben blinde Flecken, sind selektiv und selten fair“

Interview

Mithu Sanyal: „Literaturpreise haben blinde Flecken, sind selektiv und selten fair“

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    Die Schriftstellerin Mithu Sanyal hat selbst schon mehrere Preise gewonnen, sitzt in der Jury des Bachmannpreises und schaffte es 2021 mit ihrem Roman „Identitti“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.
    Die Schriftstellerin Mithu Sanyal hat selbst schon mehrere Preise gewonnen, sitzt in der Jury des Bachmannpreises und schaffte es 2021 mit ihrem Roman „Identitti“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Foto: Georg Wendt, dpa

    Frau Sanyal, die Shortlist für den Deutschen Buchpreis steht fest. Sind sie zufrieden mit der Auswahl?

    MITHU SANYAL: Mein Herz ist gebrochen, weil wirklich meine drei Favoriten rausgefallen sind: Jacinta Nandis „Single Mom Supper Club“, Jina Khayyers „Im Herzen der Katze“ und Annett Gröschners „Schwebende Last“.

    Mit „Antichristie“ standen Sie letztes Jahr selbst auf der Longlist, ihr erster Roman „Identitti“ schaffte es 2021 auf die Shortlist. Wie fühlt es eigentlich sich an, für den Deutschen Buchpreis nominiert zu sein?

    SANYAL: Beim ersten Mal hatte ich überhaupt nicht damit gerechnet. Ich dachte nur, wie toll, ich genieße das jetzt, so lange es da ist. Ein Teil von mir wollte den Preis gar nicht. Ich dachte, wenn ich mit meinem ersten Roman den größten deutschen Literaturpreis gewinne, kann ich das nicht toppen. Dann werde ich mich nie wieder trauen, ein Buch zu schreiben. Beim zweiten Mal war es schon realer.

    Und die Enttäuschung darüber größer, dass Sie ihn doch nicht gewonnen haben?

    SANYAL: Klar war ich enttäuscht, da schwingt ja schon die Botschaft mit, dass das eigene Buch eben doch nicht ganz so gut war wie das andere. Wenn man bei der Preisverleihung sitzt, ist so viel Adrenalin im Raum. Da kann man gar nicht anders, als sich zu wünschen, den Preis zu bekommen.

    Hätten Sie sich selbst den Buchpreis verliehen?

    SANYAL: (lacht) Auf jeden Fall.

    Der Autor Clemens Meyer meinte es ernst, als er letztes Jahr sagte, er hätte den Buchpreis gewinnen sollen und Martina Hefters Sieg als „Schande für die Literatur“ bezeichnete. Können Sie seine Haltung verstehen?

    SANYAL: Seine Aussage war in Bezug auf Martina Heffner natürlich total unfair. Aber ich fand seine Kritik insofern richtig, weil man ein Spielball der Aufmerksamkeitsmaschine ist. Man sitzt da, die Kameras sind auf einen gerichtet und man wird gefilmt, wie man verliert. Das fühlt sich schrecklich an in dem Moment, als würde man für das Spektakel benutzt. Und das wird den Büchern ja nicht gerecht. Deshalb fand ich es da ganz sympathisch, dass Meyer gesagt hat: Ihr habt ja alle keine Ahnung.

    Aber allein die Nominierung ist doch eine Wertschätzung?

    SANYAL: Klar, wenn man es auf Longlist kommt, heißt das, dass man einen der 20 besten Romane des Jahres geschrieben hat. Und wenn man dann auf die Shortlist kommt, bekommt man 2.500 Euro, da muss man jetzt nicht die Nase rümpfen. Aber ich bin in mehreren Jurys und weiß, wie viel Zufall da mit im Spiel ist. Alle Literaturpreise, die ich bekommen habe, habe ich vermutlich aus den falschen Gründen bekommen. Aber auch die, die ich nicht bekommen habe, habe ich aus den falschen Gründen nicht bekommen.

    Können Sie das erklären?

    SANYAL: Mein erster Roman „Identitti“ war einer der am meisten besprochenen Romane des Jahres 2021. Als er nicht für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert wurde, gab es einen offenen Brief von Literaturschaffenden, die kritisierten, dass noch nie eine Woman of Color für den Leipziger Buchpreis nominiert war. Im selben Jahr wurde ich dann für den Deutschen Buchpreis nominiert und die Longlist fiel deutlich diverser aus, nicht weil die Jury Kritik fürchtete, sondern weil sie genauer hingeschaut hatte.

    Bestätigt das nicht den Vorwurf, Preise würden aus falschen Gründen wie Diversität vergeben und nicht nach literarischer Qualität?

    SANYAL: Das würde ja bedeuten, dass Autorinnen und Autoren nur anhand von Diversitätsprinzipien ausgewählt werden. Meistens ist es umgekehrt, viele werden nicht berücksichtigt, weil sie durchs Raster fallen. Literaturpreise haben blinde Flecken, sind selektiv und selten fair. Die Vorstellung, man könnte einen Überblick über alle Bücher haben und das Beste auswählen, ist eine Illusion. Trotzdem ist es mir wichtig, dass sich die Chancen besser verteilen.

    Braucht es überhaupt Literaturpreise?

    SANYAL: Sie sind fragwürdig, aber enorm wichtig. Deutschland nennt sich ja gern das Land der Dichter und Denker, aber die Literaturförderung wird verglichen mit anderen Ländern nicht besonders großgeschrieben. Der deutsche Buchmarkt ist hoch kapitalisiert, wenn man es zufällig schafft, zu bestehen, hat man Glück. Preise und Stipendien sind die einzige Form von öffentlichkeitswirksamer Literaturförderung und gerade für junge Autorinnen und Autoren wichtig. Hat man mal einen Preis gewonnen, ist die Chance relativ hoch, weitere zu bekommen.

    Wie viele Preise haben Sie denn schon gewonnen?

    SANYAL: Ich kann mal durchzählen... dreimal den Preis der Stiftung Lesen, den Literaturpreis Ruhr, den Ernst-Bloch-Preis, das waren so die Großen, dazu noch ein paar kleinere Preise.

    Über welchen haben Sie sich am meisten gefreut?

    SANYAL: Der Literaturpreis Ruhr hat mir viel bedeutet, weil er mir das Gefühl gegeben hat, zu Hause anerkannt zu sein. Über den Literaturpreis der Stadt Düsseldorf, meiner Heimatstadt, würde ich mich natürlich auch freuen.

    Die jüngste Auszeichnung kommt jetzt erst mal aus Bayern, Sie erhalten als Erste den Literaturpreis der Erich Pawlu-Stiftung Dillingen. Eine Ehre?

    SANYAL: Ich freue mich darüber, weil ich das Gefühl hatte, dass sich die Jury wirklich mit meinen Büchern auseinandergesetzt hat. Diese Wertschätzung ist ja sowieso das Schönste an Preisen, wobei das Geld natürlich auch nicht schlecht ist. In diesem Fall finde ich es aber vor allem toll, dass ein neuer Preis zur Förderung von Literatur geschaffen wurde. Das ist ein Zeichen gegen die ständigen, massiven Kürzungen im Kulturbetrieb.

    Die Stiftung erinnert an den Dillinger Autor Erich Pawlu. Haben Sie ein Lieblingswerk?

    SANYAL: Den Erzählband „Gestörte Spiele oder Das umgedrehte Hitlerbild“ finde ich toll. Pawlu beschreibt darin, wie er als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebt hat. Verstörendes Thema, das er über den kindlichen Blick satirisch verarbeitet. Diese Gleichzeitigkeit von Schwere und Leichtigkeit gefällt mir, ich erkenne da einige Parallelen zu meinem eigenen Schreiben. Ich finde es immer spannend, wenn Bücher mehr erzählen als das Offensichtliche. Dass Krieg schlimm ist, weiß man. Es zu schaffen, darüber mit Humor zu schreiben, der nichts relativiert, eröffnet neue Perspektiven.

    Sie sitzen selbst in der Jury für den Bachmannpreis. Was macht ein gutes Buch aus?

    SANYAL: Wir sollten erst mal darüber reden, was eine gute Jury ausmacht. Ich würde mir wünschen, dass wir als Mitglieder mehr über die Kriterien sprechen, auf denen unsere Kritik fußt. Jeder hat andere und denkt, sie wären objektiv. Dazu kommt, dass Jurys selten divers sind, das spiegelt sich in den Debatten über Texte wider, gerade wenn es um Referenzen geht. Texte stehen ja immer im Gespräch mit allen Texten, die vorher entstanden sind. Es gab den einen Fall, dass ein Text als literarischen Bezug Yasar Kemal hatte, und ein Jurymitglied sagte, Thomas Bernhard ist mir lieber. Da kann ich nur sagen: Es ist völlig irrelevant, wen du lieber liest. Es gibt mehr Literatur als den deutschsprachigen Kanon.

    Welche Kriterien legen Sie an einen guten Text an?

    SANYAL: Ich frage mich immer: Was will dieser Text? Erfüllt er das, was er sich zum Ziel gesetzt hat und macht er das gut? Außerdem finde ich es toll, wenn Literatur Welthaltigkeit hat. Ein Text kann schön geschrieben sein, aber wenn er keine darüber hinausweisende Relevanz hat, fehlt mir etwas. Spannend ist es auch, wenn eine gewisse Fallhöhe da ist, wenn Autorinnen und Autoren etwas von sich zeigen und etwas wagen.

    Sie schreiben selbst gern über Feminismus, Rassismus, Postkolonialismus und Identitätspolitik. Streitbare Themen, die momentan nicht besonders beliebt sind. Wie frei fühlen Sie sich im Schreiben?

    SANYAL: Jedes Buch ist immer auch ein Kampf um die Frage: Was traue ich mich, was traue ich mich nicht? Im Moment muss man sich diese Frage ernsthaft stellen, denn wir erleben ja gerade einen politischen wie kulturellen right turn, da wird man schnell angegriffen und sogar gecancelt. In meinem letzten Roman „Antichristie“ geht es um bewaffneten Widerstand gegen den britischen Kolonialismus, da gab es plötzlich Stimmen, die sagten: Oh, da geht es ja um Postkolonialisms, ist das nicht antisemitisch? Das fand ich erschütternd. Da wirkte die Buchpreis-Nominierung wie eine schützende Hand, die signalisierte, dass es ist gut und richtig ist, darüber zu schreiben.

    Können Literaturpreise also auch Freiräume schaffen?

    SANYAL: Das hoffe ich sehr. Man will als Autorin oder Autor ja geliebt werden und gleichzeitig dahingehen, wo es wehtut.

    Über den Preis

    Die Erich Pawlu-Literaturstiftung Dillingen wurde vergangenes Jahr gegründet, um an den Dillinger Autor Erich Pawlu zu erinnern. Pawlu veröffentlichte zahlreiche Satiren, Erzählungen und Kurzgeschichten. Über die Stiftung soll mithilfe von Stipendien und Zuschüssen literarisches Schaffen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur gefördert werden. Der Erich Pawlu Literaturpreis wird nun zum ersten Mal verliehen: am Samstag, 27. September, um 16 Uhr im Goldenen Saal der Akademie für Lehrerfortbildung, in Dillingen an der Donau.

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