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Mozarts Requiem als Tanztheaterstück: Premiere am Staatstheater Augsburg

Staatstheater Augsburg

Tröstlich und erstaunlich lebendig: Mozarts Requiem - inszeniert als Tanztheaterstück

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    Mozarts Requiem inszeniert der Regisseur und Choreograf Peter Chu als Tanztheaterstück am Staatstheater Augsburg.
    Mozarts Requiem inszeniert der Regisseur und Choreograf Peter Chu als Tanztheaterstück am Staatstheater Augsburg. Foto: Jan-Pieter Fuhr

    Braucht es mehr als Mozart, um Mozart zu spielen? Braucht es mehr als seine Musik, damit sie heute berühren, bewegen und auferstehen kann? Das Staatstheater Augsburg lässt es auf ein Experiment ankommen: Mozarts Requiem ist dort nun als Tanztheaterstück zu erleben. Die Augsburger Philharmoniker spielen die Totenmesse von Wolfgang Amadeus, es singt der Chor des Hauses und dazu ein Solistenquartett - doch werden sie umkreist auf der Bühne, umgeben von Tänzer und Tänzerinnen. Das Fazit zur Uraufführung vorweg: Nein, Mozart braucht keinen Deut mehr als Mozart. Aber mit der Choreografie von Regisseur Peter Chu öffnen sich trotzdem neue Wege für das Publikum. Wege zu Mozart, die auch noch drei Schritte weiterführen - bis zur chinesischen Meditationskunst. Versöhnlich, tröstend, schöpferisch wirkt dieser Abend. Erstaunlich lebendig, dieses Requiem. Auch wenn es sich in Momenten sehr weit entfernt von der reinen Kraft der Musik.

    Ein ansprechender Beginn, Mozarts Requiem beginnt zu tanzen

    Mehr als Musik war Mozart schon immer, und das gilt vor allem für dieses allerletzte seiner Werke: Allein der Mythos, der um sein Opus KV 626 wuchert, bringt die Fantasie zum blühen. Das Jahr 1791 war schon angebrochen, und es würde das letzte für Mozart sein, da gab ihm der Reichsgraf Franz von Walsegg einen Auftrag. Eine Totenmesse sollte Mozart für ihn schreiben, zu Lebzeiten. Und Mozart schrieb mit der letzten Kraft, bis er starb. Seine Schüler komponierten das Werk erst zu Ende, im Auftrag wiederum von Mozarts Frau Constanze, allen voran der Komponist Franz Xaver Süßmayr. Denn selbst vom „Lacrimosa“, diesen Tönen für die Ewigkeit, hatte Mozart nur acht Takte hinterlassen. Wie sehr Mozart ist also dieser Mozart? Ist das Stück vielleicht sogar gemacht dafür, es in die Zukunft weiterzuschreiben? Es immer wieder auf den Kopf zu stellen?

    Peter Chu ist davon überzeugt und was der Amerikaner hier in Augsburg gestaltet, ist Mozart plus X. Schon vor Beginn der Uraufführung, ja schon im Foyer des Martiniparks tanzen zwei Tänzer - Mann und Frau, fast nackt wie Adam und Eva - durchs Publikum. Sie, Eva, schnappt sich ein paar Äste mit grünen Blättern und schenkt sie einer Zuschauerin. Sie lächeln einander zu. Zeichen des Lebens. Dann kriechen und klettern die zwei Tänzer in den Saal des Martiniparks. Ein Anfang, der das Publikum bei der Hand nimmt, zur Bühne führt und sanft zu Mozart. Dort rauschen erst Sphärenklänge aus der Box, Musik des Neoklassik-Komponisten André Barros. Doch dieser Sound führt recht sanft und nahtlos hinüber, und deutet in Motiven an, was jetzt kommt. Mozarts Requiem, „Introitus“. Gelungener Auftakt.

    Kapellmeister Ivan Demidov dirigiert Mozarts „Requiem“

    Die Philharmoniker übernehmen jetzt, und es klingt sehr liebevoll, wie Kapellmeister Ivan Demidov das Werk anfasst, so wie er die Musik mit Respekt, Gefühl und klarem Schlag einfach wirken lässt. Mozart, der Hinterlistige? Hier nicht. Die Philharmoniker nehmen die Noten seines finalen Werks beim vollen Ernst. Streicher spielen mit technischer Perfektion, aber auch Andacht, dazu kantige Fanfaren von Posaunen und Trompeten. Wenn es Forte schallt aus den Naturinstrumenten, dann aber mit Würde, ohne die Töne explodieren zu lassen. In glänzender Form auch der Chor: In jeder Passage halten die Sänger den Kontakt zum Orchester, zur Klangfarbe und Stimmung. Kleine tänzerische Übungen müssen sie dabei auch meistern, weil der Chor Teil der Choreografie ist und über die Bühne wandelt. Die Optik ihrer Kutten? Priestergewänder. Die fast 20 Tänzer, die um sie herum auftreten dagegen: halb Menschenseelen, halb Erdgeister. Suchende, die sich winden und strecken.

    Ein bisschen Grün und Natur auf der Bühne, als Hoffnungsschimmer der Versöhnung: Mozarts Requiem als Tanztheater am Staatstheater Augsburg.
    Ein bisschen Grün und Natur auf der Bühne, als Hoffnungsschimmer der Versöhnung: Mozarts Requiem als Tanztheater am Staatstheater Augsburg. Foto: Jan-Pieter Fuhr/Staatstheater Augsburg

    Rundum baut Peter Chu ein Bild der Kälte: ein Raum aus Betonwänden und Glas, gebaut wie ein Foyer, als kühler Wartesaal des Lebens. In diesem Halbdunklen bewegen sich die Tänzer in schnell wechselnder Konstellation. Soli, Paare, Gruppen, sich greifend und haltend, einander fassend. Lichtprojektionen werfen das Bild zweier Hände an die Wand, die an die „Erschaffung Adams“ erinnern. Nur dass sie sich hier wirklich berühren. Berühren und sich mit Leben und Tod versöhnen, darin scheint Chu seinen Mozart gefunden zu haben. Und hinter der Glaswand liegt ein Baumstamm am Boden: graues Holz, aber mit grünen Trieben. „Der Baum verweist für mich auf die Beziehung des Menschen zur Natur“, erklärt Chu. Ein Theater der Versöhnung.

    Jihyun Cecilia Lee und Avtandil Kaspeli glänzen im Requiem

    Das wird am schönsten sichtbar, wenn die vier Gesangssolisten des Abends auftreten: Jihyun Cecilia Lee trägt mit feinem, beherrschtem Sopran ihre Partie. Mächtig das Stimmgewicht des Basses Avtandil Kaspeli. Natalya Boeva (Alt) und Yury Makhrov (Tenor) komplettieren das Quartett ebenbürtig. Rührend, wie sich dann um jeden der vier Sänger eine Traube von Tänzern bildet. Sie scheinen sie zu schützen und selbst Schutz zu suchen. Ein seltener Moment der Ruhe, denn von wegen „gib ihnen die ewige Ruhe“, die Choreografie bleibt explosiv - manchmal sogar irritierend atemlos.

    Und so klafft auch eine Distanz zwischen Tänzern und Musik: Die Tänzer leisten schwer beeindruckende Ausdrucksarbeit, unter Höchstspannung aller Muskeln. Aber eine allzu direkte Ausdeutung von Ton und Text bieten die Bewegungen selten. In Momenten vielleicht, wenn sie die Hände zum Himmel heben, „Hosanna in der Höhe“. Wenn sie knien zur Bitte an Gott. Trotzdem rühren viele Szenen: Ein Tanzpaar entwickelt den aufrechten Gang des Menschen, hilft einander auf. Dann verwandelt sich einer zum Tier und schultert auf allen vieren die andere.

    Regisseur Peter Chu sucht die Natur in Mozarts Requiem

    Mozart über alle Grenzen hinweg: Auf die Natur kam Peter Chu, weil ihn die Kunst des Quigong und die chinesische Medizin inspiriert. Darin spielt der Kranich als Tier eine wichtige Rolle: Er steht für Balance, Atem, Harmonie und Schwerelosigkeit. Zwei Tänzer verschränken sich gemeinsam zum Vogelkörper und schwingen ihre Arme. Zudem geht das Naturschauspiel auch im Hintergrund weiter. Halb Requiem, halb Schöpfungsgeschichte von Anfang bis Ende: Zwei Tänzer balancieren über den Baum, der da so schräg liegt und doch ein bisschen grünt. Fast wie Adam und Eva, mit der Natur verschmelzend. Der ewige Lauf der Dinge. „Und ewiges Licht leuchte ihnen“, singt der Chor. Pur und klar, so wie es Mozart schrieb.

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