Welche göttliche Regie hat sich so etwas ausgedacht? Ein allerletzter, gewaltiger, tränentreibender Auftritt in seiner Heimatstadt Birmingham, die Rockwelt ist gerührt. Gut zwei Wochen später hört das Herz von Ozzy Osbourne auf zu schlagen – und das von Millionen Fans ist gebrochen. Eine der größten Legenden der harten Musik ist entweder in den Himmel aufgefahren oder hat den Fahrstuhl nach unten genommen. Man weiß es nicht. Zumindest religiöse Ultras vermuten wohl eher, dass ihm nun kleine schwarze Flügelchen wachsen und er, der selbst ernannte „Prince of Darkness“, an der Seite des Gehörnten durch die ewige Finsternis irrt. Nein, vermuten wir ihn eher auf einer vielleicht etwas dunkel gefärbten Wolke in höheren Sphären. Immerhin gehörte er zu den schillerndsten Rockgöttern, die zwischen tiefstem Elend und glänzendsten Höhen hin und her oszillierten oder besser „ozzizilierten“ (Pardon für das kleine Wortspiel). Im Alter von respektablen 76 Jahren ist Ozzy Osbourne jetzt gestorben. Dabei hat er alles, wirklich alles getan, damit er möglichst früh den Löffel abgibt und dabei so irre Geschichten produziert, wie wohl niemand anderes in der Showbranche.
Mit seinen Kumpels hat Ozza Osbourne den Heavy Metal erfunden
Er hatte das Glück, auf einige Menschen zu treffen, die ihm das Leben und seine Karriere gerettet haben. Am Anfang stehen natürlich seine drei Kumpel aus Aston, einem Vorort der im Zweiten Weltkrieg ausgebombten Stahlstadt Birmingham. Mit denen gründete der oft gehänselte Jüngling eine Band, welche die Rockmusik nachhaltig veränderte, besser gesagt verdunkelte, Black Sabbath. Die Band wollte furchterregende Musik spielen, und das tat sie auch, dank der tief gestimmten Gitarre von Tony Iommy, der finsteren Texte von Bassist Geezer Butler und dem intensiven Getrommel von Bill Ward. Zu viert haben sie den Heavy Metal erfunden. Ihre Musik ist wie ein Gebirgsmassiv: hart, schroff, unbezwingbar, majestätisch, ewig.
Der dröhnende Riffrock machte die Band rasch populär. Mit dem Geld kamen die Drogen und Ozzy Osbourne geriet derart aus der Spur, dass die Band ihn 1978 feuerte. Damit hätte Osbournes Leben schon zu Ende sein können, denn er lag monatelang in einem Hotelzimmer, „um mich besinnungslos zu besaufen und zu betäuben“, wie er später erzählte, „ich hatte mein Ende akzeptiert.“ Da war er gerade mal 30. Doch dann trat die Tochter des Black-Sabbath-Managers Don Arden in sein Leben. Sharon hielt den derangierten Sänger am Leben: „Sie war es, die Ozzy diszipliniert hat“, erinnert sich sein früherer Keyboarder Don Airey, „sie hat ihn morgens aus dem Bett geholt, hat sich Kostüme für ihn überlegt und klare Regeln aufgestellt: Kein Alkohol an Konzerttagen, achte auf dein Gewicht. Sie hat ihm das Leben gerettet.“
Und dann war da außerdem ein sehr junger Gitarrist namens Randy Rhoads, der mit 23 noch bei seiner Mutter lebte. Er war unfassbar talentiert und ehrgeizig. Mit ihm an der Seite gab Osbourne dem Heavy Metal neue Impulse, schuf harte Werke für die Ewigkeit wie „Blizzard Of Ozz“ oder „Diary Of A Madman“. Doch der begnadete Helfer kam bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Über diesen Tod ist Osbourne nie recht hinweggekommen. Er sollte aber noch viele Alben aufnehmen, von teilweise hoher und manchmal nicht so hoher Qualität. Einmal gelang ihm sogar noch ein herausragendes Werk mit Black Sabbath: „13“.
Er biss einer Taube und einer Fledermaus den Kopf ab
Was ihn im Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit unsterblich machte, waren seine Exzesse wie der zu Tode erzählte Fledermausunfall: 1982 flog ihm auf offener Bühne ein dunkler Flattermann entgegen. Der benebelte Ozzy dachte an ein Spielzeug und biss dem Tier den Kopf ab. Es war nicht das erste Lebewesen, das durch ihn seinen Kopf verlor: Im Jahr zuvor hatte er bei einem Plattenfirmen-Meeting drei weiße Tauben dabei, die er nach dem Treffen fliegen lassen wollte. Allerdings hatte er bereits eine Flasche Brandy intus: „Ich kann mich nur erinnern, dass mich eine PR-Frau völlig zugequatscht hat. Damit sie die Klappe hält, habe ich sie irgendwann gefragt, ob sie Tiere mag, eine Taube aus der Tasche gezogen – und dem Vieh den Kopf abgebissen.“ In die Kategorie „essentielles unnützes Pop-Wissen“ gehört auch, dass er sich bei einer Tournee mit Mötley Crüe zugedröhnt eine Ameisenstraße in die Nase gezogen und anschließend seinen Urin vom Boden geleckt hat.
Ozzy Osbourne hat eben den Blödsinn gemacht, den sich unsereins nie trauen würde, und das hat seinen Ruhm gefestigt: Das ist der Typ, der so irre ist, wie wir vielleicht (manchmal) auch gerne wären, aber es uns nicht mal in unseren kühnsten Träumen ausmalen können. Er ist im Laufe der Jahre – auch durch die MTV-Doku-Soap „The Osbournes“ über seine dysfunktionale Familie – zu einer Art dunklem Clown des Heavy Metal geworden. Arno Frank vom Magazin Der Spiegel hat das unlängst prägnant beschrieben: Motörhead-Chef Lemmy Kilmister wurde geachtet und verehrt, doch Ozzy Osbourne wurde und wird geliebt. Er war eben unperfekt, wie so viele.
Beim letzten Auftritt war alles egal
Dass er bei seinem letzten Auftritt in Birmingham die Töne nicht traf und wegen seiner Parkinson-Erkrankung auf einem schwarzen Leder-Thron sitzen musste – alles egal, denn es galt, den Bühnenabschied eines der ganz großen unterhaltsamen Originale der Rockmusik zu feiern. Es wurde ein Abschied für immer.
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