Frau Tuil, im Zentrum Ihres Buchs steht ein sozialistischer Ex-Präsident Frankreichs namens Dan Lehman, dem sein Leben nach dem Ende seiner politischen Karriere entgleitet. Was hat Sie an der Geschichte vom Absturz eines einstmals mächtigen Mannes gereizt?
KARINE TUIL: In meiner Arbeit befasse ich mich gerne mit jenem Moment, an dem Menschen wanken oder sogar fallen. Heldengeschichten interessieren mich weniger. Das Buch entstand, nachdem ich in einem privaten Rahmen zwei ehemalige Präsidenten kennenlernte – François Hollande und Nicolas Sarkozy. Mich hat der Gedanke fasziniert, dass wir Aufstiegsgeschichten kennen und viel über die Ausübung der Macht wissen, aber wenig von unseren früheren Staatschefs, wenn sie einmal von der politischen Bühne abgetreten sind. Ich wollte die Verletzlichkeit dieser Politiker zu fassen bekommen, wenn sie plötzlich keinen Hofstaat mehr um sich herum scharen. Das ist wie ein kleiner sozialer Tod, doch das können sie nicht öffentlich eingestehen. In der Politik geht es immer um Inszenierung, Kommunikation, das Image.
Sie beschreiben neben dem Politik- auch das Kino-Milieu, denn Lehmanns zweite Ehefrau ist eine deutsche Schauspielerin. Was verbindet beide Welten?
TUIL: Den Schein zu wahren ist wichtig in diesen Berufen, in denen man ständig gefallen, Begehren wecken muss. Als einer meiner früheren Romane verfilmt wurde, sah ich, wie die Filmwelt funktioniert und dass es auch dort um Macht und Einfluss geht. Ich wollte einen Blick hinter die Fassaden ermöglichen.
In Frankreich herrscht bei der Wahl eines neuen Präsidenten immer viel Enthusiasmus. Schnell folgt die Desillusionierung, bis jedem Staatschef regelrechter Hass entgegenschlägt. Wie blicken Sie auf die nächste Wahl 2027?
TUIL: Ich bin sehr beunruhigt. Die politische Landschaft ist zersplittert, die Rechtsextremen sind in einer starken Position. In Frankreich gibt es diese starke Fokussierung auf den Präsidenten, der die Nation „retten“ soll. Besonders klar ließ sich das bei der Wahl von Emmanuel Macron sehen: Er hat die Parteienlandschaft zertrümmert. Es sollte nicht mehr links oder rechts geben, sondern nur noch diesen Mann, der sich als eine Art Heilsbringer präsentierte. Bald zeigte sich, dass er das nicht war. Das ist das Problem des französischen Systems. Aus der großen Erwartung wird schnell Enttäuschung. Auch Lehman in meinem Buch ist ein Mann der Überzeugungen, aber eben auch voller Widersprüche.
Wie viele andere Figuren im Roman wirkt er wie ein Opfer und Täter zugleich. Und er ist ein großer Zyniker.
TIUL: Wer diesen Beruf ausübt, braucht eine dicke Haut, wird permanent angegriffen, ist ständig unter Druck. All das verändert einen Menschen. Ich bleibe überzeugt davon, dass sich Frauen und Männer nicht nur aus Opportunismus politisch engagieren. Zu Beginn haben sie wirklich den Wunsch, der Allgemeinheit zu dienen. Schließlich korrumpiert sie das System. Ähnlich ist es in der Filmwelt, wo es um viel Geld geht. Für eine Schauspielerin ist es beispielsweise wichtig, Werbeverträge mit Marken zu unterschreiben – das kann ein Sprungbrett für eine neue Rolle sein. Durch die sozialen Medien ist heute der Druck so groß, dass ein kleiner Fehler, ein falscher Satz, ein unvorteilhaftes Foto eine Karriere zerstören kann.
Lehman ist in zweiter Ehe mit der Schauspielerin Hilda Müller verheiratet. Warum haben Sie eine Deutsche für diese Figur gewählt?
TUIL: Es gibt eine witzige Erklärung. Ich mag die Schauspielerin Sandra Hüller so sehr, dass ich an sie dachte, als ich anfing, an meinem Buch zu arbeiten. In Wahrheit ähnelt ihr die Figur gar nicht, aber mir gefiel die Idee, dass Hilda Müller und Dan Lehman, dieses deutsch-französische Paar, eine gewisse Idee von Europa verkörpern. Sie ist schön, intelligent und macht sozial engagierte Filme, er ist ein Mann der Linken.
Lehmans Ex-Frau Marianne hat wiederum das Buch geschrieben, das mit Hilda Müller in der Hauptrolle verfilmt wird. Warum ist Marianne die Einzige, die Sie aus ihrer eigenen Sicht sprechen lassen?
TUIL: In meinem Buch geht es um Masken. Alle Figuren versuchen, etwas darzustellen. Sie werden indirekt beschrieben, als hätten sie keinen Zugang zu ihrem eigenen Innenleben. Manche nehmen Drogen oder trinken Alkohol, um sich selbst zu entkommen. Ein Schriftsteller hingegen arbeitet mit seinem Innenleben, das setzt eine kritische Selbstsicht voraus. Marianne hat eine gewisse Distanz gegenüber dem, was ihr passiert. Das erlöst sie nicht von Schmerz und Leiden. Sie wurde für eine jüngere Frau verlassen und hat erlebt, dass ihr Ex-Mann nochmals ein Kind bekommen hat in einem Alter, in dem sie keines mehr haben kann.
Tatsächlich lieben Marianne und Lehman einander immer noch. Ist Ihr Buch auch ein Liebesroman?
TUIL: Ja, ich wollte von Liebe in einem weiteren Sinn sprechen: von der Nähe, die man mit jemandem haben kann, einer Zärtlichkeit, die sich im Laufe von Jahren aufgebaut hat. Ich sah um mich herum viele Paare, die lange zusammengelebt haben und sich scheiden ließen und dann alles beim anderen zurückwiesen – auch das, was sie einmal an dieser Person geliebt haben. Das finde ich ziemlich traurig. Ich sage nicht, dass es einfach ist, aber man kann versuchen, sich das Bewusstsein dafür zu bewahren, dass etwas Schönes zwischen diesen Wesen bestanden hat.
Zur Person
Die französische Schriftstellerin Karine Tuil, im Mai 1972 in Paris geboren, setzt sich in ihren gesellschaftskritischen Romanen vor allem mit deren Machtstrukturen, Widersprüchen und unsichtbaren Normen auseinander. Für mehrere ihrer Werke erhielt Karine Tuil Auszeichnungen, darunter der Roman „Les choses humaines“ („Menschliche Dinge“), der auch verfilmt wurde. Ihr jüngster Roman erscheint nun auf Deutsch: Die Liebeshungrigen. Aus dem Französischen von Maja Ueberle-Pfaff und Alexandra Baisch. 400 Seiten. Dtv, 25 Euro.
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