Wenn Rosen sowieso nur piksen und die guten Pralinen zu viel kosten, dann sag es mit Chopin. Das ist so ein Tipp aus der Trick-Mottenkiste der talentierten Gentlemen. Ein Ratschlag für Menschen, die Gefühle lieber an den Tasten eines Klaviers ausdrücken statt mit tapsigen, ungenügenden Worten. Und exakt diese Platte legt jetzt der Autor Takis Würger in seinem neuen Roman auf: Frédéric Chopins Klavierkonzert Nr. 1, op. 11 in e-Moll. Das ist eines der Werke, das der junge Held in der Liebesgeschichte „Für Polina“ spielt – und zwar nur allein, man ahnt es, für Polina.
Takis Würger legt mit „Für Polina“ einen musikalischen Liebesroman vor
In seinem Romandebüt „Der Club“ schrieb Takis Würger über Elite-Studenten, die sich im Boxring die Gesichter polieren, beim Sportduell Oxford gegen Cambridge. In „Stella“ fasste er die wahre Geschichte einer Jüdin, die mit der Gestapo der Nazis kollaborierte, in eine Romanform und die Kritik empfand das Buch als Skandal. In seinem neuen Roman versucht Würger jetzt sein eigenes „Für Elise“ auszukomponieren und nennt das Buch „Für Polina“. Das gelingt ihm liebevoll und so glatt, dass man manchmal fast befürchtet, im Kitsch auszurutschen.
Die Ouvertüre, ein Märchen: Es waren einmal zwei Kinder, die wuchsen ohne ihre Väter auf. Das eine Kind heißt Hannes und hat eine blitzkluge, bildhübsche, von Männern belagerte Mutter namens Fritzi. Mit ihrem unehelichen Sohn aus einer Affäre sucht sie Unterschlupf – und findet ihn bei einem schrulligen Schriftsteller in Tweed-Sakko, er lässt sie in seine verwunschene Villa im Märchenwald einziehen. Ein Knusperhäuschen-Idyll im Moor vor Hannover. Das andere Kind heißt Polina und kommt am selben Tag, im selben Krankenhaus wie Hannes zur Welt und ihre Mutter verbündet sich mit seiner. Polina und Mutter Günes, zwei blubbernde Temperamente mit türkischen Wurzeln, werden zu Dauergästen in dieser WG: Gemeinsam knabbert die Wohngemeinschaft am frisch geernteten Rhabarber, Fritzi leistet Forstarbeit, Polina döst auf dem Teppich im Salon und quasselt den schweigenden, lauschenden, hörenden Hannes zu. Schönes Leben in einer Halbruine.
„Für Polina“ erzählt von einem Tastengott, der an der Liebe leidet
Schöner nur ist der Blick durch Hannes Augen, wenn er auf Polina trifft, da malt Würger in vollen Farben der Romantik, er lässt es pilchern: „Eine Göttin mit schwarzen, kurzen Haaren“ sei Polina. „Ein wenig schwindelig war Hannes ohnehin schon den ganzen Tag, weil Polina das Haar wippend offen trug und immer, wenn sie sich bewegte, ein Hauch Pfirsich zu ihm herwehte.“ Hannes, der Wortlose, fasst eines Tages Mut und spielt für sie auf dem alten, klapprigen Hausklavier – ja natürlich ist es alt und klapprig – seinen Chopin. Und bald auch eine Melodie, die nach Polina klingt, Polina verkörpert, Polina atmet. Denn Hannes ist ein Tastenwunder, ein Mozart aus dem Moor, dem Klanggedanken aus den Fingern fließen, ganz eigene Werke. So beginnt eine liebenswerte Liebe ohne Worte und Taten zwischen beiden, denn Musik ist eine hinlängliche Sprache der Liebe – oder? Nein, das Glück bricht: Die Suche nach ihrem unbekannten Vater treibt Polina hinaus in die Welt. Hannes verliert seine Liebe – und dann auch noch seinen letzten Halt durch einen zweiten, schlimmsten Verlust.
Anbetungswürdige Frauen, hilfsbedürftige Männer – so spitz zeichnet Würger seine Figuren, in Opposition bis ins Klischee. Hannes will nie wieder Klavierspielen, nimmt aber einen Job als Klaviertransporteur an. Quer durch Hamburg schleppt er Instrumente, doch bei jedem Schritt klingt immer sie in seiner Erinnerung: Polina. Die Perfekte. Wobei bekanntlich alle Frauen, selbst die hässlichen, noch wunderschön perfekt sind – lernt Hannes von seinem besten Klavierschlepperfreund. Die Herren? Sind ramponiert. Der liebesleidende Hannes darf sich im Job seine Bandscheiben aus den Wirbeln quetschen. Sogar einen Finger verliert er zwischen Treppengeländer und Flügelkante. Sein Transport-Chef, Herr Blau, darf kaputt und liebenswert sein, samt Glatze, Erektionsproblemen und polternden Sprüchen. Die Frauen sind fast alle Traumerscheinungen und Retterinnen: Hannes findet Ansätze von Trost bei einer blonden, wohlduftenden Schönheit aus gutem Haus. Sie bleibt aber eine Randnotiz neben den Müttern und neben der einen Liebe. Polina bleibt makellos bis in den ideal platzierten Makel. Sie ist feenhafte Ronja Räubertochter mit einer romantischen Faszination für orientalische Teppiche.
Nach „Stella“ legt Takis Würger eine romantische Geschichte vor
Trieft da Schmalz aus den Tasten? Die Romantik entspannt sich, wenn Würger die Handlung beschleunigt. Hannes spielt in einem polinaerfüllten Moment dann doch wieder einmal Klavier, mitten auf der Straße, beim Transport – und merkt nicht, dass Passanten um ihn starren und das Wunder filmen. Wildfremde fallen sich bald um den Hals, verkrachte Paare entflammen in neuer Leidenschaft, die Welt findet Frieden, und alles nur, weil Menschen Hannes den Klavierschlepper im Youtube-Video spielen hören. Hannes, eine Kreuzung aus Orpheus und Ludovico Einaudi. In solchen Momenten entwickelt das Buch einen Witz, ohne das Schöne der Musik ins Lächerliche zu ziehen. Dass Hannes über 291 Seiten so ideal verträumt und weltfern wirkt, scheint Würger aber ernst zu meinen und setzt damit eine manchmal etwas unterkomplexe Hauptfigur in die Welt. Nichts Unsympathisches, nichts Saures oder Böses hat er an sich, ein Charakter aus moralisch weißen Tasten. Er ist ein Mogli ohne Instagram-Zugang, der sich nur in sein Moor zurücksehnt, als er zum Weltstar aufsteigt. Ob Polina seiner Melodie hört? Und ihr folgt?
Mit „Stella“ versetzte Takis Würger die Branche noch in Unruhe, jetzt beruhigt er mit Herzlichkeit in „Für Polina“. Eifrig, fast übereifrig, beschreibt er Klavierholzarten, Konzertflügeltypen, Stimmwerkzeuge. Aber neben Fachbegriffen und Tönen fallen Sätze von Schönheit, die beim Lesen einen Seufzer freisetzen, in Rührung und Zuckerschock. Als Liebesroman des Jahres wird das Buch schon jetzt gefeiert – es ist auf jeden Fall ein Roman mit Herzschlag, Melancholie und Chopin.
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