„Also werde ich Lieder schreiben, auch wenn alles untergeht, die Flut vor Hamburg steht und ich den Waldbrand live erleb“, heißt es in ihrem meistgehörten Song „Selbst im Krieg wurde gemalt“. Ronja Künstler ist Musikerin und Aktivistin. In ihren Liedern geht es oft darum, Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten zu bewahren, um die Klimakatastrophe, den Aufstieg der Rechtsextremen.
Bereits mit zwölf Jahren hat Künstler begonnen, erste Protestsongs zu schreiben. „Aber ich war unzufrieden mit den Liedern, deswegen habe ich es einige Jahre sein gelassen“, sagt sie. So richtig Klick gemacht habe es erst während des Studiums. Als sie begann, sich bei der Letzten Generation zu engagieren. Seitdem verbindet sie Gesang und politisches Engagement. Doch wie funktionieren eigentlich Protestsongs? Eine Rundreise durch den musikalischen Aktivismus.
Insbesondere während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkriegs waren Protestsongs Mainstream
Musik wird seit jeher als politisches Medium genutzt. „Es gibt Kompositionen mit politischen Themen aus dem Mittelalter“, sagt Moritz Kelber, Musikwissenschaftler von der Universität Augsburg. Besonderen Aufschwung hatten Protestsongs dann im 21. Jahrhundert, insbesondere während der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren. Etwa „A Change is Gonna Come“ von Sam Cooke, „Respect“ von Aretha Franklin oder „Say it Loud – I‘m Black and I‘m Proud“ von James Brown.
Auch zu Zeiten der 68er-Bewegung wurden Protestlieder, insbesondere gegen den Vietnamkrieg, überall gespielt. Das wohl bekannteste Beispiel ist „We Gotta Get Out of This Place“ von den Animals. Heutzutage finden Protestsongs nur noch selten ihren Weg in den Mainstream.
Moritz Kelber unterscheidet politische Musik in zwei Ebenen: Musik, die auf politischen Veranstaltungen gespielt wird, und Protestlieder. „Protestsongs funktionieren über Text und Kontext“, erklärt er. Der Hörer benötige politisches Vorwissen, um das Gesungene einordnen zu können. In „AfD-Parteiverbot“ singt Ronja Künstler: „Für ihre nicht so geheimen Pläne lassen sie sich sogar feiern. Ihren Hass und ihre Hetze wollen sie nicht mal verschleiern. [...] Weil der Faschismus uns wieder mal bedroht, braucht es ein AfD-Parteiverbot.“
Der Song ist kurz nach den Recherchen von Correctiv zum Geheimtreffen in Potsdam erschienen. Bekannte Rechtsextreme wie Martin Sellner, aber auch Mitglieder der AfD und der Werteunion hatten dort über einen „Masterplan zur Remigration“ gesprochen. Die Recherchen lösten deutschlandweite Proteste aus. „Ohne dieses Wissen und Verstehen funktioniert dann so ein Liedtext nicht, solche Lieder benötigen Identifikation mit dem Thema“, erklärt Kelber.
Bella Ciao wurde zum Sommerhit 2018
Was passiert, wenn der Kontext nicht gegeben ist, zeigt das Beispiel von „Bella Ciao“. Ursprünglich ein Lied italienischer Partisanen im Zweiten Weltkrieg, avancierte ein Remix vom französischen DJ Hugel durch die Netflixserie „Haus des Geldes“ zum Sommerhit 2018. Da jedoch die meisten Menschen den politischen Hintergrund des Originals nicht kannten, ging dieser weitestgehend verloren.
Für die Wirkung spielt die Art der Musik eine wichtige Rolle. „Ein bisschen Frieden“ von Nicole, die im Alter von 17 Jahren den Eurovision Song Contest 1982 gewann, ist ein ruhiges Lied. In verschiedenen Sprachen träumt sie von einer besseren Welt. Kelber nennt als Kontrast den Hamburger Straßenrapper Disarstar, der sich selbst als Marxisten bezeichnet. „Er transportiert Kampfbereitschaft, nicht nur rhetorisch.“
Treibende Beats und Trap-Elemente unterstreichen gesellschaftskritische Aussagen. „Springer enteignen, FDPler vertreiben [...] Milliardäre enteignen, Rolex für alle“, rappt Disarstar in „Rolex für alle“. Kelber erklärt: „Der Inhalt des Textes spiegelt sich in der Musik.“ Bei Nicole ist es eine Botschaft des Friedens, bei Disarstar Klassenkritik.
Für ihren Klimaaktivismus bei der Letzten Generation war Künstler in Präventivgewahrsam
Künstler ist in der Klimabewegung aktiv. Nach einem Protest der Letzten Generation musste sie zwei Wochen in Präventivgewahrsam verbringen. „Wir wurden weggesperrt, damit wir keine weiteren Taten – ergo Proteste – mehr begehen können“, erklärt sie. Insgesamt waren sie zu zehnt, aufgeteilt in drei Zellen. „Das hat es erträglich gemacht“, sagt Künstler. An ihrer Bereitschaft, für ihre Werte einzustehen, hat der Präventivgewahrsam nichts geändert. „Es ist richtig, sich auf friedliche Weise dafür starkzumachen, unsere Lebensgrundlage zu schützen.“
Für Künstler ist klar, dass es beides braucht: Musik und politisches Engagement. „Musik alleine kann nichts verändern.“ Oft tritt sie auf Demonstrationen auf. „Die Aktivisti können Kraft aus der Musik ziehen, und wenn es gut läuft, kann man mit den Liedern auch Leute von außerhalb erreichen.“ Zudem höre nach fünf Reden ohnehin niemand mehr zu, fügt Künstler hinzu und lacht.
Auch Rechte Musik ist populär: Neben Rechtsrock wird nun auch oft Rap als Genre genutzt
Natürlich gibt es Musik als Form des Aktivismus nicht nur bei Progressiven. Auch im rechten und rechtsextremen Spektrum werden Botschaften über Songs transportiert. Kelber warnt jedoch davor, deren Musik mit der von Menschen aus dem progressiven Spektrum zu vergleichen. „Linke Musik ist nicht menschenverachtend und geht offen mit den eigenen Botschaften um“, sagt der Musikwissenschaftler.
Rechtsextreme hingegen arbeiten häufig mit Codes. So wird in Liedern oft die germanische oder teutonische Vergangenheit besungen, um für eine homogene Gesellschaft ohne Migration einzutreten. Rechtsrockkonzerte sind weiterhin wichtig für die Szene, Rap und Hip-Hop spielen jedoch mittlerweile eine große Rolle. Ein Beispiel ist Chris Ares, der Anfang der 2020er hohe Chartplatzierungen erzielte. Er rappt unter anderem vom „großen Austausch“ und verwendet antisemitische Motive. Aufgrund seiner Texte wird er vom bayerischen Verfassungsschutz als Rechtsextremist eingestuft.
Künstler will trotz Präventivgewahrsam auch in Zukunft Aktivismus und Musik verbinden. Die Erlebnisse hat sie im Song „So richtig wie das“ verarbeitet. „Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Und dann zieh’n sie dich vor Gericht“, singt sie. Das Lied endet mit folgenden Zeilen: „Wir sind der Feueralarm, wir machen das hier nicht aus Spaß. Vielleicht versteht ihr ja irgendwann, nichts war je so richtig wie das.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren