Das 19. Jahrhundert war ein Jahrhundert der Abenteurer. Die sich schnell entwickelnde Verkehrstechnik mit Eisenbahnen und Dampfschiffen erleichterte es, die Welt kennenzulernen, große Entfernungen konnten schneller und durchaus auch bequemer zurückgelegt werden. Für Abenteuer blieb aber dennoch Zeit und Raum. Berichte von Afrika-Expeditionen oder die Romane des vor 100 Jahren gestorbenen Karl May fanden viel Publikum. Auch ein Dießener, der Glasergeselle Franz Berchtold, wusste vor rund 150 Jahren von seinen Erlebnissen in fremden Ländern zu berichten. Seine „Wahrheitsgetreue Beschreibung“ einer zu Ostern 1866 unternommenen Pilgerfahrtnach Jerusalem gab er 1868 als 76-seitiges Büchlein heraus, das für 18 Kreuzer eine ebenso erbauliche wie spannende Lektüre darbot.
Franz Berchtold, 1826 in Dießen geboren, wurde wie sein Vater Glaser, doch das bodenständige Handwerk schien ihm keine Lebenserfüllung gewesen zu sein. Schon als Bub habe er sich danach gesehnt, fremde Länder und Völker zu sehen – und gerade eine Pilgerfahrt nach Jerusalem sei sein innigster Wunsch gewesen, leitete er sein Heft ein. 1866 verwirklichte Franz Berchtold seinen Traum. Mitten im Winter, am 15. Januar, verließ er Dießen und wanderte nach Innsbruck, wo er zwei Gefährten traf, mit denen er an Ostern in Jerusalem sein wollte. Über den schneefreien Brennerpass ging es nach Süden, in Bozen bestiegen die Pilger den Zug nach Trient, gingen dann wieder ein Stück zu Fuß, um mit der Eisenbahn nach Venedig zu fahren und per Schiff in den damals österreichischen Adriahafen Triest zu gelangen.
Dort schlossen sich die drei Reisenden 28 Pilgern des Severin-Vereins an und dann begann auf einem Schiff namens „Austria“ das orientalische Abenteuer des Dießener Glasergesellen. Am 17. Februar erreichte die Gruppe Smyrna (Izmir) und damit türkischen Boden. In seinen Bericht streute vielfach landeskundliches und historisches Wissen über seine Reisestationen ein. Man kann annehmen, dass er auch Sekundärliteratur verwendete, um etwa seinen Lesern die damals noch weitgehend multiethnischen Bevölkerungsstrukturen des Osmanischen Reiches zu schildern. So zählt er am Beispiel Smyrnas auf, dass von den damals 140000 Einwohnern 80000 Türken, 40000 Griechen, 15000 Juden und 5000 katholische Christen waren. Besonderes Interesse zeigte Berchtold auch an den Wohn- und Gebäudeverhältnissen und der Lebensart in den von ihm bereisten Ländern. Über Smyrna bekam der Leser einen ersten Eindruck von einer orientalischen Stadt: „In ganz Smyrna findet man keine Hauptplätze, sondern nur enge und schmutzige Gassen, wo nur ein Kameel hinter dem andern gehen kann und wo man bei Begegnen eines Packträgers oder eines beladenen Lastthiers sich in das nächste Haus flüchten muß (...) An den besuchtesten Plätzen stehen immer gesattelte Pferde und Esel bereit zum Gebrauche, wie bei uns die Lohnkutscher. Wagen sieht man nicht, weil es auch keine fahrbaren Straßen gibt.“ Der Basar sei ein „immerwährender Markt“ und die einzelnen Handwerker seien gassenweise konzentriert. Mehr über diese Reise lesen Sie in der Printausgabe des LT.