Wer vorhergesagt hätte, dass am Ende dieser Woche acht deutsche Atomkraftwerke abgeschaltet sind (was wohl in allen Fällen die dauerhafte Stilllegung bedeuten dürfte), wäre für verrückt erklärt worden. Niemand konnte die Katastrophe in Japan voraussehen, aber genauso wenig war vorstellbar, dass die Nachrichten aus Japan binnen weniger Tage, ja Stunden, eine so radikale Wende in der deutschen Atompolitik herbeiführen würden.
Den meisten Deutschen kommt diese Reaktion logisch und vernünftig vor: Zwingen die schrecklichen Nachrichten nicht zum sofortigen Handeln? Sind die Risiken der Kernkraft nicht drastisch vor Augen geführt worden? Das ist wahr. Aber erstaunlich bleibt, dass die deutsche Reaktion weltweit einmalig ist: In 31 Ländern sind Kernkraftwerke in Betrieb oder im Bau; außer in Deutschland wurde nirgends ein Reaktor abgeschaltet.
In anderen Ländern, in Großbritannien und den USA (wo Obama 100 neue Atomkraftwerke plant), staunt man in diesen Tagen über das Phänomen, das als German Angst längst ein fester Begriff im Englischen ist, wie Zeitgeist und Blitzkrieg. Zwar gibt es auch in anderen Ländern neue Debatten über die Atompolitik und auch emotionale Reaktionen. Doch nirgends auf der Welt gab es so viele spontane Anti-Atomkraft-Demos, nirgends waren die Geigerzähler so schnell ausverkauft und die Jodtabletten so begehrt.
Das heißt freilich noch nicht, dass die deutsche Reaktion per se falsch ist. Angst kann ein guter Ratgeber sein, und manchmal braucht es vielleicht sogar ein Schreckerlebnis, um zur Vernunft zu kommen. Im individuellen Leben ist das nicht anders: Mancher Raucher hat es erst geschafft aufzuhören, als er einen schlimmen Krankheitsfall im Familienkreis miterlebt hat. Die bekannten, aber beständig verdrängten Risiken standen plötzlich wieder klar vor Augen, und die Kraft zum Aufhören war endlich da.
Der Vergleich mit dem Raucher hinkt freilich. Denn zum Rauchen gibt es eine kerngesunde Alternative: Nichtrauchen. Zur Atomkraft dagegen gibt es nur Alternativen, die ihrerseits Nachteile mit sich bringen – auch wenn es manchmal in diesen Tagen scheint, als dürfe man das kaum noch erwähnen, denn die Atomangst scheint jede sachliche Diskussion zu ersticken.
Richtig ist: Jede andere Art der Stromerzeugung hat ihre eigenen Nachteile. Dort, wo fossile Brennstoffe genutzt werden, entstehen zwangsläufig Gase, die gesundheitsgefährdend sind und zur Klimaerwärmung beitragen. Öl als Energieträger kann zu Umweltkatastrophen wie zuletzt im Golf von Mexiko führen und zu politischen Abhängigkeiten, die in den letzten Jahrzehnten zu schlimmen Verwerfungen in der internationalen Politik beigetragen haben. Und die erneuerbaren Energien sind noch nicht so weit entwickelt, dass sie quasi über Nacht den größten Teil der deutschen Stromversorgung garantieren könnten. Hinzu kommen die gigantischen Kosten der Energiewende in einem ohnehin hoch verschuldeten Land: Die Verantwortung gegenüber kommenden Generationen gibt es schließlich nicht nur im ökologischen, sondern auch im finanziellen Sinne.
Heißt das: Weiter so mit der Kernkraft? Nein, das heißt es nicht. Den Ausstieg anzustreben, ist richtig, wenn man alle Risiken auch des Atommülltransportes und der Endlagerung bedenkt. Aber ebenso notwendig ist eine differenzierte Debatte und eine ruhige Abwägung der Vor- und Nachteile unterschiedlicher Szenarien.
Diese Debatte kann nur international geführt werden. Vor französischen und tschechischen Reaktoren schützt keine Grenze und kein deutscher Sonderweg. Wer es sich leicht machen will, kann sagen, dass andere Länder noch nicht so weit sind wie wir und Deutschland zu Recht Vorreiter beim Atomausstieg sein will. Wer so schlichten Überlegenheitsgefühlen nicht nachgeben will, wird sich vorsichtiger und nachdenklicher mit den schwierigen Fragen des Themas auseinandersetzen und die Debatten anderer Länder genauso nüchtern bewerten wie die – immer noch völlig unklare – Lage in Japan.
Angst kann ein schlechter Ratgeber sein, wenn sie zu unüberlegten Panikreaktionen und kopfloser Flucht führt. Noch gilt alle Sorge und Sympathie den Menschen in Japan; danach muss eine nüchterne Analyse der japanischen Erfahrungen und der europäischen Optionen beginnen.