Es funktioniert immer noch: So wie ich einst meine Eltern durch exzessiven Gebrauch des Wortes mit Sch... zur Weißglut treiben konnte, so gelingt es meinen Enkeln, mir durch das Wort mit g... ein gequältes Stöhnen zu entlocken. Jugendsprache muss provozieren, das ist einer ihrer vornehmsten Zwecke. Wer jung ist, muss sich von den Alten abgrenzen, und wie könnte man das besser tun als mit freigebig verteilten sprachlichen Nadelstichen, Ärger-, Aufreg- und Ekelwörtern.
Das war schon immer so und wird so bleiben. (Bitte nicht vergessen: Zum Spiel gehört auch, dass sich Eltern und Großeltern wirklich aufregen, sonst macht es ja keinen Spaß.) Trotz dieser Kontinuität ändert sich die Jugendsprache freilich ständig. Das Wort mit Sch... hat heute nur noch geringe Aufreg-Qualität, weil es ja auch Erwachsene benutzen, und auch „geil“ ist schon zu normal geworden. Wenn, dann muss es wenigstens „endgeil“ heißen, wie mich meine Enkelin belehrt. Oder man sagt „krass“, um höchste Wertschätzung auszudrücken; Steigerungsform „krassomatico“. Und wenn man etwas gar nicht mag, dann findet man das „madig“.
Es ist zweifellos amüsant, sich von seinen Kindern oder Enkeln durch die Neuschöpfungen der Jugendsprache leiten zu lassen – man kann das durchaus als eine Form der Teilhabe an aktueller Jugendkultur wertschätzen –, und es ist auch lehrreich. Denn wie die Kinder und Jugendlichen reden, das teilt uns auch etwas über die Welt mit, in der sie leben.
Diese Welt unterscheidet sich in einigen Punkten von derjenigen früherer Jugendgenerationen. Es ist zum einen eine durch Migration geprägte Welt: Wenn das sogenannte Türkischdeutsch mit seinen Verschleifungen und gespielt aggressiven Posen („Ey, Alter, hasse gehört?“) zum angesagten Sprachstil für Jugendliche unterschiedlichster Herkunft geworden ist, dann heißt das doch, dass kulturelle Differenz etwas Selbstverständliches wurde – etwas, mit dem man sogar spielen kann.
Zum Zweiten erzählt die Jugendsprache von einer kommunikationsversessenen Welt. Unsere Kinder und Enkel reden andauernd miteinander (wie wir Erwachsenen ja auch), und zu großen Teilen tun sie das schriftlich. Was in Facebook oder per SMS geschrieben wird, ist eigentlich Sprechsprache, flüchtig niedergelegt. „vlt kommste heut oda bessa moing“ – so liest sich dann eine Verabredung per SMS. Auf grammatikalische und orthografische Regeln kann man bei dieser Kommunikation nicht achten, denn sie muss schnell gehen, wie alles in unserer Welt. Es spricht für die Kreativität der Jugendlichen, dass sie daraus einen eigenen Sprachstil erfinden.
Dabei fallen dem, der genau zuhört, durchaus unterschiedliche Stile auf. Denn Jugendliche heute leben immer noch in einer Welt der sozialen Ungleichheit, und die drückt sich auch sprachlich aus. Daran hat sich nichts geändert, seit der Linguist Basil Bernstein vor 50 Jahren den restringierten Code der Unterschicht und den elaborierten Code der Mittelschicht benannte. Wer ins Gymnasium geht, will sich mit dem, was er sagt, mehr oder weniger bewusst unterscheiden vom Hauptschüler. Da werden dann schon mal Fremdwörter eingestreut, oder man würzt seine Äußerungen mit einer Portion Ironie. Und was drückt ein Sprachscherz wie „Deine Mudda bricht bei Aldi ein!“ anderes aus als soziale Abgrenzung von oben nach unten?
Dass Sprache Menschen trennen und nicht nur verbinden kann, das trifft also auch auf die Sprache der Jugendlichen zu. Man muss das nicht dramatisch nehmen – schließlich ist gerade Jugendsprache auch ein Spiel –, aber man darf vielleicht schon mal sagen: „Gar nicht krass das, ziemlich madig.“