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Frau Sayle: Herzblatt-Geschichten

Frau Sayle

Herzblatt-Geschichten

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    Herzblatt-Geschichten
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    Augsburg (AZ) - Ach ja, damals... damals also hatte es mit weißen Umschlägen begonnen. Wie bei Herzblatt. Am Ende war die Überraschung im weißen Umschlag. Bei Rudi Carell ging es um das Ziel des Herzblatt-Hubschraubers. Bei uns ging es ums Volontariat.

    Denn in jenem Umschlag, den damals ein jeder Möchtegern-Volontär auswählen musste (und selbst öffnen durfte), steckte ein Prüfungs-Reportage-Thema: "Dem Eis der Saison auf der Spur" etwa, oder: "Der gute Ton in Bus und Bahn". So war das damals, vor gut zwei Jahren im Vorstellungsgespräch im vierten Stock.

    Die Frau hinter den Umschlägen war Stefanie Sayle. Endlich bekam der Name aus dem Bewerbungsschreiben ein Gesicht. Und eine Stimme - die wenige Wochen später hörbar vorfreudig verkündete: "Wir möchten Sie gerne als Volontär/Volontärin einstellen."

    Von da an ging es Schlag auf Schlag. Kaum im Haus, tourten wir durch die Redaktionsräume. Vorstellungsrunde über Vorstellungsrunde ("Ähm, guten Tag, wir sind die Neuen. Haben dies und das da und dort studiert, sind so und so alt und, ähm, heißen so und so"), Bekanntschaft mit alfa-Tierchen und Wishbone Ash. Yeah! Und dann raus in die weite Welt (Gersthofen, Günzburg, ...) - leider nicht im Herzblatt-Hubschrauber. Dafür im Dienst-Corsa quer durchs (lokale) Verbreitungsgebiet.

    Weiße Umschläge gab es immer wieder: Einladung zum Volotag, Themen für ein Crossmedia-Projekt, Gehaltsabrechnungen, charmante Aufforderungen, die Artikelsammlung endlich abzugeben, Wunschlisten für die anstehenden Volo-Tage. Der kleine Bonus des Redaktions-Azubis führte nicht auf die Zugspitze, aber aufs Nebelhorn, in den Knast, in die Psychiatrie, in die Puppenkiste, ins Stadion - und immer alles im Griff hatte und an unserer Seite war: die Frau Sayle. Die Chefin, die kein Zuspätkommen duldete. "Treffpunkt 12.30 Uhr" heißt eben nicht "Treffpunkt 12.31 Uhr"! Wo kämen wir denn da hin! Und Recht hatte sie ja. Ja doch. Unsereiner stünde ja auch dumm da, wenn der Stadtrat (sagen wir um exakt 21.04 Uhr) beschlösse, ein neues, pompöses Rathaus zu bauen - und unsereiner trudelte erst um exakt 22.01 Uhr zur Sitzung ein. Zum Beispiel.

    Ein Volotag bedeutete für den Volo auch: Stress. Ständig musste er schlaue Fragen fragen und Kaffee trinken. Und hinterher noch mehr trinken, äh, Networking betreiben. Das dann ohne die Chefin. Die war sicher froh über ein wenig Ruhe. Ruhe, um die gesammelten Werke ihrer Schützlinge zu lesen. Gefürchtet ihre Kritik, unvergessen ihre Ermahnung: "Schreiben Sie bloß nicht: 'Die letzten Tage'. Das ist völliger Quatsch" (sinngemäß).

    Oder Ruhe, um sich - wir springen chronologisch ein wenig zurück in die harte, sechswöchige Anfangszeit im Haupthaus - auf ihre Paraderolle vorzubereiten: die eines schwäbisch-derben Bauern nämlich. Für das Interview-Training (die Interview-Partner kamen im weißen Umschlag) gab sie großes Theater, brachte den einen oder anderen Jungvolontär damit schier aus der Fassung. Fragte sie doch eindringlich: "Und wasch isch mit die Sauä? Die Sauä! SAUÄ!!! (Sauä, schwäbischer Plural für Sau, die = weibliches Schwein.) Volontär: "Bei uns heißt das Schweine."

    Zwischenfazit: Wir flogen in keinem Herzblatt-Hubschrauber, flogen nicht um die Zugspitze herum und genossen nicht den himmlischen Blick über das romantische Bayern. Dafür genossen wir das wildromantische Bayerisch-Schwaben und das angrenzende Oberbayern - und entwickelten eine innige Liebe zu seinen Bewohnern, selbstverständlich inklusive derer mit Migrationshintergrund, insbesondere dem Plumplori Kalle. Die Chefin machte uns mit ihm bekannt - und nun wird er immerfort einen festen Platz in unseren Herzen haben, wo er sich mit seinen acht Fingern festkrallt. Zu rührig ist seine Geschichte, hier in Stichworten: Halbaffe aus Südostasien, Münchner Flughafentoilette, Einsamkeit, Abschiebung nach Augsburg, ein Leben unter falschem Namen (Kalle ist eine Sie), vorläufiges Happy End. Nur wenn er in seinem Gehege nicht zu sehen ist, kommt kurz Unruhe auf im Büro im dritten Stock. Der Projekt-Volontär - von seiner Aufgabe her sowieso ständig mit dem Augsburger Zoo per Standleitung verbunden - muss schon mal nachfragen, ob Kalle noch lebt.

    Die Chefin hat eben ein Herz für Volontäre UND Tiere. Vor allem für Pferde. Und auf denen reitet sie nicht nur gerne, sondern bewahrt sie zudem vor Übel: "Pferdehimmel statt Himmel auf Erden? Dubiose Geschäfte mit Rössern versprechen große Gewinne. Von unserem Redaktionsmitglied Stefanie Sayle" - ein Aufschrei ging nach diesem Artikel durchs Land. Und die Chefin hat ein Herz für Australien, auch wenn sie dort stets in akuter Lebensgefahr schwebt: "Was ist giftiger als giftig? Sofern es eine Steigerung gibt, kann die Antwort nur lauten: Tiere aus Australien." Puh!

    Und so kommen wir schon zum Schlussfazit: Ja, sie unterhielt uns, trainierte uns, disziplinierte uns. Rief uns zur Ordnung in unserem kreativen Schaffen. Wehe, wir ließen nach oder brachten den heiligen Locher (er macht vier Löcher auf einmal) nicht zurück. Da gab's was zu hören... aber es war auch schnell verziehen!

    Und nun? Happy End? Ob unsere Redakteurs-Verträge in weißen Umschlägen stecken? Ob auch da alles eine Frage des Zufalls ist? Nur eines ist gewiss: Wir haben uns alle ein Happy End verdient. Wir hätten uns sogar einen Herzblatt-Hubschrauber verdient. Denn schließlich haben wir alle dafür unser Bestes gegeben: Die sieben Volontäre und erst recht unsere Chefin Frau Stefanie Sayle.

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