Zwischen April und September 2019 feiert Neu-Ulm sein Jubiläum „150 Jahre Stadterhebung“. Die Neu-Ulmer Zeitung, die nächstes Jahr 70 Jahre alt wird, wirft in den kommenden Monaten ein paar Blicke in die Vergangenheit der Kommune, in ihre Gegenwart und – so weit möglich – in die Zukunft. Heute: der Bahnhof Neu-Ulm.
Fünf Bahnhofsgebäude in nur 165 Jahren – das klingt bedeutend. Tatsächlich sind in Neu-Ulm allein zwischen 1853 und 1957 nacheinander drei solche Bauwerke errichtet, abgetragen und wiederaufgebaut worden. Als viertes wurde 2008 nach dem Umbau des gesamten Bahngeländes lediglich ein großes freitragendes Dach aufgerichtet, das vier Rundpavillons überdeckt. Das fünfte Bauwerk schließlich lieferte schon Mitte des vorigen Jahrhunderts der Böblinger Spielwarenhersteller Kibri als Bausatz für Modelleisenbahnen aus.
Den Bahnhof Neu-Ulm gab es als Modell für die Eisenbahn daheim
Welche Gründe die Kindler & Briel GmbH (Kibri) bewogen haben mögen, neben Bahnhofsgebäuden aus Bonn, Kehl am Rhein oder Calw auch Neu-Ulm aufzunehmen, lässt sich nicht mehr sicher klären. Kibri, das Wilhelm Kindler und Adolf Briel 1895 gegründet hatten, war 2010 pleite. Der Spielwarenhersteller Viessmann im hessischen Hatzfeld übernahm Kibri und setzt seither die Produktion fort. Schon im Oktober 1973 aber hatte ein Brandanschlag auf das Böblinger Werk das gesamte Firmenarchiv vernichtet. Daher kann nur vermutet werden, dass der 1957 an der Stelle des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Neu-Ulmer Bahnhofs eröffnete Neubau mit Flachdach und großer, hoher Eingangshalle als Ausdruck zeitgemäßer Architektur im öffentlichen Raum angesehen wurde. Nicht nur das Bahnhofsgebäude selbst samt einem Stück Bahnsteig und Gleisen stand zum Verkauf. Parallel zu dieser Anlage zum Preis von 28,50 Mark – als Bausatz zum Selbstzusammenkleben für 16,50 Mark – bot Kibri auch das Verwaltungsgebäude der Lechwerke am östlichen Rand des vor dem Bahnhof gelegenen Heiner-Metzger-Platzes und das Wohn- und Geschäftshaus am Nordrand für jeweils 9,50 Mark im Modell an. Insgesamt ein Ensemble, wie es typisch war für Großbauten der ersten Nachkriegsjahre. Auf einer Internetversteigerungsplattform wurde das Modell des Bahnhofsgebäudes jüngst zum Preis von 82 Euro angeboten.
Optisch anspruchsvoller als der nüchtern-sachlich ausgebildete Nachkriegsbau, der unmittelbar an der Bahnhofstraße auf dem heutigen Julius-Rohm-Platz stand, wirken seine Vorgängerbauten. Vor allem das 1875 in Betrieb gegangene, an italienische Renaissancebaukunst erinnernde zweite Bahnhofsgebäude war durchaus ansehnlich. Mit ihm zugleich waren eine Güterhalle und eine Lokomotivenremise errichtet worden, wie Neu-Ulms Stadthistoriker Georg Buck in seiner 1911 erschienenen Chronik sorgfältig vermerkt. Knapp 70 Jahre sollte dieses Bauwerk Bestand haben – ein paar Um-, vor allem auch Erweiterungsbauten ausgenommen. Wenige Wochen nur vor Ende des Zweiten Weltkriegs legte ein massiver Bombenangriff der Alliierten Neu-Ulms Bahnhof in Schutt und Asche. Im Archiv der Bahndirektion Augsburg ist das Ereignis festgehalten: „Das Bahnhofsgebäude war nun völlig zerstört, nachdem es am 1. März zwar angeschlagen, aber noch verwendbar war.“ Es dauerte ein Dutzend Jahre, ehe der neue Bahnhof in allen Teilen wiederaufgebaut war.
Neu-Ulms erstes Abfertigungsgebäude für Bahnreisende war schon 1853 eröffnet worden, als die Linie nach Augsburg noch gar nicht mal durchgängig befahrbar war. Auch der Anschluss nach Ulm fehlte noch, weil die Eisenbahnbrücke erst im folgenden Jahr fertiggestellt wurde.
Zwischen Neu-Ulm und Ulm gab es bis 1854 keine Schienenverbindung
Für Reisende aus dem Königreich Bayern mit Zielen im Königreich Württemberg war Neu-Ulm erst mal Endstation. Mit Pferdedroschken wurden die Fahrgäste über die Herdbrücke zum Ulmer Bahnhof transportiert, wo sie ihre Reise fortsetzen konnten. Das Provisorium endete am 1. Mai 1854. Nun reichte die Verbindung von Augsburg her bis zum „Bayrischen Bahnhof“ in Ulm, den heutigen Kopfgleisen 25 bis 28.
Dieser erste Neu-Ulmer Bahnhof von 1853 war denn wohl ein wenig klein geraten. Zu Zeiten, als mancher noch fürchtete, das Tempo der Eisenbahnen werde der Gesundheit der Reisenden abträglich sein, hatte wohl kaum jemand mit dem Andrang gerechnet, den die neuen Möglichkeiten des kurzfristigen Ortswechsels auslösten. Schon 1867 jammerte ein Augsburger Zeitungsredakteur über das Abfertigungsgebäude: „Welch ein Durcheinander in diesem Lokal täglich zusammenkommt.“ Es sei ein wahres Unglück, je in Neu-Ulm auf einen Zug gewartet zu haben. Der Bayerische Landtag bewilligte denn auch schon zwei Jahre darauf rund 400000 Gulden für einen Neubau. Der Deutsch-Französische Krieg kam dazwischen, sodass erst 1875 mit dem Bau begonnen wurde.
Ein Bahnhofsgebäude herkömmlicher Art besteht in Neu-Ulm seit dem großen Umbauprojekt NU21 nicht mehr. Der Haltepunkt ist einen Trog versenkt worden. Auch Güter- und Containerbahnhof mit ihren einst 13 Rangiergleisen sind verschwunden. Das neue Bahngelände, das nur noch aus Durchfahrtgleisen besteht, wurde im Jahr 2007 in Betrieb gesetzt. In der Folge wurden die gesamten weiteren Bahnanlagen abgetragen, das Areal mit der Meininger Allee neu erschlossen und mit Wohngebäuden besetzt.