Groß, kräftig und nackt steht Edwin Scharffs Bronzeplastik „Junger Athlet“ seit Jahren auf ihrem Sockel im Innenhof des Edwin-Scharff-Museums. Doch irgendetwas ist jetzt anders: In der linken Hand, auf Höhe des Geschlechts, hält der Jüngling jetzt Schokolinsen. Kein Kinderstreich, sondern ein frecher künstlerischer Eingriff von Stefan Wissel. Und nicht der einzige: Unter dem Titel „Postproduktion“ tritt der Düsseldorfer an mehreren Stellen des Neu-Ulmer Museums in Dialog mit dessen Namensgeber und anderen Arbeiten der Dauerausstellung – für einen Zeitraum von vier Jahren.
Wissel hat Edwin Scharff und sein Werk sehr genau studiert. Schon zur Wiedereröffnung des Hauses am Petrusplatz gestaltete er einen ganzen Raum mit Arbeiten des gebürtigen Neu-Ulmers. „Ein richtig klassischer akademischer Bildhauer“, findet Wissel, der selbst ganz anders arbeitet: Für seine Installationen verwendet er auch alltägliche Materialien wie Kleiderständer oder industriell gefertigte Regalsysteme. Aber genau dieser Kontrast ist es, der die Begegnung zwischen diesen beiden Künstlern so interessant macht.
Neue Ausstellung "Postproduktion" im Edwin-Scharff-Museum in Neu-Ulm
Wissel ist ein Künstler, der nicht auf grelle Effekte abzielt, sondern genau beobachtet und seine Eingriffe genau dosiert – wie in der Postproduktion beim Film, wo es um das Finetuning, das gezielte Akzentuieren des vorhandenen Materials geht. Und er ist ein bescheidener Typ, was sich schon daran zeigt, wie er seinen Beitrag im Innenhof beschreibt: „Im Grunde ist das eine Arbeit der hier lebenden Vögel, ich habe sie nur modifiziert.“ Die Idee kam ihm nämlich, als er beobachtete, wie die Tiere Samen der benachbarten Bäume in die Hand der Bronzefigur legten.
Die anderen vier Eingriffe des 1960 geborenen Wissels befinden sich im Inneren des Museums, in der Dauerausstellung, die sich mit Scharff und seinen Zeitgenossen beschäftigt. Im Eingangsbereich hat er ein Leuchtschild aus Plexiglas und Aluminium an der Wand angebracht. Mit diesem thematisiert er die Entree-Situation, nimmt aber auch die Formen der marmornen „Hockenden“ Scharffs auf – und setzt dem hellen Stein Pop-Art-Farben entgegen. Noch subtiler seine Arbeit im nächsten Raum, „Down to Earth“, eine auf dem Boden liegende Klappe aus Stahl, unter der sich ein Zugang zur Unterwelt – oder auch zum Unterbewussten – zu verbergen scheint: ein feiner, kluger Kommentar zu den von Krieg handelnden Plastiken und Bildern drumherum.
Künstler Stefan Wisser stellt in Neu-Ulm aus
Einen Raum weiter, wo die ausgestellten skulpturalen Werke von Eros und Körperlichkeit erzählen, lenkt er den Blick nach oben – zu einem Sperrholzregal, mit eigenwillig geformten Bronzen, die an schreiende Totenmasken, an verzerrte Mumiengesichter erinnern. Tatsächlich sind es Abgüsse von Kosmetikmasken, die sinnbildlich für den Traum ewiger Jugend und Schönheit stehen können. Wissel lässt Ideal und Realität aufeinanderprallen. Stefan Wissels Interventionen drängen sich dem Betrachter niemals auf, sie nehmen die vorhandene Kunst im Museum ernst, nie sind sie platt ironisch oder gar höhnisch. Und in ihrer zurückhaltenden Ästhetik eröffnen sie neue Perspektiven auf Scharffs Werk, ohne jemals in kunsthistorische Besserwisserei zu verfallen. Wissel nähert sich dem vorhandenen Material analytisch und zugleich emotional, aber nie verkopft. Und oft auch mit feinem Humor.
So wie im letzten Raum, der dominiert wird von großen Bronzen wie Scharffs Marienthaler Kirchentür. Aber wo ist Wissels eigene Arbeit? Der Künstler und Museumsleiterin Helga Gutbrod grinsen, als bei der Vorbesichtigung die Presse ratlos sucht – und erst nach einem Hinweis fündig wird. Wissel hat dem Raum mit seinen von Rollos verdunkelten Fenstern ein weiteres Schein-Fenster samt Rollo und Sims spendiert, bei dem durch den Spalt an der Seite leuchtendes Tageslicht durch LED-Leisten simuliert wird. Genau dieser Effekt, der ihn an Arbeiten des großen Lichtillusionisten James Turrell erinnere, habe ihn dazu inspiriert.
Ausstellung "Postproduktion: Stefan Wissel im Dialog mit Edwin Scharff" in Neu-Ulm
Eine Spielerei? Viel mehr als das. Denn hat man das verblüffend echte „Fake-Fenster“ erst einmal entdeckt, erlebt man den gesamten Raum neu, die Architektur, die Lichtführung – und natürlich die Kunst. Besonders Käthe Kollwitz’ berühmte Pietà wirkt nun wie ein Teil einer sakralen Inszenierung, Wissels öffnet mit „Always the Sun“ ein Fenster zum Transzendenten. Mit nicht viel mehr als einem Rollo, Holz und ein paar LED-Leuchten. Überzeugend einfach, einfach überzeugend.
„Postproduktion: Stefan Wissel im Dialog mit Edwin Scharff“ wird am Sonntag, 19. Mai, dem Internationalen Museumstag, eröffnet. Bei der Matinee um 11 Uhr spricht Museumsleiterin Helga Gutbrod mit dem Kunstkritiker Hans-Jürgen Hafner, um 15 Uhr gibt es ein Künstlergespräch mit Wissel vor seinen Werken. Der Eintritt an diesem Tag ist frei.
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