Die Schönheit eines verwilderten Hauses: Hier darf Natur sein. Keine Luxussanierung, keine Wärmedämmung. Stattdessen: Pflanzen. Moos. Gestrüpp. Kunst. Und die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört. „Green House“ heißt das Projekt, das am 23. Mai und 24. Mai für zwei Tage einen verlassenen, überwucherten Ort in eine begehbare Kunstinstallation verwandelt.
Der genaue Standort bleibt geheim – aus Rücksicht auf die Nachbarschaft. Treffpunkt ist die Griesbadgalerie, dann geht es mit dem Fahrrad weiter zu einem Haus, das aus menschlicher Perspektive vielleicht „verwahrlost“ aussieht, aus Sicht der Pflanzen aber längst ein funktionierendes Habitat ist.
„Green House“: Die Stadt aus einer nicht menschlichen Perspektive
Genau darum geht es den Beteiligten: die Stadt einmal nicht aus menschlicher Perspektive zu betrachten. „Ich habe in den letzten Jahren kuratorisch zum Thema wilder Pflanzen im urbanen Raum gearbeitet“, erzählt die Leipziger Künstlerin und Fotografin Franziska Klose. Die Idee habe sie seit einem früheren Projekt in Hannover beschäftigt. Dort lernte sie auch den Kurator Martin Leibinger kennen. Aus diesem Kontakt entstand schließlich „Green House“. Er brachte die Idee zur Griesbadgalerie. „Ich bin sehr glücklich, dass sie das Projekt unterstützen und als Partnerverein eingestiegen sind“, sagt er.
Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler verbindet vor allem ihr Interesse an urbaner Vegetation und nichtmenschlichen Lebensformen – allerdings mit sehr unterschiedlichen Mitteln. Klose arbeitet fotografisch, der tschechische Künstler Vojtěch Liebl zwischen Grafikdesign und Installation, Sean Roy Parker aus Großbritannien performativ und textbasiert. Leibinger sagt über die Auswahl: „Alle drei haben mit einem künstlerischen Projekt aus meiner Zeit in Hannover zu tun. Ich dachte, sie passen gut zusammen, weil sie sich mit ähnlichen Themen beschäftigen – urbane Vegetation, Organismen.“
Installationen, Pflanzen, Essensreste: Das erwartet die Besucherinnen und Besucher
Besonders geheimnisvoll bleibt Sean Roy Parkers Beitrag. Der Aktionskünstler und Lyriker kündigt ortsbezogene Arbeiten an, verrät aber nur: „Es ist ein Werk, das man zu verschiedenen Zeitpunkten ganz unterschiedlich erleben kann. Vielleicht verändert es sich jedes Mal.“
Parker arbeitet zwischen Skulptur, Installation, gemeinschaftlichem Gärtnern und Food-Aktivismus. Er gehörte zu „The Field“, einem experimentellen Künstler*innenprojekt in einem ehemaligen Gebäude der britischen Kohlebehörde. Seine Praxis beschreibt er als „langsam, low-tech und regenerativ“. Er arbeitet mit Lebensmittelabfällen, wilden Pflanzen und Tauschlogiken. Unter dem Namen „Fermental Health“ schreibt er über Materialkreisläufe, Beziehungen zwischen Arten und soziale Gerechtigkeit durch Nahrung. Vieles seiner Kunst wird gegessen, kompostiert oder weiterverwendet: Degrowth als ästhetische Praxis.
Auch Vojtěch Liebl denkt Kunst nicht als abgeschlossenes Objekt. Seine neue Arbeit für Ulm entsteht direkt vor Ort und soll eine „multisensorische Einladung“ sein – ausdrücklich auch für Menschen, die sonst wenig mit Kunst zu tun haben. Liebl, Jahrgang 1998, lebt in Prag und bewegt sich mit seiner Arbeit zwischen sichtbaren und unsichtbaren Welten. Inspiriert von Pilzen, Mikroorganismen und der „stillen Intelligenz nichtmenschlichen Lebens“, interessiert ihn weniger, wie Menschen diese Organismen nutzen können, sondern was sie uns beibringen können.
Kurator Martin Leibinger lädt im „Green House“ zum Mitmachen ein
Das alles klingt zunächst ziemlich verkopft. Vor Ort soll es jedoch „überraschend und zugänglich“ sein, betont Leibinger. „Das ist nicht auf ein bestimmtes Alter oder Kunstinteresse beschränkt. Es ist offen für alle, sogar für Kinder. Die Leute können sich beteiligen.“ Gleichzeitig versteht sich „Green House“ als Gegenposition zur Logik permanenter Stadterneuerung. Leibinger spricht von einem „Statement gegen die typische Art, alles zu erneuern und modern zu machen“.
Das Projekt interessiert sich gerade für das Ungeplante, das Widerständige, das, was sich der Kontrolle entzieht. „Warum nicht verlassene Orte behalten?“, fragt Klose. Leibinger ergänzt: „Wir wollen eine alternative Sichtweise anbieten. Einen anderen Blick – vielleicht einen weniger menschlichen Blick. Und mit Hilfe der Kunst zeigen, dass solche Orte unglaublich interessant sind und viele positive Seiten haben.“
Info: Green House ist nur am 23. und 24. Mai zu sehen, jeweils um 11 und 14 Uhr. Treffpunkt: Griesbadgalerie, Seelengraben 30, 89073 Ulm. Von dort geht es mit dem Fahrrad etwa 15 Minuten zum geheim gehaltenen Ort der Installation. Wer nicht radeln kann, soll sich vorab bei der Galerie melden: info@griesbadgalerie.de.
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