Das Galeristenpaar Tobias Schrade und Martina Strilic in Bircheneders gemaltem Environment "Leitz-Kultur"Foto: Florian Arnold
Wer die Ausstellung von Stefan Bircheneder in der Galerie Tobias Schrade betritt, könnte zunächst meinen, in einen halb eingerichteten Büroraum geraten zu sein: Ein Schreibtisch steht im Raum, davor ein gepolsterter Stuhl. Auf der Tischplatte liegen Utensilien eines fleißigen Büroarbeiters. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass hier nichts ist, was es zu sein vorgibt: Die Tischplatte ist eine Leinwand, das Polster des Stuhls ebenfalls. Alles ist gemalt.
Die Verblüffung gehört zum Konzept. Bircheneder beherrscht die alte Kunst des Trompe-l’œil, jener traditionsreichen Illusionsmalerei, die das Auge mit höchster Malkunst täuscht. Wie überzeugend seine Bilder wirken, zeigt eine Anekdote von der Kunstmesse ART Karlsruhe. Dort nahm ein Besucher auf einem von Bircheneder gemalten Stuhl Platz. Die Galeristin fürchtete um das Kunstwerk; der Künstler selbst freute sich regelrecht. Denn die Täuschung hatte (wieder einmal) funktioniert.
In der Galerie Schrade in Ulm
Wer in Bircheneders Arbeiten lediglich eine virtuose Maltechnik sieht, übersieht ihren eigentlichen Gehalt. Seine Werke sind weit mehr als fotorealistische Fingerübungen. Sie erzählen Geschichten über die Kultur des Alltags, über Erinnerungen, Arbeitswelten, das langsame Verschwinden einer Epoche. In Ulm zeigt der 1974 im niederbayerischen Vilshofen geborene Künstler Schilder, Spinde, Aktenordner und Plakate. Gegenstände, die gewöhnlich kaum Beachtung finden, werden bei ihm zu Trägern von Erzählungen. Ein geöffneter Spind gibt den Blick auf ein Superman-Kostüm frei. Daneben liegen Potenzmittel und Vitaminpräparate. Ein Aktenordner mit Superman-Emblem trägt die Aufschrift „Gerettete Leben“. Er ist jedoch nur halb gefüllt. Die Pointe ist leise und wirkungsvoll: Der Held altert und auch Superkräfte unterliegen den Gesetzen der Zeit. Die Ikonen der Populärkultur bevölkern Bircheneders Bilder. Vergessene Marken der siebziger, achtziger und neunziger Jahre tauchen auf, alte Verpackungen, Westernhefte oder Aufkleber. Auf einem Spind klebt Alf, jene außerirdische Fernsehfigur, die einst in deutschen Kinderzimmern allgegenwärtig war.
Der gelernte Kirchenmaler und Restaurator beschäftigt sich seit Jahren mit verlassenen Fabriken, Industriebrachen und sogenannten „Lost Places“. Was andere als hässlich oder wertlos empfinden, interessiert ihn besonders. In stillgelegten Produktionsstätten und verlassenen Sozialräumen sucht er nach den Resten menschlicher Anwesenheit. Seine menschenleeren Panoramen konservieren die Geschichte der Industriegesellschaft, ohne sie zu idealisieren.
„Letzte Schicht“: Täuschungen des Bircheneder noch bis 11. Juli
Dabei ist die Abwesenheit des Menschen paradoxerweise das zentrale Thema seiner Kunst. Die Figuren fehlen, doch ihre Spuren sind überall sichtbar. Offenstehende Büroschränke, angelehnte Spindtüren oder zurückgelassene Kaffeedosen wirken wie Porträts ihrer einstigen Besitzer. Menschen selbst treten nie auf. Die „Letzte Schicht“ ist lange her. Darin liegt die zauberhafte Melancholie dieser Werke.
Warum sind die Menschen verschwunden? Die Bilder geben keine Antwort; Bircheneder lässt die Möglichkeiten bewusst offen. Seine barock übersteigerten Lichtstimmungen verleihen den verlassenen Orten etwas Unwirkliches, beinahe Sakrales. Hier zeigt sich möglicherweise noch die Schule des Kirchenmalers, der gelernt hat, mit Licht zu erzählen. Zugleich zeigt Bircheneder einen feinen Humor. Seine Kunst beobachtet die Welt mit Schalk und Sympathie; diese Verbindung aus Ironie und Ernst macht ihren Reiz aus. Was bleibt, wenn die Menschen gegangen sind? Bircheneders Antwort fällt poetisch aus.
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