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Jahrhundertroman Lázár erzählt europäische Geschichte über Generationen hinweg

Ulm

Jahrhundertroman „Lázár“: Viele Geschichten sind inspiriert von Biedermanns Großmutter

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    Mit 22 Jahren hat Nelio Biedermann schon einen Jahrhundertroman vorgelegt – und las daraus im DZM in Ulm.
    Mit 22 Jahren hat Nelio Biedermann schon einen Jahrhundertroman vorgelegt – und las daraus im DZM in Ulm. Foto: Florian L. Arnold

    Der Schnee fällt am Anfang. Und er fällt am Ende. Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert europäischer Katastrophen. Mit gerade einmal 22 Jahren hat der Schweizer Autor Nelio Biedermann einen gewaltigen Roman geschrieben, der wirkt, als hätte er Jahrzehnte in Bibliotheken, Familienarchiven und den Ruinen des alten Europas verbracht. „Lázár“, inzwischen in mehr als 20 Sprachen übersetzt, erzählt vom Niedergang einer südungarischen Adelsfamilie zwischen Donaumonarchie und Stalinismus – und von Menschen, die der Geschichte ausgeliefert sind. Im Donauschwäbischen Zentralmuseum (DZM) las Biedermann nun bereits zum zweiten Mal in wenigen Wochen in der Region.

    Nach einem Auftritt in Langenau zeigte sich auch das Ulmer Publikum beeindruckt von einem jungen Autor, der auffallend druckreif spricht, intensiv nachdenkt und dabei Sätze formuliert, die weit reifer wirken als ihr Verfasser. Schon der erste Satz seines Romans klingt nach den großen europäischen Erzählern des 20. Jahrhunderts: „Am Rand des dunklen Waldes, nahe noch der Schnee des verendeten Jahrhunderts, nimmt Lajos von Larsa, das durchsichtige Kind mit den wasserblauen Augen, zum ersten Mal wahr, dass er es sein wird, der seinen Vater töten wird.“

    Nelio Biedermanns „Lázár“: Geschichten aus einer versunkenen Welt

    Moderiert wurde der Abend von der Buchhändlerin Angelika Mahr, die keinen Hehl aus ihrer Begeisterung machte. Als sie das Leseexemplar bekommen habe, habe sie „die erste Seite aufgeschlagen und den ersten Satz gelesen und dann die zweite Seite und die dritte und die vierte“. Danach sei ihr klar gewesen: „Das wird ein großer Erfolg.“ Tatsächlich erstaunt an „Lázár“ nicht nur die historische Wucht, sondern auch die Sprache.

    Biedermann orientierte sich nach eigenen Worten bewusst an Klassikern, um jene Tonlage zu finden, die eine generationenübergreifende Jahrhundertgeschichte tragen kann. Man hört darin Anklänge an Autoren wie Joseph Roth – melancholisch, nostalgisch, von einem versinkenden Europa erzählend.

    Die Bilder und Geschichten seines Romans stammen dabei nicht allein aus Archiven. „Die kamen vor allem von meiner Großmutter“, erzählte Biedermann. Sie sei in Ungarn aufgewachsen und habe ihre ersten Lebensjahre tatsächlich in Schlössern verbracht, bis die Familie 1948 enteignet wurde und das Land verlassen musste. „Für mich und meine Schwester waren das unglaublich spannende Geschichten. Sie hat sie sehr gerne erzählt – und wir wollten sie immer hören.“

    Dass er Schriftsteller werden wollte, habe er früh gewusst. Öffentlich aussprechen mochte er es allerdings lange nicht. „So ein Wunsch, den man öffentlich macht, fällt in sich zusammen.“ Lieber las er sich durch Klassikerlisten fürs Abitur: „Diese Hunderte von Texten wollte ich alle lesen“. Und das tat er wohl auch.

    Nelio Biedermanns „Lázár“ in Ulm: Die Sehnsucht nach Vergangenheit

    Wer „Lázár“ liest, begegnet zahllosen literarischen Verweisen. „Man hätte dem Buch auch eine Leseliste anhängen können“, bemerkte Mahr. Biedermann widersprach der Vermutung literarischer Angeberei freundlich: Die vielen Autorennamen gehörten schlicht zur Farbigkeit dieser Welt. Und diese Welt wächst weiter.

    In Ungarn entsteht derzeit eine erste Theaterfassung des Romans, parallel laufen die Vorbereitungen für eine internationale Kinoadaption. Die Rechte sicherte sich Tom Tykwer, der auch Regie führen soll. Einschüchternd finde er das nicht, sagte Biedermann nach längerem Nachdenken. Ein Film sei eben eine eigene Kunstform. Er werde sich nicht einmischen. „Am Ende gebe ich das Buch ab.“

    Vielleicht passt genau das zu diesem Roman: dass sein Autor nicht versucht, die Geschichte zu beherrschen. Seine Figuren können es schließlich auch nicht. Sie kämpfen gegen Krieg, Flucht, Enteignung und politische Gewalt an – und gegen das langsame Verschwinden ihrer Welt.

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