Hellmut Hattler und die beiden Brüder Peter und Jan Fride Wolbrandt hatten im Ulmer Zelt allen Grund zum Feiern: Im Mai 1971, vor ziemlich genau 55 Jahren, gab ihre Krautrock-Band Kraan ihr allererstes Konzert. In Ulm war das, in der Heimatstadt der drei Musiker. Inzwischen ist Kraan nicht nur eine der dienstältesten Bands, sondern wahrscheinlich auch die einzige, in der nach so langer Zeit noch die Gründungsmitglieder spielen. Im Zelt begeisterten sie ihr Publikum.
Kraan begeistert mit neuem Album im Zelt in Ulm
„Einmal Sauna bitte!“, überraschte ein älterer Herr das Team an der Abendkasse. „Mit Handtuch!“ Saunaartig war es im Zelt, doch das tat der Stimmung beim Heimspiel von Kraan keinen Abbruch. Und der Spielfreude von Hattler, den Wolbrandt-Brüdern und dem Kraan-Dauergast Martin Kaspar an den Keyboards schon gar nicht.
Denn Hattler hat festgestellt: Die Weltlage, kriegszündelnde Politiker verschiedener Länder, (oder wie der Ulmer Bassist sagt „die Saubeutel“), ziehen ihm den Saft weg. Und da hilft ihm nur eines: Auf dem Bass „rumdaddeln“ und kreativ sein. Dann ist die Seelenlage nämlich schon nach einer halben Stunde stabil - und das genau wollen die Musiker von Kraan ihrem Publikum auch geben, die Möglichkeit, die Batterien aufzuladen beim Zuhören und Spaß haben.
Da ist es doch mehr als sinnvoll, dass die ursprüngliche Planung nach der Reunion von Kraan, nur noch die bekannten Gassenhauer aus früherer Zeit zu spielen, nicht aufging, und dass die Kreativität in den letzten Jahren sprudelt wie selten. Das Publikum wird zum Experimentierfeld für ganz Neues, an dem sie gerade herumprobieren, bekommt Songs des neuen Albums „All in“ wie „Braunfels“ zu hören. Und natürlich Stücke aus der Frühzeit von Kraan wie „Wintrup“, benannt nach jenem Gut der Familie Metternich, wo die Musiker von der Band dereinst sieben Jahre lang mietfrei leben und ihren Stil entwickeln konnten.
Hattler und Wolbrandt pflegen jahrzehntelange Freundschaft
Aus dieser Frühzeit erzählt Hattler im Zelt an diesem Abend gern, und von seinem Platznachbarn Jan Fride Wolbrandt, der als Neunjähriger in seine Klasse kam, von einer lebenslangen Freundschaft - auch, wenn sich nicht alles aus der Anfangszeit bewährt habe, das gemeinsame Eigentum zum Beispiel und die Esoterik. Sie seien das erste selbstverwaltete Irrenhaus Deutschlands gewesen, witzelt Hattler.
Heute sind die drei zwischen 74 und 76 und boten im Zelt Jazzrock vom Feinsten. Obwohl man doch nur ein bisschen mit den Kindheits- und Jugendfreunden spielen wollte. Und das in Ulm, wo es fürs Seelenleben sehr speziell sei und Hellmut Hattler sich immer „ein bisschen ins Hemd macht“. Understatement ist das natürlich, wie auch die Aussage, man sei ja nun in einem Alter, wo man aufpassen müsse, dass man nicht mehr über die Stränge schlägt. Denn Kraan sind richtig gut drauf, und das stehende und wippende Publikum mit den glücklichen Gesichtern und den nickenden Köpfen dankt es mit Jubel und Zurufen. „Let it out“ einfach, wie ein Kraan-Album 1975 hieß.
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