Bevor jetzt wieder die Frage aufkommt, so wie jüngst einmal bei der Besteigung des Münsterturms: Nein, auch im Metzgerturm gibt es keinen Aufzug. Wer also wissen will, wie er sich als Ausstellungsort so macht, muss schon ein gewisses Maß an Anstrengung auf sich nehmen. Das Kunstpublikum sollte am besten sogar über alpinistische Grundvoraussetzungen verfügen, trittfest und schwindelfrei sein und keine staubfreie Umgebung erwarten. Es wird an der Pforte sogar ausdrücklich darauf hingewiesen, dass bei gesundheitlichen Einschränkungen von einem Besuch abzuraten ist.
Ausstellung verteilt sich über fünf Etagen und ein Foyer
Ganz so schweißtreibend, wie befürchtet, wird die Angelegenheit dann aber nicht. Man kann sich ja etappenweise nach oben vorarbeiten, gemäß der inneren Struktur des Turms verteilt sich die Ausstellung über insgesamt fünf Etagen plus Foyer. Die Treppen sind zwar schmal und steil, aber von einem Handlauf begleitet. Und es dürfen sich immer nur zehn Personen gleichzeitig in dem Turm aufhalten: vermutlich nicht, weil er bei höherer Frequenz dann endgültig kippen würde, sondern wegen möglicher Gefahren durch Gedrängel.
Damit nun zum Anlass selber. Johannes Pfeiffer, 1954 in Ulm geboren, seit Mitte der 1980er weltweit mit Landart-Projekten und ortsspezifischen Installationen hervorgetreten, steht mit dem Turm je bereits seit vier Jahren in engerer Beziehung, und zwar ganz wörtlich durch ebenfalls eine Installation. Das fächerförmig aufgespannte Bündel aus Nylonschnüren scheint ihn am Wegkippen zu hindern. Immerhin hat Ulms mittelalterlicher „schiefer Turm“ nach Nordwesten einen Überstand von zwei Metern, was auch im Inneren spürbar ist. Abzüglich der dicken Mauern und des hölzernen Treppenhauses verbleiben kleine, knarrende Kammern mit etwas morbider Ausstrahlung. Die Radierungen, mit denen Pfeiffer sie ausgestattet hat, passen gut, sie korrespondieren mit den Strukturen an den Wänden und mit der außergewöhnlichen Turmarchitektur an sich.
Pfeiffer experimentiert mit Kaltnadel-Technik in Ulmer Ausstellung
Pfeiffer hat sich, wie er seinem Premieren-Publikum erzählte, aus diesem Anlass erstmals mit dieser Technik beschäftigt. Er habe die Liniengespinste, Schraffuren, Rhythmen, geometrischen oder freien Strukturen auf die Platten (Kaltnadel auf Plastik) aufgebracht mit „geschlossenem Auge“. Gleich einem Surrealisten sollte das Unterbewusste unmittelbar die Regie übernehmen während des spontanen, eruptiven Zeichenakts, der bewusste Gestaltungswille also ausgeschaltet bleiben. Gleichwohl erinnern die Ergebnisse, rund 40 Blätter sind zu sehen, immer wieder an Architektonisches, oft sogar direkt an Turm-Gebilde.
Das Auge des Betrachters filtert aus der Abstraktion eben das heraus, was ihm vertraut erscheint und imaginiert Vertrautes hinein. Setzt Pfeiffer in seinen Installationen das Materielle und das Immaterielle zueinander in eine spannungsgeladene Beziehung, sucht er hier die Bipolarität zwischen Struktur und Auflösung, spontaner Geste und Tendenzen zur Formwerdung. Alles ist in Bewegung, die Lineatur ist erfüllt von Energie, und gezeigt wird eine Momentaufnahme davon.
Man kann den Besuch natürlich zusätzlich noch mit einem Sekundär-Erlebnis verknüpfen, dem Genuss einer bislang neuen Aussichtsperspektive auf Ulms Altstadt. Zu verdanken ist die dem Ulmer Kunstverein, der sich den Kraftakt zugetraut hat, um Erfahrungen mit diesem ungewöhnlichen Ausstellungsort zu sammeln und dessen Möglichkeiten auszutesten. Martin Rivoir, Alt-Landtagsabgeordneter, hat die Türen geöffnet, die Denkmalschützer gnädig gestimmt, die nötigen Genehmigungen bewirkt. Einfach für eine Bespielung ist dieser extreme Ort nicht, aber für manche Kunstschaffenden sicher reizvoll. Verläuft bei dieser Premieren-Schau hoffentlich alles gut, erwächst daraus vielleicht ja auch der Mut, mit Installationen eine erweiterte Korrespondenz mit dem mittelalterlichen Denkmal zu suchen.
Info: Geöffnet ist die Ausstellung bis 18. Oktober, Freitag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.
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