Die Freiheit der Kunst kennt Grenzen. Zwischen dem Autor und seinem Buch stehen Verlage, Lektoren und Marktinteressen. Der Weg des Musikers auf die Bühne führt über Studienjahre und Castings, Selbstmarketing und Konzertagenturen. Zwischen Maler und Ausstellung reihen sich Kuratoren, Sammler, Preis-Juroren, Chefetagen von Museen und Galerien. Und als unüberwindbare Hürde schiebt sich jetzt auch noch ein Virus zwischen Kunst und Publikum und friert alles Leben ein. Unüberwindbar? Nicht ganz. Der Ulmer Fotograf, Maler und Designer Thomas Becker hat sich einen Freiraum konstruiert – im Internet. Auf seiner Website führt er seine eigene Galerie, den „Kunstraum Ulm“. Becker erklärt: „Für normalsterbliche Künstler ist es schwierig, in einem Museum ausgestellt zu werden. Meine Idee: Dann baue ich mir eben mein eigenes, virtuelles Museum.“ Kein Museumsdirektor kann ihm im Netz etwas vorschreiben. Ohne Ticketschalter oder Bezahlschranke haben Besucher Zugang zu Beckers virtuellen Räumen. Geöffnet 24 Stunden am Tag – gegen jede Ausgangsbeschränkung.
Thomas Becker hat sich seinen "Kunstraum Ulm" erschaffen
Hereinspaziert in den Kunstraum Ulm. Dort klickt man sich durch Beckers Collagen von Gemälden und Fotos – und durch besondere Räume und Orte. Beckers Kunst hängt in seiner virtuellen Welt an einer Kaufhaus-Fassade in der Ulmer City, in einer Eisenbahnunterführung, im Innenhof der Wilhelmsburg. Doch die Werke hängen da nicht nur. Menschen, die Becker per Photoshop ins Bild konstruiert hat, stehen vor seinen Werken, wie in Wimmelbildern – und oft ist es Becker selbst, der sich in seine Bilder hineinzaubert. An virtuellen Industriegebäuden und Brückenpfeilern hängen hier Gemälde und zwischen Trümmerruinen in der Ulmer Oststadt. „Nach der Natur“ heißen die Malereien in den Collagen, oder auch: „Ideale Landschaften.“ Natur, Kunst und Stadt berühren sich.
Becker wurde 1960 in Hannover geboren, er hat Werke im Ulmer Stadthaus ausgestellt und im Münchner Gasteig, seine Bilder waren in Frankreich, Österreich und Luxemburg zu sehen. Vor drei Jahren kam er auf eine neue Idee – da waren Coronaviren noch kein Thema und alle Museen standen offen. Er aber wollte sich im Netz etwas eigenes aufbauen. Ganz ohne Konzept, Plan oder Architektur begann er das Projekt: „Ich habe mich mit der Kamera auf die Suche gemacht.“ Ein großes Gebäude mit blanker Fassade sollte die Hülle für seine fiktive Galerie werden. Er wurde fündig: das Heizkraftwerk an der Magirusstraße – ein wuchtiges, metallisch-graues Industriemonument. Becker nennt es das „Zentralgebäude“, die Fassade schmückt er großflächig mit Bildern.
Thomas Beckers digitale Welt wächst weiter
„Mit den Jahren ist das Projekt gewachsen, mit neuen Innen- und Außenräumen“, sagt Becker. Auch Skulpturen verteilt er im virtuellen Raum: Am Donauufer an der Adenauer-Brücke steht in dieser Kunstwelt eine kantige Maschine, die Worte wild kombiniert. Es ist der Kunstautomat „Phrasendreschmaschine“, der „4096 Kunstdefinitionen“ nach Zufallsprinzip ausspuckt. Ein Beispiel: „Kunst die Zertrümmerung utopischer Sinnkonstrukte“.
Becker ist ein erfahrener Fotograf, der „Kunstraum Ulm“ war für ihn aber der Einstieg in die Feinheiten der digitalen Bildbearbeitung. Oder wie er es mit Augenzwinkern nennt: „Die Photoshop-Lügenwelt.“ Becker sagt: „Man kann sich hier frei ausspinnen. Es gibt keine Hemmnisse.“ In der Realität entspricht ihm das gar nicht. „Ich bin ein konventionell arbeitender Maler und Fotograf. Ich bin kein extrovertierter Joseph Beuys, ich könnte keine öffentliche Performance abhalten – im Netz aber schon. Im Netz traut man sich.“
Für Thomas Becker geht die Arbeit auch in der Krise weiter
Die Welt der realen Museen, Theater und Konzerthallen hat geschlossen. Aus Beckers Sicht entsteht in der Virus-Krise aber ein erstaunlicher Effekt: Künstler bangen zwar um Aufträge, müssen Ausstellungen absagen. Andererseits erzeugt diese Lücke vor allem eines – Zeit. „Die Menschen haben jetzt mehr Zeit für Kunst“, sagt Becker. „Die Arbeit geht weiter, man tauscht sich mit Kollegen aus, schickt sich die neuen Werke hin und her. Auch Sammler melden sich. Zuvor waren die meisten immer schrecklich beschäftigt.“
Beckers virtuelle Galerie will reale Kunst sein, nur eben digital. Zugleich steht sie im Konjunktiv – „hätte“, „könnte“, „würde“. Was wäre denn, wenn die Kunst tatsächlich die Stadt erobert? Becker sagt, er könne sich gut vorstellen, seine Werke wirklich einmal hinauszutragen, in den öffentlichen Raum. Aber das muss und kann jetzt auch noch ein wenig warten. Becker scheint zufrieden: „Mein Kunstraum Ulm passt gut in diese Zeit.“
Eintritt zum „Kunstraum Ulm“ und Infos zum Künstler finden Sie unter www.th-beckerweb.de.
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