Letztens gab es ein Lebenszeichen aus dem Roxy. Ein Konzert fand in der Werkhalle des Ulmers Kulturzentrums statt – allerdings ganz ohne Publikum, ohne Menschenmenge und Applaus. Das Musik- und Comedy-Duo „Suchtpotenzial“, Ariane Müller aus Ulm und Julia Gámez Martin, standen mutterseelenallein auf der Bühne. Die Requisite: Keyboard, Gitarre, Hocker, Mikrofone, ein großes Banner. Doch ganz allein waren die beiden nicht. Immer wieder warfen sie während des Konzerts einen Blick auf einen Bildschirm, der auf dem Notenständer lag. Sie beobachteten den Youtube-Livestream ihres eigenen Konzerts und lasen die Kommentare, die zeitgleich im Netz hereinschneiten. „Da schreiben schon Leute: Hallo, huhu, hi und ’Applaus’. Das ist gut, denn wir hören ja nichts. Hier ist ja niemand“, sagte Julia Gámez Martin und nahm es mit Humor.
Suchtpotenzial gibt ein Wunschkonzert im Roxy
Auf Facebook hatte Tage zuvor ein Aufruf die Runde gemacht: Dieser Auftritt von Suchtpotenzial sollte ein Wunschkonzert werden und rund 350 Songwünsche äußerten die Fans. So kam es zustande, das erste Konzert ohne Publikum in der 30-jährigen Geschichte des Ulmer Roxy.
Was dabei deutlich wird: Das Coronavirus schafft neue Formen und Begriffe. „Geisterkonzert“ – so heißen nun die Auftritte ohne direktes Publikum. Die Frauen machten das Beste aus dem Live-Format, mit einem kuriosen, humorigen Programm von Blödel-Liedern von Otto Waalkes bis zu Louis Armstrongs „What a Wonderful World“. Musik, die in schweren Zeiten einen Funken guter Laune verbreiten kann.
Christian Grupp, Geschäftsführer des Roxy, erklärt: „Alles ist möglichst sicher abgelaufen, mit so wenigen Leuten wie nur nötig.“ Das Video zum Livestream zählt auf Youtube inzwischen mehr als 10000 Aufrufe. Dieser Auftritt bleibt trotzdem – vorerst – das einzige Geister- und Wunschkonzert. Wenn Grupp nun einen Wunsch frei hätte, dann wohl, dass die Krise bald überwunden ist. Damit der Spielbetrieb des Kulturzentrums so schnell wie möglich wiederbelebt wird.
Das Roxy stemmt sich gegen die Coronavirus-Krise
„Ein bisschen Irrsinn und viel Ungewissheit“, so beschreit Grupp die vergangenen drei Wochen. Die tägliche Aufgabe: Agenturen kontaktieren, Termine finden und hin- und herschieben – und auch absagen. „Wir müssen Planungen über den Haufen werfen und geplante Spielpausen streichen“, erklärt er. Auf der Roxy-Website veröffentlicht Grupps Team Tag für Tag neue Ersatztermine. Fast die komplette Reihe der Konzerte und Auftritte bis zum 2. Mai wird verschoben, von „Rose Tattoo“ bis Felix Lobrecht. Der Haken dabei: Jede Verschiebung erhöht das Risiko, in Konflikt mit bereits vereinbarten Terminen im Herbst zu geraten. Ab Herbst wäre dann das Haus theoretisch im Dauerspielbetrieb.
„Die Krise trifft uns in einer Zeit, in der wir im Frühling eigentlich einen finanziellen Puffer für den Sommer aufbauen. Das fehlt uns jetzt“, erklärt der Geschäftsführer. Sorgen schweben über dem Kalender und auch die Frage: Wie lange werden die Schutzmaßnahmen gelten? Der Gesamtbedarf für die Finanzierung des Roxy lag im Jahr 2018, mit rund 250 Veranstaltungen, bei fast zwei Millionen Euro. Das Roxy stemmte dabei aus den Einnahmen einen Eigenanteil von mehr als 70 Prozent – etwa 1,47 Millionen Euro. Grupp zeigt sich trotzdem optimistisch, er sagt, er halte die jetzigen Sicherheitsvorschriften für sinnvoll und wichtig. Manche offenen Fragen bringen ihn aber dennoch zum Grübeln. Er befürchtet, dass das Roxy im schlimmsten Fall Projekte streichen muss, die für den Erhalt des Roxy nicht so lukrativ sind.
Das Ulmer Roxy muss den Schock verdauen
Der nächste Termin der „Open Stage“, am 20. April, ist nicht aus dem Onlinekalender gestrichen, Karten werden aber noch nicht verkauft. Grupp schöpft vorsichtig Hoffnung auf Unterstützung in dieser Zeit: Die Stadt Ulm und das Land Baden-Württemberg hätten schon positive Signale gegeben, sagt der Geschäftsführer. Vom Land werde es wohl Soforthilfen geben. Und vom ersten Schock werde sich sein Team bald erholen, sagt Grupp. Dann könne man beginnen, ganz neue Pläne zu fassen.
Die Ersatztermine für die bereits verschobenen Konzerte finden Sie unter www.roxy.ulm.de. Weitere Infos unter www.suchtpotenzial.com.
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