Vor Jahren noch standen Zeitzeugen am Abend des 17. Dezember am Rande des Münsterplatzes und hörten schweigend den Kirchenglocken zu, die über der Stadt läuteten, und die an jenen dritten Adventssonntag des Jahres 1944 erinnerten, als zwischen 19.23 Uhr und 19.50 Uhr Bomben Ulm zerstörten, als 707 Menschen in der Stadt starben. Diese Zeitzeugen waren damals Kinder gewesen. Heute leben nur noch wenige von ihnen.
80 Jahre liegt jener regennasse Adventssonntag nun zurück, an dem 96.646 Bomben innerhalb von 27 Minuten auf Ulm niedergingen – 704 Tonnen Brandbomben und 590 Tonnen Sprengbomben. Auch wenn nur noch wenige leben, die die Flammenhölle damals sahen, ist jener Abend tief in die Seele der Stadt eingebrannt. Alljährlich erinnert ein Gedenkkonzert an die Zerstörung und an die Toten, so auch an diesem 17. Dezember 2024. Münsterkantor Friedemann Johannes Wieland wird in der Pauluskirche Johannes Brahms‘ Deutsches Requiem und Rudolf Mauersbergers 1945 komponierte Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ dirigieren.
Unterschlupf in Silheim
Einer von denen, die sich noch aktiv erinnern, ist der Ulmer Diplom-Ingenieur Heinz Straub. Der damals Neunjährige war mit seiner Mutter und den beiden Brüdern im Luftschutzkeller bei der Suso-Kirche gewesen. In feuchte Decken gewickelt machte sich die Familie nach dem Ende des Bombenangriffs durch die brennende Stadt auf den Heimweg – und fand die eigene Wohnung im Parterre in der Karlstraße in lodernden Flammen vor; die Wohnungen darüber waren bereits ausgebrannt, berichtet Heinz Straub.
Am Folgetag lagen die Leichen von Nachbarn und Bekannten aufgereiht im Hof – Menschen, die vermutlich im Keller des Hauses gewesen waren. Zwei Nächte verbrachte die Familie auf Apfelkisten in einem Keller – dann wurden Mutter Straub und ihre drei Söhne auf der offenen Pritsche eines Lkw bei Eiseskälte nach Silheim gebracht und auf zwei Bauernhöfe verteilt. Für Heinz und seinen – mittlerweile verstorbenen - Zwillingsbruder Dieter eröffnete sich beim Bauern in Silheim ein unerwartetes Paradies: Nicht nur weg von der zerstörten Stadt: Beim Bauern gab es einen gleichaltrigen Spielkameraden, mit dem Heinz Straub heute noch Kontakt hat, und es gab reichlich zu essen – sogar täglich um elf Uhr ein zweites Frühstück aus frisch gekochten heißen Kartoffeln, kalter Milch und Bauernbrot.
Als die Dreifaltigkeitskirche brannte
Er selbst stellt heute diese positiven Erlebnisse in Silheim über die Bilder der Zerstörung, sagt Straub, dessen Familie an jenem Abend alles verlor, aber die vollständig überlebte. Am 80. Jahrestag der Zerstörung wird er sich zur Ablenkung zu Hause vor den Fernseher setzen. Gerda Rivoir war damals 14 Jahre alt, sie war bei der Kinderkirch-Weihnachtsfeier in der Dreifaltigkeitskirche gewesen, die um 16 Uhr begonnen hatte, berichtet sie im Buch „Plötzlich heulten die Sirenen“. Danach saß die Familie zu Hause in der Turmgasse beim Abendessen, als die Sirenen losgingen. Gerda Rivoir schreibt von den „Christbäumen“ in der Luft – Leuchtelementen, die den Bombern Orientierungshilfe gaben - und von der Angst im Luftschutzkeller unterm Haus.
Das eigene Zuhause blieb unversehrt – aber die Dreifaltigkeitskirche, in der die Kinder kurz vorher noch Weihnachtslieder gesungen hatten, brannte. „Mit diesem Tag lasse ich das Glück meiner Kindheit hinter mir“, sei ihr bewusst gewesen. In der Dreifaltigkeitskirche hatte an diesem Tag auch die Taufe des erst drei Wochen alten Karl Gross stattgefunden. Die ganze Familie des Babys erstickte im Luftschutzkeller in der Stuttgarter Straße – bis auf das Baby im Wäschekorb, das zugedeckt mit dem Brautschleier seiner Mutter überlebte. Dieter Wörner, geboren an jenem 17. Dezember 1944, überlebte ebenfalls – vergessen auf der Geburtsstation, als diese geräumt wurde, schilderte Rudi Kübler vor fünf Jahren im Buch „17. Dezember 1944“. Wörner habe niemals im Leben Geburtstag gefeiert.
Angriffe auf Ulm, Neu-Ulm und das Werk von Wieland
Die Angriffe auf Ulm vor 80 Jahren waren zwar die schlimmsten, aber nicht die Einzigen Ulm und Neu-Ulm wurden auch am 10. September 1944 sowie am 1. und 4. März 1945 aus der Luft bombardiert. Der zweite Großangriff am 1. März 1945 hatte für Neu-Ulm nach Informationen des Stadtarchivs die gravierendsten Folgen. Etwa 420 Flugzeuge warfen zwischen 13.15 Uhr und 14 Uhr 1.950 Sprengbomben, 100.000 Stabbrandbomben, zehn Minenbomben und 1.100 Flüssigbrandbomben ab.
Als Bomber im Dezember 1944 einen Großangriff auf die Ulmer Innenstadt fliegen wird das Ulmer Werk-Wieland nur durch ein paar Zufallstreffer in Mitleidenschaft gezogen. Das Ulmer Werk wird im März 1945 Ziel eines alliierten Bomberangriffs. Rund drei Viertel der Gebäude werden beschädigt oder zerstört, die Produktion kommt vollständig zum Erliegen.
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