Eichstätt/Neuburg: Sexuelle Gewalt: Wie eine 20-Jährige aus Eichstätt zu "Frischfleisch" wurde
Eichstätt/Neuburg
Sexuelle Gewalt: Wie eine 20-Jährige aus Eichstätt zu "Frischfleisch" wurde
Junge Frauen tun sich bei sexueller Gewalt oft schwer, Hilfe zu holen. Und auch so haben es Opfer schwer. Das zeigt der Fall einer 20-jährigen Frau aus Eichstätt.
Von Laura Freilinger|07.02.21 - aktualisiert:
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Junge Frauen tun sich bei sexueller Gewalt oft schwer, Hilfe zu holen. Eine 20-Jährige aus Eichstätt, die Opfer einer versuchten Vergewaltigung wurde, berichtet von ihrem Fall.Foto: Annette Zoepf (Symbol)
Ob am Arbeitsplatz, im eigenen Freundeskreis oder auf einer Party: Sexuelle Belästigung geschieht überall, Experten zufolge besonders unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Opfern fällt es häufig schwer, sich Hilfe zu holen. So ging es auch einer 20-jährigen Frau aus Eichstätt, die Opfer einer versuchten Vergewaltigung wurde. Aus Angst, von ihrem Täter wiedererkannt zu werden, möchte sie anonym bleiben. Wir nennen sie daher Lea.
Sexuelle Gewalt: 20-Jährige aus Eichstätt wurde Opfer einer versuchten Vergewaltigung
Schon vor dem Vorfall kannte Lea sexuelle Belästigung aus ihrem Alltag: „Selbst als ich noch minderjährig war, wurde ich von älteren Typen als ’Mausi’ oder ’Frischfleisch’ bezeichnet.“ Ihre Freundinnen, sagt sie, hätten ähnliche Erfahrungen gemacht oder wurden beim Feiern angegrabscht. Die Polizei hatte sie deswegen noch nie kontaktiert. „Da würde ich ja ständig aufs Revier rennen“, sagt sie frustriert.
Ein großer Dorn im Auge ist die gesellschaftliche Bagatellisierung, beispielsweise bei Festen, stellt Sabine Wölfel fest: „Dass man bei der Kirchweih doch damit rechnen müsse, ist eines der hartnäckigsten Vorurteile.“ Wölfel ist Ansprechpartnerin für jugendliche Opfer sexualisierter Gewalt an der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche, Eltern und Familien im Landkreis. Eine Anlaufstelle für Frauen ab 27 Jahren gibt es im Landkreis nicht, obwohl nahezu alle Opfer sexualisierter Übergriffe weiblich sind. Dafür gibt es eine Anlaufstelle für Männer.
Kreis Neuburg-Schrobenhausen: Ein eigener Fachbereich für sexuelle Bildung ist in Planung
Johanna Ehm vom Gesundheitsamt ist unter anderem für die Sexualpädagogik an Schulen zuständig und engagiert sich für aktive Prävention sexualisierter Übergriffe. Derzeit ist ein eigener Fachbereich für sexuelle Bildung im Landkreis in Planung. „Über Sexualität muss gesprochen werden und ein Gefühl für eigene Grenzen erarbeitet werden“, sagt Ehm. Als Beispiel nennt sie die Privatsphäre von Kindern im Bad, wenn diese ungestört sein möchten. Ehm und Wölfel sind sich einig: Kinder, deren Grenzen von klein auf respektiert werden, können später besser auf sich achten.
Doch wo beginnt sexuelle Belästigung? „Alles ist erlaubt, so lange es einvernehmlich ist“, erklärt Ehm. „Sexuelle Belästigung beginnt, wenn sich jemand unwohl fühlt.“ Um sich in solchen Situationen wehren zu können, bietet Thomas Würmser Selbstverteidigungskurse an. Er leitet die Schule „Selbstverteidigung4you“ in Schrobenhausen. In den Trainings lernen Kinder schon früh, „Nein“ zu sagen und sich Respekt für eigene Grenzen zu verschaffen. Erwachsene hingegen haben die Möglichkeit, an einem Aufmerksamkeitstraining teilzunehmen. „Hier wird das Augenmerk darauf gelegt, Gefahren frühzeitig zu erkennen, zum Beispiel bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.“
Den Täter kannte sie von der Schule
Doch zurück zu Lea. Für sie ereignete sich Anfang 2018 der Supergau: Ein Bekannter, dem die damals 17-Jährige zufällig vor einer Diskothek über den Weg lief, hat versucht, sie zu vergewaltigen. Lea kannte den zum Tatzeitpunkt 20-Jährigen von der Schule.
Als sie vor der Disco auf ihre Mitfahrgelegenheit wartet, spricht der Bekannte sie unter dem Vorwand an, ihr etwas Wichtiges sagen zu müssen. Lea ist klar bei Verstand und wehrt sich zunächst verbal, als er sie hinter einen Transporter zieht. Dort wirft er sie gewaltsam gegen das Auto und hält sie fest. „Ich war wie in einer kalten Luftblase, wie versteinert“, erzählt sie heute.
Dann fällt er über sie her. „Ich sagte ganz oft ’Nein’, doch er ließ nicht von mir ab.“ Als er sie ausziehen möchte, kämpft Lea um ihr Bewusstsein. Zufällig bemerkt ein Freund der jungen Frau die ruckartigen Bewegungen des Trucks und greift ein. Lea schafft es, sich in Sicherheit zu begeben. Eine medizinische Untersuchung im Krankenhaus stellte im Nachhinein eine Gehirnerschütterung fest.
Versuchte Vergewaltigung: Frau aus Eichstätt sieht von Gerichtsverfahren ab
Kinder sollten früh lernen, Nein sagen zu können und sich Respekt für eigene Grenzen zu verschaffen.Foto: Imago Images (Symbol)
Am nächsten Tag schreibt ihr der Täter eine Nachricht: „Dein ’Nein’ hat mich nur noch mehr angeturnt“. Lea speichert das Geständnis, macht Fotos von den Abdrücken, die seine Würgegriffe an ihrem Hals hinterlassen haben und spricht mit ihren Eltern. Gemeinsam mit ihrer Mutter informiert sie die Polizei in Eichstätt. „Ich wurde gefragt, warum ich denn überhaupt so spät feiern gehe und was ich denn anhatte“, erinnert sie sich im Gespräch. Lea sieht darin bis heute Vorwürfe. Erst als sie danach mit einem für solche Fälle spezialisierten Polizisten spricht, trifft sie auf Verständnis. Aufgrund der Angst, ihren Täter wiederzusehen oder sich Vorwürfe in der Schule anhören zu müssen, sieht Lea von einem Gerichtsverfahren ab.
Im Gegensatz zu Lea trauen sich viele Opfer aus Scham nicht, bei der Polizei auszusagen. Entsprechend hoch ist die Dunkelziffer. Dennoch wurden der Staatsanwaltschaft Ingolstadt im Zeitraum von 2017 bis November 2020 46 Verdachtsfälle im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt in Kombination mit sexueller Belästigung gemeldet. Manche der Täter aus 2020 waren deutlich älter als ihre Opfer. Die Taten geschahen besonders häufig bei Trinkgelagen oder größeren Veranstaltungen. Wer sich nicht zur Polizei traut, der kann sich anonym an Sabine Wölfel wenden.
Sexuelle Gewalt im Kreis Neuburg-Schrobenhausen: 70 Opfer ließen sich beraten
Im vergangenen Jahr verzeichnete sie 16 Fälle mit Verdacht auf sexuelle Gewalt und 17 Fälle sexueller Gewalt durch Verwandte oder Bekannte. Insgesamt ließen sich circa 70 Opfer von ihr beraten. „Meistens passieren sexualisierte Übergriffe auf Partys, bei denen ein hoher Alkoholkonsum oder Drogen eine Rolle spielen. Sowohl in freundschaftlichen als auch intimen Beziehungen kann eine Seite unter Druck gesetzt werden“, erklärt Wölfel.
Seit dem Vorfall ist Lea beim Feiern vorsichtiger. In Situationen, die sie an das Verbrechen erinnern, kämpft Lea bis heute mit Panikattacken. „Im Nachhinein hätte ich mir sofort psychologische Hilfe holen und das Gerichtsverfahren weiterlaufen lassen sollen“, sagt Lea, die heute reflektierter über die Tat nachdenken kann. Statt einer richterlich auferlegten Strafe schrieb der Täter ihr einen Entschuldigungsbrief. „Das waren aber nur herausgeleierte Sätze der Anwaltschaft“, ärgert sie sich.
Sie hätte eine ehrliche und persönliche Entschuldigung gewollt
Lieber wäre Lea es gewesen, eine ehrliche und persönliche Entschuldigung des Täters zu erhalten. „Wenn ich gesehen hätte, dass er unter der Last leidet, hätte ich ihm vielleicht verzeihen können.“ Zusätzlich wären Sozialstunden in einer Einrichtung für Vergewaltigungsopfer ihrer Meinung nach sinnvoll gewesen.
„Es liegt mir unglaublich am Herzen, dass gerade junge Mädchen vorsichtig sind. Es ist wichtig, dass sie Freunde haben, denen sie sich in jeder Situation anvertrauen können und die gegenseitig auf sich aufpassen. Trotzdem sollte man in solchen Fällen immer Hilfe holen“, appelliert die 20-Jährige.