Herr Beck, Sie waren beim G7-Gipfel auf Schloss Elmau im Einsatz. Welcher der Staatschefs hat die Polizei am meisten auf Trab gehalten?
WALTER BECK: Das war Joe Biden, da haben die Sicherheitsvorkehrungen eine ganz andere Größenordnung. Wir mussten Vorkehrungen treffen, ob er fliegt oder fährt und die gesamte Strecke von München bis Garmisch absuchen und absichern. Auch 2015 hat uns der amerikanische Präsident Barack Obama auf Trab gehalten. Da hat er sich kurzfristig entschieden, zum Weißwurstessen zu gehen, das ist noch mal eine ganz andere Hausnummer.
Was war denn Ihre Aufgabe bei dem Gipfel?
BECK: Ich war im Bereich Öffentlichkeitsarbeit unterwegs, wie schon 2015. Man hat auf mich zurückgegriffen, weil ich lange Zeit Pressesprecher in Augsburg war und in ganz Bayern vernetzt bin. Ganz speziell war ich Betreuer von Gästen, die diesen Einsatz beobachten wollten. Es sind Leiter von Polizeidelegationen aus den Niederlanden, Tschechien oder Österreich gekommen, die in Zukunft auch Großveranstaltungen vorbereiten müssen. Die haben sich den Einsatz angeschaut und sich über unsere Planungen informiert. Ich denke, außer dem Führungsstab hat keiner so gut über den Einsatz Bescheid gewusst wie meine Mitstreiter in diesem Bereich und ich.Zum Beispiel bei Kontrollstellen haben meine Kollegen und ich den Ablauf erklärt, von der Personenüberprüfung bis zum Absuchen des Autos. Wir kannten jeden Bereich der Absperrmaßnahmen, hatten Kontakt mit den Leuten im Protestcamp aufgenommen und wussten, wie in bestimmten Fällen die polizeiliche Führung reagieren wird.
Sie haben die Proteste angesprochen, die sich auch am großen Aufwand entzündet haben. Vielleicht verständlich, wenn man den Nördlinger Polizeichef abziehen muss …
BECK: Man kann sagen: Der Nördlinger Polizeichef kann überall gebraucht werden, aber er kann nicht überall sein (lacht). Aber im Ernst: Man hat Wert darauf gelegt, dass aufgrund der kurzen Vorbereitungszeit Leute von 2015 dabei waren, die den Einsatzraum kennen. Und ich habe das gerne gemacht.
Wie war es für Sie?
BECK: Ich dürfte einer der wenigen sein, vielleicht sogar der einzige Polizist in Bayern, der bei drei bayerischen Gipfeln war. 1992 war der Münchner Wirtschaftsgipfel, 2015 war ich in Garmisch und jetzt 2022. Für mich der interessante war 2015. Von 1992 bis heute ist das ein Quantensprung was Organisation und technische Ausstattung angeht.
Sie waren nicht der einzige Rieser in Garmisch.
BECK: Es waren weitere 16 Kollegen von der PI dort, wir haben da knapp ein Drittel der Nördlinger Mannschaft nach Garmisch abgegeben. Meine Kollegen waren in den unterschiedlichsten Bereichen im Einsatz, vom Objektschutz über Verkehr, also die Protokollstrecke von Biden, und andere waren im alpinen Bereich für die Shuttles zuständig. Da kommt man ja nicht einfach hoch, da braucht es Allradfahrzeuge und die Fahrer benötigten dafür ein extra Training.Die Sicherheit im Ries war natürlich trotzdem gewährleistet. Es gab eine Urlaubssperre, aber die Kollegen waren jeden Tag auf der Dienststelle. Das war auch für die sehr anstrengend.
Und sie kommen ja aus einer belastenden Situation der vergangenen Jahre. Es gab Zeiten mit Corona-Einschränkungen bis hin zu Volksfesten wie der Mess'. Wie war diese Zeit?
BECK: Draußen war es so, dass wir die einzige Institution waren, die hier für Kontrolle und Beanstandung zuständig war. Andere Behörden wie Landratsamt oder Ordnungsämter wurden von der Politik komplett rausgenommen. Die Stimmung bei den Menschen war schlecht und wir mussten beanstanden und "maßregeln", das ist keine einfache Aufgabe. In weiten Teilen ist es uns gelungen, das mit viel Fingerspitzengefühl zu machen. Im Nachgang muss man sagen, wenn nachts mal ein junger Mensch bei einer Ausgangssperre unterwegs war und er wurde beanstandet – das würde man im Nachhinein vielleicht anders machen.
Sicher nicht einfach war auch die Lage für die Polizei mit den sogenannten Spaziergängern, die in Nördlingen marschiert sind.
BECK: Die haben uns massivst belastet. Die Haltung der Polizei ist bekannt, es ist auch bestätigt worden, dass die Spaziergänge Versammlungen darstellen. Es war hier aber die Schwierigkeit, dass sie nicht angemeldet waren und von einer Versammlung erwartet man das. Für uns ist das wichtig, weil wir dann einen Ansprechpartner haben, einwirken können. Und eine Minderheit war sehr aggressiv. Meine Kollegen sind von Einzelnen massiv provoziert und beleidigt worden. Der Ton, die Art und Weise, wie sich vereinzelte Bürger da aufbauen, das ist schon belastend. Eines möchte ich aber herausstellen.
Bitte.
BECK: Es gab zwei Großveranstaltungen, die waren beide angemeldet und sind so abgelaufen, wie man sich das wünscht. Das muss ich positiv hervorheben, wie die Versammlungsleiter das gestaltet haben.
Das Polizeiaufgebot war teilweise ja massiv. Können Sie den Aufwand beziffern?
BECK: Das wird von uns nicht veröffentlicht. Beim ersten Spaziergang haben wir nicht gewusst, was auf uns zukommt, plötzlich waren da 300 Leute. Da waren bloß drei Streifen unterwegs. Hier hat es auch Beleidigungen gegenüber Polizisten gegeben, Einzelne waren richtig aggressiv. Aufgrund dieser Erfahrung haben wir mehr Kollegen in den Einsatz geschickt, dann sind aber aus 300 600 Teilnehmer geworden. Deswegen haben wir uns personell darauf eingestellt und waren dann teilweise mit bis zu 100 Kollegen im Einsatz. Es geht um den Versammlungsschutz, aber auch darum, dass aus der Versammlung heraus nichts passiert.
Wie läuft es aktuell?
BECK: Es sind wohl noch gelegentlich Leute unterwegs, die im Stillen protestieren, das aber geordnet machen, nicht die Fahrbahn benutzen, nicht auf Autos springen, das hat es auch gegeben. In einem Fall hat ein Spaziergänger vorgegeben, dass er angefahren wurde, aber das konnten wir nicht belegen. Es ist auch nicht auszuschließen, dass derjenige sich an dem Auto abgestützt hat.
Wie war davon abgesehen das Corona-Jahr? Mittlerweile sind die Maßnahmen fast aufgehoben und es haben Volksfeste wie die Mess' stattgefunden.
BECK: Man hat gemerkt, die Menschen wollen wieder feiern. Da waren wir schon besorgt beim Stabenfest und bei der Mess' – noch zeitgleich mit dem G7-Gipfel. Die Leute haben gefeiert, aber wir hatten wenige körperliche Auseinandersetzungen. Was man gemerkt hat, ist, dass der ein oder andere auf dem Heimweg etwas kaputt gemacht hat. Vandalismusdelikte waren das einzige Feld, das zugenommen hat. Ansonsten waren wir überrascht, wie friedlich das verlaufen ist.
Eine gute Nachricht.
BECK: Die Bürgerinnen und Bürger sind etwas gelassener. Wenn man allgemein auf die Kriminalitätslage schaut, sind die Straftaten eher rückläufig in diesem Jahr. Das einzige, das ansteigt, ist die Kriminalität in der virtuellen Welt und der Vandalismus.
Was steht bei der Internetkriminalität besonders im Fokus?
BECK: Das sind Whatsapp-, Kredikarten- und Dreiecksbetrug.
Was ist denn der Dreiecksbetrug?
BECK: Das ist etwas komplexer. In Kurzform: Dabei gibt ein Betrüger vor, die Ware eines anderen zu kaufen. Er erhält dann die Bankdaten und bietet selbst die identische Ware zu diesem Preis an. Wenn sich auf diese falsche Anzeige ein tatsächlicher Käufer meldet, bekommt dieser die Bankdaten und überweist das Geld an den eigentlichen Verkäufer. Der schickt dann die Ware an den Betrüger und der eigentliche Käufer geht leer aus.
Wie kann man sich grundsätzlich in diesen Bereichen schützen?
BECK: Es wird schon viel vor Enkelbetrug oder Schockanrufen gewarnt. Trotzdem fallen viele Menschen darauf rein. Eine Frau war kürzlich mit viel Bargeld unterwegs, hat aber glücklicherweise noch einen lichten Moment gehabt und das Geld nicht übergeben. Aber sie hat beschrieben: Man wird so massiv unter Druck gesetzt, da kommt man nicht mehr raus. In so einem Fall soll man auflegen und selbst bei dem Angehörigen anrufen. Sich nicht am Telefon binden lassen und sofort auflegen, wenn jemand sagt, man soll das Gespräch nicht unterbrechen. Es kommt da nie auf Minuten an. Die Ärzte führen eine Operation aus, wenn sie jemanden retten müssen, ob da die angeblichen 20.000 Euro kommen oder nicht. Wirklich Ruhe bewahren und bei den Angehörigen oder der Polizei anrufen.
Um was für Summen geht es bei diesen Maschen?
BECK: Bei Schockanrufen und Enkeltrickbetrügern, die steigen schon im hohen Tausenderbereich ein. Die Fälle, die bei uns aufgelaufen sind, lagen bei 15.000 bis 25.000 Euro, aber das geht bis zu 100.000 Euro. Es ist eben fatal, dass viele Menschen so viel Geld zu Hause haben beziehungsweise das Geld kurzfristig besorgen und das wildfremden Menschen übergeben. Da wünschen wir uns mehr Misstrauen.Dazu kommt beim Internetbetrug, dass die Leute auf jeder Seite Bankdaten hinterlegen und preisgeben. Das ist ein Problem. Und man soll sich so eine Seite im Internet gut anschauen, die sind oft gut gefälscht.
Bei Einbrüchen hat es sich in der vergangenen Woche ja geballt, in Gewerbeobjekte, aber auch ins Almarin in Mönchsdeggingen.
BECK: Wir haben davor schon immer mal Einbrüche gehabt, wie zum Beispiel in der Kleingartensiedlung am Nähermemminger Weg, aber die Serien haben wir geklärt. Jetzt hatten wir die zwei Einbrüche in Deiningen, in Grosselfingen, im Almarin und in Kleinerdlingen. Das Vorgehen in Deiningen und Grosselfingen spricht für überregionale Täter, die unterwegs waren. In Mönchsdeggingen, denke ich, muss es jemand wissen, dass die DLRG dort Geräte lagert.
Zum Thema Verkehr: Bei Christgarten sollen sich vermehrt Biker treffen, heißt es?
BECK: Es wird immer wieder durch Motorradfahrer schnell gefahren, aber es ist für uns jetzt nicht vergleichbar mit der Applauskurve in Großsorheim.
Wie sieht es denn mit Unfällen aus?
BECK: Unfälle haben wir momentan glücklicherweise keine schweren. Unfallflucht ist immer ein Thema. Das ist sehr schade und auch verwerflich, dass sich immer weniger um den von ihnen angerichteten Schaden kümmern. Ansonsten ist es im Verkehrsbereich ruhig, denn mit den Baustellen in Nördlingen und im Ries kann uns ja kaum einer erreichen (lacht).
Zur Person
Walter Beck ist seit 2009 Polizeichef in Nördlingen, von 1996 bis 2009 war er Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Nord. Zuvor war er bei der Münchner Polizei und im Innenministerium tätig. 18 Jahre lang war Beck im Mönchsdegginer Gemeinderat.