Der Nördlinger Stadtarchivar Wilfried Sponsel scherzt, man habe gar nicht gewusst, womit sich die Stadt bewerben solle: Stabenfest, Mess' oder das Scharlachrennen? Nördlingen habe viel zu bieten. Sponsel erarbeitete im vergangenen Jahr gemeinsam mit Daniel Wizinger, Leiter für Tourismus und Veranstaltungen, die Bewerbung für die Bayerische Landesliste des Immateriellen Kulturerbes aus. In der vergangenen Woche beschloss der Ministerrat die Aufnahme des Nördlinger Festes in die bayerische Liste.
Oberbürgermeister David Wittner sagte bei einer Pressekonferenz, dass die Stadt sehr froh sei, dass das Stabenfest unter den 66 Einträgen sei. "Das ist eine Anerkennung und Wertschätzung und bringt den Wert des Stabenfestes und seiner Geschichte zum Ausdruck", so Wittner. Das Stabenfest erfahre so eine Aufwertung und solle den Menschen mehr ins Gedächtnis gerufen werden – vor allem, nachdem das Fest nach zwei Jahren Pandemie ausgefallen ist. Heuer findet das Stabenfest am 16. Mai statt.
Stabenfest soll im Bewusstsein der Bevölkerung verankert werden
Denn Nördlingen sei eine Stadt, die wachse und viele Zugezogene "fragen sich schon, warum man da Würstel grillt, keine Schule ist. Da ist kein Bezug vom Elternhaus da. Das ist unser Auftrag, es im Bewusstsein vor Ort zu verankern, auszubauen und mehr überregionale Strahlkraft zu entfalten", sagte der OB und führte aus: "Das Stabenfest steht als Volksfest im Schatten der Mess'." Es habe nicht die überregionale Strahlkraft. Wittner hofft, dass sich das durch die Auszeichnung ändert.
Stadtarchivar Sponsel schaute auf die historische Entwicklung des Stabenfestes zurück und ließ auch durchblicken, dass gerade vor der 600-Jahr-Feier im Jahr 2006 nicht alles so gewesen sei, wie man es sich wünsche: "Die Beflaggung der Häuser hat zu wünschen übrig gelassen, häufig wurden die Kinder schon an der Baldinger Straße abgeholt, damit man seinen Sitzplatz im Zelt hat. Der Umzug war zerfleddert."
Daher habe es in Zusammenarbeit mit den Rieser Nachrichten auch einen Aufruf gegeben, die Häuser zu schmücken, die Menschen sollten Bilder einschicken. Mit Erfolg: 10.000 Fotos wurden damals eingereicht.
Stadtarchivar gibt Einblick in Geschichte des Nördlinger Stabenfestes
Sponsel schilderte, wie sich das Fest aber auch in seiner Geschichte verändert hat. 1406 wurde das Fest zum ersten Mal erwähnt, die Stadt gab einen Zuschuss zum Ausflug in die Natur. Damit sei es wohl das älteste Kinderfest Deutschlands. Der Stadtarchivar gibt auch einen Einblick in den Bewerbungsprozess: Die Beschreibung des Festes sei nicht schwergefallen. Hinsichtlich der Geschichte und Entwicklung habe man auch geschildert, wie das Fest in der NS-Zeit für Propagandazwecke missbraucht wurde.
Statt weiß-blauen und weiß-roten Fahnen marschierten die Kinder mit Hakenkreuzfahnen. Auch mögliche Risikofaktoren für das Fest musste die Stadt angeben – hier nannte die Stadt die Pandemie, die das Stabenfest in den vergangenen zwei Jahren ausfallen ließ. Doch aufgrund der langjährigen Tradition schätze man das grundsätzliche Risiko eher gering ein.
Sponsel zeigte auch, dass früher beispielsweise Handwerksgesellen mitgelaufen seien. Eine solche Weiterentwicklung gilt im Übrigen als wichtiges Merkmal für eine mögliche Auszeichnung durch die UNESCO.
Nördlingen schließt auch Bewerbung für bundesweite Liste nicht aus
Die hatte im Jahr 2003 das Übereinkommen zum Erhalt des Immateriellen Kulturerbes beschlossen, 2006 trat es in Kraft. Deutschland trat dem Übereinkommen im Jahr 2013 bei. Als immaterielles Kulturerbe gelten meist gemeinschaftlich ausgeführte Traditionen wie Bräuche, Feste oder Handwerkstechniken.
Von einer Auszeichnung durch diese Organisation ist das Stabenfest noch etwas entfernt. Denn die Bayerische Landesliste ist unabhängig vom bundesweiten Verzeichnis zu sehen. Dort muss eine kulturelle Ausdrucksform gelistet sein, bevor sie tatsächlich zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO werden könnte.
Doch Daniel Wizinger schließt einen solchen Schritt nicht aus: "Wir werden das prüfen. Aber wenn wir gut genug für Bayern sind, werden wir auch gut genug für die deutsche Liste sein."
Die bayerische Urkunde soll übrigens am Herrenmontag der Nördlinger Mess' übergeben werden und bringt die Stadt somit ein wenig in die Bredouille: "Da werden noch mit dem Freistaat reden müssen", sagt Wittner mit einem Lächeln.