Links neben der Türmerstube auf dem Daniel kniet Heidi Källner auf einer Holzbank. Durch die Gitterstäbe hindurch knipst sie sich auf den neuesten Stand der Horste in Richtung Berger Tor. Für die Storchenbeauftragte ist Hochsaison, die Beringung findet im Frühsommer statt. Mit dieser lassen sich über Jahrzehnte hinweg wichtige Daten über das Leben der Störche sammeln. Welche Wege wählen sie auf ihrem Zug in den Süden? Und wie stehen ihre Überlebenschancen in der Fremde?
Doch bei der Beringung kann viel schiefgehen. „Das Alter muss exakt stimmen, das ist eine Riesenverantwortung“, sagt Källner. Ausgerüstet mit einer Kamera mit 60-fachem Zoom prüft sie genau, ob der Nachwuchs zwischen drei und sechs Wochen alt ist. Nur in diesem Zeitfenster stellen sich die Jungstörche tot, um Raubtiere zu täuschen. Ideal also, um einen Ring am Storchenbein anzubringen. Würde sie sich jedoch beim Alter verschätzen, stellen sich die kleinen Vögel nicht mehr tot – und könnten vor Panik aus dem Nest springen. Doch Källners Blick war bisher präzise genug; ein Unglück blieb aus.
Heidi Källner kümmert sich 2026 um 109 Horste in 23 Ortschaften im Nördlinger Ries
Der Aufwand wird immer größer: Um 109 Horste in 23 Ortschaften kümmert sich Heidi Källner in diesem Jahr – Rekord. 2020 gab es gerade einmal einen Horst in der Nördlinger Altstadt. Damals wünschte sich Källner für das Folgejahr einen zweiten – sechs Jahre später sind es 20.
Warum sich die Störche so gerne in der Region niederlassen, kann auch die 85-Jährige nicht so einfach beantworten. „Das lässt sich nicht erklären, nur vermuten“, sagt sie. Für Källner ist es aber ein Zeichen, dass es der Natur im Ries prächtig geht. Vor über 50 Jahren mieden die Störche noch die Region. Erst Mitte der 1970er-Jahre zeigte sich wieder ein erstes Paar, sagt Källner. Sie führt das Fernbleiben auf die Flurbereinigungen zurück. Landschaften wurden in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts für die Landwirtschaft profitabel umgestaltet – für die Störche zu viel, so die Mutmaßung der 85-Jährigen.
Heidi Källner fand erst spät zum Job als Storchenbeauftragte
Källner hat diese Wandlung selbst miterlebt. Als Kind floh sie während des Zweiten Weltkriegs aus Pommern und kam 1950 nach Nördlingen. Nach einer Ausbildung zur Bankkauffrau arbeitete sie Jahrzehnte bei der Sparkasse. Den Weg zum Tierschutz fand sie durch ihren Sohn. Der wollte ins Tierheim, um Hunde auszuführen. Sie engagierte sich dort immer stärker, Anfang der 1990er-Jahre übernahm sie das Tierheim. 2006 hielt sie schließlich ihren ersten Storch in den Händen. Von da an begleitete sie Vogelberinger und lernte von diesen. Die Störche nahmen einen immer größeren Platz in ihrem Leben ein.
Zwar werden es immer mehr Störche in der Altstadt, vor dem Löpsinger Tor herrsche aber „komischerweise tote Hose“. Källner glaubt, dass auf ein Nest mehrere folgen würden – ein Pärchen müsse hier nur den Anfang machen. „Sie streiten zwar, wenn sie nah beieinander sind, aber sie brauchen sich auch.“ Störche brüten in Kolonien. So können sie sich bei anderen abschauen, wo sich viel Nahrung finden lässt, oder sich gegen Fressfeinde zusammenschließen.
Källner sieht sich als Vermittlerin zwischen Storch und Mensch
Källner hat bei ihrer Arbeit meist Störche im Blick und vor der Linse. Doch sie sieht sich auch als Vermittlerin mit den Menschen. Sie weiß als Erstes, wenn ein neues Nest gebaut wird, und kann die Hausbesitzer informieren. Dabei kann es auch Probleme geben: „Manchmal geht es einfach nicht, da helfen wir dann.“ Erst in diesem Jahr wurde ein Nest auf dem Schäfflesmarkt 11 drei Meter vom Giebel auf einen inaktiven Kamin versetzt. So bestand nicht mehr die Gefahr, dass Zweige vom Dach fallen. Am Ende ist es vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben einer Storchenbeauftragten: „Wir wollen ja, dass alles funktioniert, damit Mensch und Tier zufrieden sind.“
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