Der Schauspieler Ulrich Noethen, der bürgerlich Ulrich Schmid heißt, ist in Neu-Ulm und Augsburg als eines von fünf Kindern einer evangelischen Pfarrerfamilie aufgewachsen, geboren wurde der 1959 in München. In der Filmografie des preisgekrönten Schauspielers (Dt. Filmpreis, Dt. Fernsehpreis, Grimmepreis etc.) finden sich so bekannte Titel wie Comedian Harmonists, Das fliegende Klassenzimmer, Der Untergang oder Die Luftbrücke – Nur der Himmel war frei. Auch jetzt ist er wieder in zwei Hauptrollen zu sehen: Am Mittwoch im ARD-Politikthriller "Akte General" und bald im Kinofilm "Das Tagebuch der Anne Frank".
Herr Noethen, „Die Akte General“ ist ein Politdrama, das Fritz Bauer beleuchtet, der als hessischer Generalstaatsanwalt von 1959 bis 1962 an der Ergreifung Adolf Eichmanns beteiligt war und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse maßgeblich vorantrieb. Wie sind Sie an die Figur des jüdisch-stämmigen Juristen herangegangen?
Noethen: Ehrlich gesagt: voller Bewunderung! Ich glaube, dass die deutsche Nachkriegsgeschichte nicht voll von Figuren ist, die sich zum Helden eignen. Aber Fritz Bauer ist für mich ein Vorbild. Ich habe ja selbst in Augsburg drei Semester Jura in dem damals reformierten Studiengang genossen. Da war für mich auch die braune Vergangenheit der Justiz ein Thema. Damals ist mir der Name Fritz Bauer nicht untergekommen oder einfach durchgerutscht. Wenn heutzutage jemand anfängt Jura zu studieren, dann wäre es nicht schlecht, mit dieser Person vertraut gemacht zu werden. Denn an Bauer merkt man, dass Jura mehr ist, als nur Akten abzuarbeiten.
Bauer hat Weichenstellungen vorgenommen und die junge Republik genötigt, sich auch mit Themen wie Auschwitz zu befassen.
Noethen: Ja, das wirkt bis heute nach. Dass wir eine Gesellschaft haben, die es sich auch zur Aufgabe gemacht hat, der Vergangenheit nachzuspüren und sie nicht einfach auf sich beruhen zu lassen, das ist auch Fritz Bauer zu verdanken.
Bauer war sozusagen der Auslöser für die Verhaftung des Holocaust-Organisators Adolf Eichmann in Argentinien.
Noethen: Richtig. Er wusste, dass er auf seinem normalen Amtsweg nicht weitergekommen wäre, weil es so viele alte NS-Seilschaften gab, die das verhindert hätten. Darum musste er seine Informationen an den israelischen Geheimdienst weitergeben, um erfolgreich zu sein. Die haben ihm erst einmal nicht geglaubt. Bauer war übrigens mit dem Prozess an sich zufrieden, mit dem Urteil – der Todesstrafe – nicht. Denn Bauer war Humanist.
Noethen: Rechten Rand in der Gesellschaft wird es immer geben
Wie geht es Ihnen, wenn Sie die neuen völkischen Töne in Deutschland angesichts der seit Monaten andauernden Flüchtlingswelle hören?
Noethen: Da sage ich: Das war nicht anders zu erwarten. Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass es in dieser Gesellschaft immer einen rechten Rand gegeben hat und geben wird, der auf eine eigenartige, völkische Homogenität setzt. Und der spielt mit den Ängsten eines Teils der Bevölkerung vor materiellem Verlust, vor dem „Fremden“ und so weiter. Da werden dann einfache, radikale „Schluss-jetzt-endlich-mit…“-Lösungen angeboten, um das eigene Süppchen zu kochen. Und wenn sich dieser rechte Rand bemerkbar macht, ist das in unserer Gesellschaft so eine Art Triggerpunkt. Wenn der berührt wird, flippen alle aus, Medien und Politik neigen zu Überreaktionen. Es ist aber eine traurige, nicht zu ändernde Tatsache, mit der wir leben müssen. Empörend finde ich es nur, wenn sich führende Politiker quasi an die Spitze dieser Bewegung stellen und alles einzufangen versuchen, weil sie rechts von sich keine Partei mehr dulden wollen.
Sie sprechen von Horst Seehofer?
Noethen: Und auch von anderen Politikern, die sich in ihrer Wortwahl beim rechten Rand anbiedern.
Warum macht Seehofer das?
Noethen: Ich kenne seine Überzeugungen nicht, und ich weiß nicht, was er aus welchen Zwängen heraus glaubt, tun zu müssen.
Ist das nicht gefährlich, wenn ein Politiker, den man auf demokratischem Boden wähnt, sich so weit nach rechts lehnt?
Noethen: Genau das ist das Empörende. Wir sind uns im Klaren darüber: Die AfD hat derzeit eben so und so viel Prozent. Aber es gibt auch eine Mehrheit, die sagt, wir sind mit der Situation nicht glücklich, aber mit dem Kurs trotz aller Schwierigkeiten einverstanden. Dass man der Minderheit nun so einen großen medialen Raum öffnet und dass man deren Phrasen selbst benutzt, das ist politische Brandstifterei.
Auch der Begriff „Lügenpresse“ erfährt eine Renaissance. Viele Menschen informieren sich nicht mehr über seriöse Medien, sondern im Internet oder soziale Netzwerke über Propaganda. Für wie gefährlich halten Sie diese Entwicklung?
Die Gefahr liegt laut Noethen in den nicht überprüfbaren Internetquellen
Noethen: Na, Sie stellen Fragen! Ich bin Schauspieler, kein Politiker. Aber gut. Die Gefahr liegt darin, dass in den Internetmedien nichts mehr überprüfbar ist, keine Quellen, nichts. Natürlich wird da wahnsinnig viel geklingelt und Stimmung gemacht, und es ist ein Einfallstor für Dumpfheit und Hass.
AfD-Chefin Frauke Petry will auf Flüchtlinge im Ernstfall schießen lassen, Pegida-Frontfrau Tatjana Festerling will unliebige Journalisten mit Mistgabeln vertreiben. Wie konnten die politischen Sitten so verfallen?
Noethen: Ich weiß es nicht. Im Grunde genommen verweigern sich diese Leute dem Dialog. Das lässt sich bei Frau Petry in Talkshows gut ablesen. An der perlt jeder Versuch der sachlichen Argumentation ab. Es ist aber schwierig, mit jemand zu sprechen, der behauptet, was von den Medien kommt, ist sowieso alles Quatsch! Da bin ich froh, dass wir noch in einem funktionierenden Rechtsstaat leben.
Vom Rechtsstaat zum Unrechtsstaat und dem Tagebuch der Anne Frank. Wie kam der erste deutsche Film über dieses sehr populäre Thema zustande?
Noethen: Der Anne-Frank-Fonds, der die Rechte hat, wollte nicht schon wieder einen Film im angelsächsischen Sprachraum, sondern die Geschichte der Frankfurter Familie Frank sollte bei uns erzählt werden. Diese Geschichte soll weitererzählt werden und nicht dem Vergessen anheimfallen.
Welche Bedeutung hat Anne Frank heute noch?
Noethen: Wenn der Stoff modern erzählt ist, gebe ich der jungen Generation damit die Chance, empathisch dabei zu sein und das Gefühl zu haben, das könnte auch eine aus meiner Klasse sein. Und ist es nicht auch ein Film zur Frage: Wie wollen wir miteinander umgehen? – Mit uns, den nächsten Menschen, aber auch mit Fremden? Was bedeutet es, wenn Menschen in Not sind?
Haben Sie eigentlich angesichts all Ihrer Verpflichtungen noch Zeit für ein Privatleben?
Noethen: Absolut. Nach Hause gehen zu können und die Normalität von Familie zu haben ist für mich so wertvoll. Darauf kommt es mir an. Der Beruf, so wichtig er mir ist, darf nicht alles dominieren.
Sie wuchsen als eines von fünf Kindern einer Pfarrerfamilie in Neu-Ulm und Augsburg auf. Haben Sie dazu noch Erinnerungen?
Noethen: Ja, selbstverständlich.
Na, was fällt Ihnen denn spontan zu Neu-Ulm oder Augsburg ein?
Noethen: In Neu-Ulm fallen mir unsere Ausflüge ein: in der Pause vom Gymnasium Neu-Ulm mit dem Fahrrad über die Donau nach Ulm, dann den Münsterturm hochsprinten und wieder zu Beginn der nächsten Stunde zurück sein. Das hat meist nicht so richtig geklappt. Zu Augsburg: Der Eiskanal, die Olympia-Strecke, die runterzuschwimmen verboten war, und wir haben es trotzdem gemacht. Mir fällt die Puppenkiste ein, das Anna-Gymnasium. Mein Gott, es käme so viel.
Haben Sie noch Kontakte ins Bayerisch-Schwäbische?
Noethen: Ja, weil meine Geschwister in Süddeutschland wohnen. Und ich bin Namenspate von Herrn Taschenbier bei der Augsburger Puppenkiste. Ein Gruß an die Puppenkiste!