Die vierköpfige Familie B. aus Hamburg ist nach einem vorläufigen Bericht der türkischen Gerichtsmedizin in Istanbul durch „Vergiftung mit einer chemischen Substanz“ getötet worden. Eine Lebensmittelvergiftung als Todesursache sei weniger wahrscheinlich, erklärten die Experten nach Medienberichten vom Dienstag. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht derzeit ein Unternehmen zur Schädlingsbekämpfung, das im Istanbuler Hotel der Familie ein Insektizid gegen Bettwanzen versprüht hatte.
Die Gerichtsmediziner hoben in ihrem Bericht hervor, dass es im Hotelzimmer der Familie kein Belüftungssystem gegeben habe. Nach türkischen Medienberichten hatten sich Dämpfe des Insektizids verbreitet, das im Stockwerk unter dem Zimmer der B.s versprüht worden war. Der endgültige Bericht der Gerichtsmedizin soll am 28. November folgen.
Eine ganze Reihe an verdächtigen Personen wurde festgenommen
Die B.s hatten sich während eines Besuches in Istanbul vorige Woche mit Übelkeit und Erbrechen an Krankenhäuser gewandt und waren zunächst wieder nach Hause geschickt worden. Dann starben Mutter Cigdem und die drei- und sechsjährigen Kinder. Vater Servet B. kam auf die Intensivstation, starb aber am Montagabend ebenfalls. Auch drei andere Gäste aus demselben Hotel kamen mit Vergiftungssymptomen ins Krankenhaus.
Ein Richter in Istanbul erließ Haftbefehle gegen vier Beschuldigte, die den Besuchern aus Hamburg möglicherweise verdorbene Speisen – frische Muscheln, ein Gericht aus Schafsinnereien, Hühnchen und Süßigkeiten – verkauft haben sollen. Erste Untersuchungen hätten aber ergeben, dass die Muscheln und die Innereien in Ordnung gewesen seien, berichteten türkische Medien.
Mindestens sieben weitere Verdächtige sitzen in Polizeihaft, darunter der Besitzer des Altstadt-Hotels, in dem die Familie B. wohnte. Der Hotelier sei mehrfach vorbestraft, unter anderem wegen fahrlässiger Körperverletzung und Betrug, meldete der Nachrichtensender CNN-Türk.
Berichten zufolge wurde bei dem Einsatz gegen Bettwanzen ein hochgiftiges Insektizid aus der Landwirtschaft eingesetzt
Auch der Leiter und zwei Angestellte des Kammerjäger-Betriebs, der in dem Hotel das Schädlingsbekämpfungsmittel versprüht hatte, wurden festgenommen. Er habe alles abgedichtet und auch sonst alles gemacht wie immer, sagte einer der Angestellten laut CNN-Türk im Polizeiverhör aus. Türkischen Medienberichten zufolge wurde bei dem Einsatz gegen Bettwanzen ein hochgiftiges Insektizid aus der Landwirtschaft eingesetzt. Im August waren bereits zwei Touristen aus den Niederlanden in einem Istanbuler Hotelzimmer an Vergiftung gestorben. Die Todesursache der 15 und 17 Jahre alten Jungen, die mit ihrem Vater nach Istanbul gekommen waren, wurde nicht festgestellt. Das Hotel benannte sich um, löschte alle bisherigen Bewertungen aus seinem Google-Auftritt und macht unter neuem Namen weiter.
Ebenfalls in Istanbul wurde am Dienstag ein Café in der Innenstadt versiegelt, nachdem eine junge Kundin mit inneren Verätzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Nach Berichten türkischer Medien hatte die 26-Jährige in dem Lokal einen türkischen Kaffee getrunken, der mit einem industriellen Reinigungsmittel versetzt war. Sie erlitt Verätzungen in Kehle, Speiseröhre, Magen und Lunge und musste intubiert werden. Zwei Mitarbeiter des Cafés wurden festgenommen.
Präsident Recep Tayyip Erdogan versprach nach dem Tod der Gäste aus Deutschland, es werde in alle Richtungen ermittelt. Die Opposition wirft der Regierung vor, sich bei anderen Unfällen im Tourismussektor aus der Verantwortung gestohlen zu haben. In den Ausschussberatungen über den Haushalt des Tourismusministeriums erinnerte der Parlamentsabgeordnete Sururi Corabatir von der Oppositionspartei CHP an die Brandkatastrophe in einem Ski-Hotel im türkischen Kartalkaya, bei der im Januar 78 Menschen starben, darunter 36 Kinder. Tourismusminister Nuri Ersoy habe damals nichts unter Kontrolle gehabt, „außer dem Versuch, die Wahrheit zu verschleiern“.
Rücktritte oder Entlassungen von Ministern nach Unglücksfällen sind unter Präsident Erdogan selten
Nach dem Feuer in Kartalkaya habe Ersoy der Justiz die Genehmigung verweigert, gegen Beamte des Tourismusministeriums zu ermitteln, sagte Corabatir nach einem Bericht der Zeitung Nefes im Ausschuss. „Tragen Sie denn überhaupt keine Verantwortung?“ fragte Corabatir den Minister, der auch Chef eines großen Tourismusunternehmens ist. „Haben Sie nie an Rücktritt gedacht?“
Rücktritte oder Entlassungen von Ministern nach Unglücksfällen sind unter Erdogan selten. Selbst nach dem schweren Erdbeben von 2023 mit mehr als 50.000 Toten musste kein Regierungspolitiker gehen, obwohl tausende Menschen wegen Pfusch am Bau starben.
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