Das Geschrei in Punta Marina ist groß. Zum einen sind da die eigentlich wunderbaren Federtiere der Art Pavo cristatus, der blaue Pfau. Sie stolzieren, meist seelenruhig, durch das Dorf an der norditalienischen Adriaküste und tun, was Pfauen halt so tun: Sie halten inne, fressen, verrichten ihre Notdurft und kümmern sich um die Fortpflanzung. Touristen fotografieren sie, manche füttern die Tiere auch. Seit einigen Wochen gesellen sich zu den Balzlauten der Tiere aber auch die Empörungsrufe aufgeregter Ortsbewohnerinnen und -bewohner.
„Die Lage ist außer Kontrolle“, schimpft eine Anwohnerin in der Sendung „La vita in diretta“ im italienischen Staatsfernsehen Rai. Eine andere klagt: „Wir sind Geisel der Tiere!“
Punta Marina gehört zur Stadt Ravenna und war bislang ein beliebter, vom Tourismus nicht überrannter Ferienort. Nun, kurz vor Beginn der Saison, ist der Ortsteil in Italien in aller Munde. Sogar internationale Medien haben sich mit dem Fall der Pfauen in Punta Marina beschäftigt. Dem ruhigen Feriendorf droht ein kleines Inferno und die Pfauenfrage, zu einem mittleren Politikum zu werden.
„Wir werden von den Pfauen in Schach gehalten“
Am Montagabend veranstaltete die Partei von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni eine Informationsveranstaltung zum Pfauen-Problem. Wie es heißt, habe die Bevölkerung ihrer Frustration dabei freien Lauf gelassen. „Wir werden von den Pfauen in Schach gehalten“, wird ein Anwohner zitiert.
Das Problem: Niemand weiß genau, wie viele blaue Pfauen sich in Punta Marina herumtreiben. Angeblich sollen es bis zu 120 Tiere sein. Die Stadt Ravenna hat nun eine Zählung der Tiere in Auftrag gegeben. Die größte Misslichkeit scheint der Pfauen-Kot zu sein. Vorgärten und Bürgersteige sind verschmutzt, wegen der Ausscheidungen sollen sogar die Kinder einer Schule ihren Pausenhof nicht benutzen.
Auch die schrillen Paarungsrufe der Tiere bringen manchen Bewohner um den Schlaf. „Wir sind schon jenseits des Nervenzusammenbruchs“, klagt eine Frau in „La vita in diretta“. Damit nicht genug: Die Pfauen behindern den Verkehr und richten offenbar auch materielle Schäden an. Denn sie lockern Dachziegel und picken mit ihren spitzen Schnäbeln, wenn sie ihr Ebenbild in verspiegelten Flächen wie Autoscheiben wiedererkennen. Sogar blutige Angriffe auf Menschen, Katzen und Hunde wurden bereits gemeldet.
Vor vier Jahren zogen die Tiere ins Dorf
Die Pfauen von Punta Marina sind herrenlos und lebten ursprünglich in einer ehemaligen Ferienkolonie der Luftwaffe in Strandnähe. Früher soll es sich um etwa 30 Exemplare gehandelt haben. Als vor vier Jahren die Kolonie renaturiert wurde, zogen die Tiere dann in das Dorf und fanden Unterschlupf in leer stehenden Häusern und in den Pinienwäldern.
Mehrere Umsiedlungsversuche durch die Stadt schlugen fehl. Einem öffentlichen Aufruf im Jahr 2022, die Tiere einzufangen und umzusiedeln, stellten sich Tierschützer entgegen – das Projekt scheiterte. 2024 beauftragte die Stadtverwaltung schließlich die lokalen Tierschützer mit Aufklärungsarbeit. Die Aktivisten brachten Schilder an, auf denen vor allem vor der Fütterung der Tiere gewarnt wird. Vergeblich. Unbekannte und Touristen füttern die Pfauen nach wie vor regelmäßig. Und so vermehren sich die Tiere und die Verschmutzung nimmt zu.
„Sie machen alles dreckig und picken an allem herum“
„Pfauen sind wunderschön, aber es gibt mittlerweile zu viele von ihnen: Sie machen alles dreckig und picken an allem herum, was ihnen vor die Nase kommt“, sagt auch Claudio Ianiero, Betreiber der örtlichen Konditorei. Er und seine Frau Rosanna gehören nicht zu denen im Ort, die radikale Maßnahmen befürworten. Das Paar lebt seit über 40 Jahren dort, die Pfauen seien seit etwa zehn Jahren da.
Inzwischen, erklären die Ianieros, werde noch eine ganz andere Spezies zum Problem. Das sagen beide unisono: Kamerateams. Die streifen durch Punta Marina und locken Pfauen sogar extra mit Brotkrümeln an. Wegen der Bilder. Und weil der Rest Italiens offensichtlich etwas sehen will – Pfauen in Aktion eben. Die Sendung „La vita in diretta“ wurde eine Zeit lang täglich aus Punta Marina ausgestrahlt, um zu berichten.
Mit derart viel öffentlicher Aufmerksamkeit muss man erstmal umgehen können. Punta Marina mangelt es an Interesse gerade nicht. Dieser Tage beginnt, für manche zu allem Überfluss, die Tourismussaison. Zu den bisherigen Protagonisten im Pfauen-Clinch – den Pfauen, den Ortsbewohnern und den Journalisten – kommt also eine weitere Gattung hinzu.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren