So düster begann schon lange kein „Tatort“ mehr. Kein Tageslicht dringt hinunter in den Keller der Abteilung für Altfälle. Tagein, tagaus sitzen die beiden einzigen Ermittler dieser Spezialstelle im Schummerlicht, die Aktenberge werfen zusätzliche Schatten. Altfälle, klingt nicht nach viel Action und Spannung, was der Hessische Rundfunk (HR) seinem neuen Team da verordnet hat. Das denkt auch Ermittler Hamza Kulina (Edin Hasanovic), der nicht ganz freiwillig in den Keller gewechselt ist: „Ich habe schon genug gesehen“, erklärt er seiner Chefin Maryam Azadi (Melika Foroutan) nur halb überzeugend. „Freue mich auf Akten, Asservate, Altfälle, einfach ruhige, ehrliche Arbeit.“
In der nächsten Szene steht er in der Gerichtsmedizin, vor ihm liegt die halb verweste, übel malträtierte Leiche einer Frau, entdeckt in einem Plastikfass. Mit diesem festen Tritt in die Magengegend wird Kulina hineinkatapultiert in seine neue berufliche Identität – und das Publikum in den fulminanten ersten Fall der neuen Frankfurter Fahnder (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr).
Die Dunkelheit im „Tatort“ wabert bis ins Private
„Dunkelheit“ heißt die erste Episode, nicht gerade der einfallsreichste Krimititel (Buch: Senad Halilbašić, Stefan Schaller, Erol Yesilkaya; Regie: Stefan Schaller). Aber wieso verkünsteln, wenn „Dunkelheit“ eben das ist, worin das neue Team sein Dasein fristet, in der es wühlt und die bis in die Biografie der beiden Kommissare hineinwabert. Das ist spannend und authentisch akribisch.
Neuer „Tatort“ aus Frankfurt macht Jagd auf den „Main-Ripper“
Die Leiche lag laut Gerichtsmedizinerin 15 bis 20 Jahre in der Tonne, der Mord geht zurück in die Zeit des „Main-Rippers“, der für eine Mordserie nach dem immergleichen Muster verantwortlich sein soll. Sie reicht zurück bis in die 70er-Jahre, der Täter ist bis heute nicht gefasst. Kann es der frisch verstorbene Entrümpelungsunternehmer gewesen sein, in dessen Garage das Leichenfass stand? Der freundliche Herr, der die Familienfotos an seinen Wänden in hübschen Mustern anordnete und im Modelleisenbahnclub seiner einzig großen Leidenschaft nachzugehen schien?
Beim Versuch, das zu klären, lernt sich das neue Frankfurter Team schnell kennen. Da ist sie, Maryam Azadi: mondän, dunkel umwölkt, immer in ihrer eigenen Welt versunken, eine Iranerin, die rund um die Uhr Çay aus kleinen, gläsernen Teetassen trinkt. Und er, Hamza Kulina: impulsiv, Hoodie mit Goldkettchen, sagt ständig „krass“ und trägt seine Kindheit in Bosnien schwer mit sich herum. Sie sind das Gegenteil ihrer kumpelig-liebenswerten Vorgänger Janneke und Brix, und der HR liegt damit komplett richtig.
Im echten Leben kennen sich die beiden schon ewig, die 49-jährige Foroutan stand mit vor der Kamera, als Hasanovic einst mit zwölf Jahren seine erste Rolle spielte.
Im „Tatort“ kommt sein Ermittler erstmal gar nicht klar: „Der Wahnsinn macht mich fertig hier. Ich wühle in alten Akten rum und weiß, dass wir nie jemanden zur Rechenschaft ziehen können. Das ist doch krank.“ Man fühlt es so sehr, auch als Zuschauer lässt einen diese Ungerechtigkeit fast aus der Haut fahren. „Die Arbeit wird sich lohnen“, verspricht seine erfahrene Chefin, eine hingebungsvolle Aktenwühlerin. Wenn Kulina am Ende die Rollos hochzieht und endlich Licht hereinströmt, wird es sich wirklich gelohnt haben. Bei der Jagd nach dem Main-Ripper genauso wie daheim auf dem Sofa. Und wenn man Cold Cases statt Altfälle sagt, klingt es auch gleich viel aufregender.
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