Die Angst grassiert im Inselparadies. Seit eineinhalb Wochen wird das griechische Santorin von einer Erdbebenserie erschüttert. Noch haben die Erdstöße keine Schäden angerichtet, aber sie werden häufiger und heftiger. Am Sonntag hatte es 13 Beben der Stärke vier und darüber gegeben. Am Montag registrierten die Seismographen bis zum Mittag bereits 17 Erdbeben dieser Magnitude. Das bisher stärkste ereignete sich um 10.26 Uhr und wurde mit 5,1 Grad auf der Richterskala gemessen.
Wissenschaftler und Forscherinnen sind besorgt, die Bevölkerung ist verängstigt. Die Behörden bereiten sich auf das Schlimmste vor: Evakuierungspläne werden aufgestellt, Zeltlager errichtet. Hoteliers und Hausbesitzer sind aufgefordert, vorsorglich das Wasser aus ihren Swimmingpools abzulassen. So sollen im Fall eines schweren Bebens die Schäden gemindert werden. Urlauberinnen und Urlauber sind weniger betroffen. Santorin, auch Santorini genannt, gehört mit jährlich 3,5 Millionen Gästen zwar zu den Tourismus-Hotspots in Griechenland. Zurzeit sind aber nur wenige Individualreisende auf der Insel oder Ausländer, die dort Häuser besitzen. Viele Hotels sind geschlossen. Die Programme der Reiseveranstalter laufen erst im Frühjahr an.
Dass die Erdbeben auf Santorini stärker werden, macht Seismologen Sorge
Die Bebenserie hatte am 24. Januar begonnen. Solche Erdbebenschwärme sind keine Seltenheit. Aber was den Seismologen Sorge bereitet: Sie nehmen ständig an Stärke zu. Das könnte bedeuten, dass das Hauptbeben erst noch bevorsteht. „Es besteht erhöhte Gefahr“, sagte am Montag der Seismologe Efthymios Lekkas auf Santorin. Er hält ein Erdbeben der Stärke von mehr als 5,5 Grad auf der Richterskala zwar für unwahrscheinlich, will es aber nicht ausschließen.
Mit mehr als einem Dutzend weiteren Wissenschaftlern beobachtet Lekkas vor Ort die Entwicklung. Einen Zusammenhang der Erdbebenserie mit einem möglichen Ausbruch des Vulkans von Santorin schließt Lekkas aus: Es handele sich um tektonische Beben, also keine Vorboten einer Eruption. Der letzte Ausbruch des Vulkans hatte sich 1950 ereignet.
Aber was der Insel jetzt bevorsteht, weiß niemand. Solche Erdbebenserien können Wochen oder Monate anhalten, ohne dass es zu einer Katastrophe kommen muss. Ältere Bewohner erinnern sich allerdings an das Jahr 1956. Am 9. Juli ereignete sich damals ein schweres Beben der Stärke 7,7. Ihm folgte zwölf Minuten später ein weiterer Erdstoß der Stärke 7,2. Über 500 Gebäude auf Santorin und der Nachbarinsel Amorgos stürzten ein. 53 Menschen kamen ums Leben. Die Beben lösten einen Tsunami aus, der auf zahlreichen Ägäisinseln große Schäden anrichtete.
Um im Katastrophenfall keine kostbare Zeit zu verlieren, wurden bereits am Wochenende aus Athen Rettungsmannschaften und ein Suchhund eingeflogen. Die Schulen auf Santorin und drei Nachbarinseln bleiben vorerst geschlossen, Versammlungen in geschlossenen Räumen sind untersagt. Die Menschen wurden aufgefordert, wegen der Tsunami-Gefahr und möglicher Erdrutsche Küstenregionen zu meiden.
Sonderflüge von Santorin nach Athen
Viele Bewohner verbringen die Nächte in ihren Autos oder im Freien. Während weitere Hilfsmannschaften vom Festland eintreffen, versuchen immer mehr Menschen die Insel zu verlassen. Fähren und Flugzeuge sind ausgebucht. Die Fluggesellschaft Aegean Airlines nahm wegen der großen Nachfrage Sonderflüge von Santorin nach Athen in den Flugplan auf.
Der Inselbürgermeister Nikos Zorzos appellierte an die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren. Er sagte: „Wir sind verpflichtet, Vorsorge zu treffen. Aber vorbereitet zu sein, bedeutet nicht, dass auch etwas passieren wird.“
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