Nach dem vier Kilometer langen Erdrutsch in der sizilianischen Stadt Niscemi hat die Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet. Offenbar handelt es sich bei dem betroffenen Stadtteil um eine seit Langem von Erdabgängen betroffene Gegend. Zuletzt war im Jahr 1997 ein Teil des Plateaus abgebrochen, auf dem die Stadt errichtet ist. Am Sonntag hatte das Erdreich nach schweren Regenfällen erneut nachgegeben. Etwa 1500 Menschen wurden aus ihren Wohnungen gerettet, verletzt wurde niemand.
Die Staatsanwaltschaft der Stadt Gela leitete nun ein Strafverfahren wegen „fahrlässiger Herbeiführung einer Katastrophe“ ein. Staatsanwalt Salvatore Vella sagte am Mittwoch, das Verfahren richte sich gegen Unbekannt. Das Hochplateau, auf dem Niscemi gebaut ist, war bereits in der Vergangenheit von Erdabgängen betroffen. Im Oktober 1997 ereignete sich der letzte größere Erdrutsch. Damals waren dutzende Häuser beschädigt worden, es mussten 400 Menschen gerettet und teilweise enteignet werden. Hilfsgelder kamen nur spärlich bei den Betroffenen an. Ein absolutes Bauverbot wurde erst 2007 erlassen.
Der von schweren Regenfällen ausgelöste Erdrutsch in Niscemi ist weiter im Gange
Am Sonntag war ein mehrere hundert Meter langes Stück des Hanges abgebrochen, auf dem die Kleinstadt sich erhebt. Häuser stehen offen über dem Abgrund, Garagen ohne Dach und Autos drohen abzustürzen. Immer wieder brechen kleinere Hangstücke ab. Das größte Problem: Der von schweren Regenfällen ausgelöste Erdrutsch ist weiter im Gange. „Der Erdrutsch ist noch aktiv. Die Situation ist sehr kompliziert“, hatte Zivilschutzchef Fabio Ciciliano nach einer Besichtigung am Dienstag erklärt. Derzeit überwachen Feuerwehrleute und Geologen der Universität Florenz die Bodenbewegungen.
Am Mittwoch verschaffte sich Ministerpräsidentin Giorgia Meloni vor Ort einen Überblick und versprach Hilfe. „Was 1997 nach dem Erdrutsch geschah, wird sich nicht wiederholen“, sagte Meloni und stellte Hilfe in Aussicht. Die Regierung werde „umgehend“ handeln. „Die Situation ist beispiellos“, sagte Renato Schifani, Präsident der Region Sizilien. „Die Stadt droht in die Tiefe zu stürzen. Wir werden einen Plan für den teilweisen Wiederaufbau, weit weg vom Erdrutsch, entwerfen. Die finanziellen Mittel dafür werden wir finden, wir sind fest entschlossen.“
Befürchtet wird, dass noch weitere Teile der Stadt mit ihren rund 25.000 Einwohnern evakuiert werden müssen
Die Ordnungskräfte in Niscemi können derzeit so gut wie nicht eingreifen. Experten wiesen darauf hin, dass das aus Lehm und Sand geformte Hochplateau sich durch die Regenfälle des Zyklons „Harry“ vollgesaugt habe, weshalb der bereits als instabil bekannte Hang jetzt wieder nachgegeben habe. Zum jetzigen Zeitpunkt sei es nicht möglich, das Ausmaß des Schadens abzuschätzen. „Sobald das restliche Wasser abgeflossen ist und der Erdrutsch gestoppt oder sich verlangsamt hat, kann die Lage genauer eingeschätzt werden“, sagte Zivilschutzchef Cicliano.
Befürchtet wird, dass noch weitere Teile der Stadt mit ihren rund 25.000 Einwohnern evakuiert werden müssen. Seit Sonntag habe sich die Frontlinie des Erdabgangs mehr als verdoppelt. Ursprünglich maß sie 1,6 Kilometer. Inzwischen ist der Abgang vier Kilometer lang und 50 Meter tief. „Alle Häuser im Umkreis von 50 bis 70 Metern werden unweigerlich einstürzen“, prognostizierte Salvo Cocina, Direktor des sizilianischen Zivilschutzes. Die Betroffenen sollen mit bis zu 900 Euro Hilfe monatlich unterstützt werden. Über den Zusammenhang zwischen dem heutigen Erdrutsch und den Vorgängen vor 29 Jahren sagte Tuccio D‘Urso, damaliger Leiter des sizilianischen Zivilschutzes, dem Corriere della Sera: „Es war sofort klar, dass die Stadt am falschen Ort gebaut worden war und dringender Handlungsbedarf bestand.“
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