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Familie: Wenn Väter länger zuhause bleiben: Ein Tagebuch aus neun Monaten Elternzeit

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Wenn Väter länger zuhause bleiben: Ein Tagebuch aus neun Monaten Elternzeit

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    Schaukeln, Spazieren gehen, Spielplatz: Unser Autor fragt sich schon hin und wieder, wie er die Elternzeit mit seiner Tochter sinnvoll gestalten kann.
    Schaukeln, Spazieren gehen, Spielplatz: Unser Autor fragt sich schon hin und wieder, wie er die Elternzeit mit seiner Tochter sinnvoll gestalten kann. Foto: Philipp Schulte

    Es ist zwei Uhr in dieser Montagnacht, draußen wabert der Duft von Brötchen durch die kalte Luft. Ich habe Hunger, wie gerne würde ich jetzt zu der Bäckerei in der Dorfmitte laufen, an das Fenster der Backstube klopfen und ein Körnerbrötchen kaufen. Das traue ich mich aber nicht, denn das würde den Einschlafprozess unseres Babys im Kinderwagen erschweren. Die Hände fest am Griff schiebe ich den Kinderwagen lieber durch unser Wohngebiet an dunklen Vorgärten vorbei. Ich spüre Angst, weil ich so alleine unterwegs bin hier draußen, mitten in der Nacht.

    Seit fast vier Monaten habe ich nun Elternzeit und noch fünf Monate vor mir. Die meisten Männer nehmen deutlich weniger Elternzeit, doch ich will viel Zeit mit unserem Kind verbringen, meine Frau möchte wieder in den Job einsteigen und ihr Studium voranbringen. Leicht fiel es ihr nicht, nach sieben Monaten mit Ella loszulassen. Sie hat dafür tagsüber abgestillt – und unsere Tochter hat den Wechsel von viel Mama- zu viel Papa-Zeit ganz gut mitgemacht. Schon nach ein paar Tagen Elternzeit wusste ich: Elternzeit bedeutet nicht nur, auf einer Bank zu sitzen und dem Kind beim Schlafen zuzuschauen. Nein, ich laufe dreimal am Tag mit dem Kinderwagen um den Block, wische Karottenbrei vom Wohnzimmerboden, stehe zweimal nachts auf, räume ständig Spielzeug weg. Und bekämpfe Langeweile. Wenn das Kind zwei Stunden schläft, ist das toll: Ich setzte mich dann aufs Sofa oder auf eine Bank am Waldrand und halte mein Gesicht in die Sonne.

    In dieser Montagnacht jedoch schläft unsere Tochter nicht ein. Zurück zu Hause stecke ich Ella in die Bauchtrage, laufe die Wohnung auf und ab. Nach einer halben Stunde fallen ihre Augen endlich zu; ich lege sie vorsichtig ins Bett ab. Mittlerweile ist es halb vier: Soll ich nun zur Bäckerei gehen und ein Brötchen kaufen? Nein, ich lege mich hin. Später, um 7.30 Uhr, fällt die Wohnungstür zu, meine Frau verlässt das Haus, kommt erst in neun Stunden wieder. Ich spüre eine gewisse Schwere: Was mache ich den ganzen Tag mit unserem Kind? Um 9.30 Uhr beginnt ein Elterntreffen in einer Hebammenpraxis, ein dankbarer Programmpunkt. Dort tauschen sich die Eltern aus, singen und lassen die Kinder krabbeln. Zurück zu Hause gebe ich Ella den Mittagsbrei und gehe danach eine längere Runde nach draußen. Dabei schläft Ella, elf Monate alt, zum dritten Mal ein. Als ich um 17 Uhr nach Hause komme, ist meine Frau zurück von der Arbeit.

    Nur daheim sein mit einem Baby? Unser Autor dreht lieber eine Runde mit dem Kinderwagen.
    Nur daheim sein mit einem Baby? Unser Autor dreht lieber eine Runde mit dem Kinderwagen. Foto: Philipp Schulte

    Meine Frau und ich stehen mit unserem Modell – der Mann nimmt mehr Elternzeit – recht alleine da. Das belegen schon die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Danach bezogen im Jahr 2024 Väter im Schnitt 3,8 Monate Elterngeld, bei Müttern war die Dauer mit 14,8 Monaten fast viermal so lang. Nur zehn Prozent der Väter beziehen mehr als zwei Monate Elterngeld, geht aus einer Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung hervor. Die Elternzeit orientiert sich eng am Bezug des Elterngeldes, das der Staat zahlt und 65 Prozent des Einkommens, aber maximal 1800 Euro, ausmacht. Nur 43 Prozent der Väter beanspruchen Elterngeld. Das heißt: Mehr als jeder zweite Vater geht nach der Geburt weiter arbeiten und die Frau kümmert sich mindestens das erste Jahr alleine um das Kind. Auch nach der Elternzeit sind die Unterschiede offenkundig: Im Jahr 2024 waren nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 68 Prozent aller Mütter mit mindestens einem minderjährigen Kind in Teilzeit, aber nur acht Prozent aller Väter. 

    Was mache ich heute? Diese Frage stelle ich mir fast jeden Morgen. An diesem Dienstagmorgen kämpft sich die Sonne immer wieder durch die Wolkendecke. Ich gehe wandern und setze Ella in den Kindertragerucksack. Ziel ist ein 830 Meter hoher Berg bei uns im südlichen Schwarzwald, den man von unserem Wohnzimmer aus sehen kann. Die Strecke beträgt acht Kilometer, gleicher Hin- und Rückweg. Mir kommen Gedanken wie: Hält Ella so lange still im Rucksack? Wird es ihr nicht zu kalt? Schafft sie es, einzuschlafen? Letztens schrie sie den gesamten Rückweg über und ließ sich erst in einer Gaststätte beruhigen.

    Die gibt es heute in der Nähe des Gipfels nicht. Ich wage es, rein in den Wald, der schmale Wanderweg steigt stark an, ich bin alleine, bewaffnet mit Wanderstöcken. Je weiter ich den Berg hoch kraxle, desto aufgeregter werde ich. Doch zum Glück schläft Ella ein und ich schaffe die Strecke bis oben in einer Stunde. Kurz vor dem Gipfel kommt uns eine Frau entgegen. Sie hält an und möchte der wieder aufgewachten Ella ihre Mütze zurechtrücken. Die Wanderin sagt: „Klasse, was der Papa mit dir macht.“ Das freut mich. Wir erreichen den Gipfel, ich fühle mich erleichtert und euphorisiert. Ein Selfie mit der Rheinebene im Hintergrund und wieder absteigen. Ess- und Trinkpause machen wir unterhalb des Gipfels an einem Grillplatz, danach heißt es: abwärts laufen und aufpassen, nicht zu stürzen. Es geht alles gut, wir erreichen um 14.30 Uhr das Auto und sind bald darauf zurück zu Hause.

    Auf einen Spielplatz zu gehen fühlt sich an, wie auf eine Party zu kommen – sehen und gesehen werden und immer schön lächeln. Heute gehe ich, wie fast immer mittwochs, zum Indoor-Spielplatz im evangelischen Gemeindezentrum. In dem Raum, der so groß ist wie ein Tennisplatz, liegen Matten aus, die Kinder spielen mit Legosteinen, reiten Schaukelpferde, krabbeln durch Röhren. Eltern, die sich kennenlernen, stellen sich meistens die gleichen Fragen: Wie heißt dein Kind? Wie alt ist es? Machst du gerade Elternzeit? Ich komme mit einem Vater – Vollbart, Schneidersitz – ins Gespräch. Er hat eine zweijährige Tochter, wohnt im selben Ort wie wir, macht fünf Monate Elternzeit und ist nun in Teilzeit, um sich weiter kümmern zu können. Er sagt: „Zu Hause fällt uns die Decke auf den Kopf.“ Das höre ich öfters von Eltern und es stimmt ja auch: Nur daheim mit seinem Kind zu spielen, ist anstrengend. Ich kann das höchstens eine halbe Stunde lang, danach gehe ich nach draußen, eine Kinderwagenrunde drehen oder auf den Spielplatz.

    Nach wie vor nehmen Frauen deutlich länger Elternzeit - und beziehen auch deutlich länger Elterngeld, etwa vier Mal so lange wie Männer.
    Nach wie vor nehmen Frauen deutlich länger Elternzeit - und beziehen auch deutlich länger Elterngeld, etwa vier Mal so lange wie Männer. Foto: DVAG Deutsche Vermögensberatung

    Am Donnerstag um 9.30 Uhr beginnt das Babyturnen, ein Höhepunkt der Woche. In die Turnhalle kommen zwölf Mütter, es erscheint leider kein anderer Vater. Das ist schade, einsam fühle ich mich aber nicht. Elternzeit zu haben, bedeutet eher einen eintönigen Job zu machen. Einen Job, für den man statt bei seinem Chef bei seinem Partner Urlaubstage einreicht. Nach dem Motto: Nimmst du morgen das Kind? Nach dem Babyturnen ist unsere Tochter schnell müde. Ich hieve sie aus dem Kindersitz des Autos in den Kinderwagen, drehe eine Runde durch die Nachbarschaft und parke Ella im Garten. Während sie schläft, entspanne ich und bereite das Mittagessen vor. Das haben wir meistens eingefroren. Mit einem Baby zu kochen, ist aus meiner Sicht kaum möglich. Es fordert stets ein, dass man aufmerksam ist.

    Kontrolleinsatz an der Eckfahne: Auch zum Sportplatz kommt Ella natürlich mit.
    Kontrolleinsatz an der Eckfahne: Auch zum Sportplatz kommt Ella natürlich mit. Foto: Philipp Schulte

    Der Freitag ist eigentlich mein freier Tag in der Woche, um Artikel wie diesen zu schreiben. Doch meine Frau ist auf einer Messe im Einsatz. Der Indoor-Spielplatz vom Mittwoch findet zum Glück auch freitags statt. Die vier Mütter, die da sind, reden über Themen, bei denen ich nicht mitreden kann. Es geht um die Geburt aus Frauen-Sicht und das Stillen in der Öffentlichkeit. Ich fühle mich ein bisschen außen vor und spiele etwas abseits mit Ella. Um 12 Uhr kommen wir nach Hause, nur noch drei Stunden bis die Mama zurückkehrt. Überraschung: Statt um 15 Uhr kommt meine Frau schon 13.30 Uhr zurück. Ich freue mich und lasse sie erst einmal ankommen. Von 14.30 Uhr an habe ich kindfreie Zeit.

    Tags darauf, am Samstag: Wochenende! Was mache ich heute? Jedenfalls nicht das Kind betreuen, sondern putzen. Männer können entgegen einiger Vorurteile eben doch putzen und dazu beitragen, die Hausarbeit besser zu verteilen. Denn immer noch übernehmen erwerbstätige Frauen mit Kindern den Großteil der Alltagsaufgaben. Meine Frau macht etwas Schönes mit Ella.

    Was lerne ich, was lernen Männer während der Elternzeit? Das frage ich den Männlichkeitsforscher Stephan Höyng, der an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin lehrt. Er sagt: „Wer sich auf ein Kind einlässt, muss in einem ganz anderen Rhythmus funktionieren als in der Erwerbsarbeitswelt.“ Nach der Elternzeit kümmerten sich Männer bereitwilliger um das Kind, seien engagierter in der Kinderbetreuung und im Haushalt. Die Bindung zum Kind verbessere sich.

    Heute, am Sonntagvormittag, betreue ich unser Kind. Meine Frau muss für ihr Studium eine Hausarbeit schreiben. Am frühen Nachmittag spazieren wir zu dritt durch die Felder und essen ein Eis. Danach beginnt meine Freizeit, ich entspanne und genieße bis zum Abend die Zeit ohne Kind. Morgen, am Montag, beginnt eine neue Elternzeit-Woche. Nummer 19 von 39.

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