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Hip trotz Brennpunkt: So cool ist der Osten von Paris

Frankreich

Brennpunkt oder Trendviertel? Der coole Osten von Paris

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    Das Kulturviertel „FAST“ (Fiminco Art Studios) in Romainville rund drei Kilometer östlich von der Pariser Stadtgrenze. Bis Anfang der 2000er-Jahre befand sich hier ein Industriegebiet mit rund 5000 Mitarbeitern des französischen Pharmakonzerns Roussel-Uclaf. 
    Das Kulturviertel „FAST“ (Fiminco Art Studios) in Romainville rund drei Kilometer östlich von der Pariser Stadtgrenze. Bis Anfang der 2000er-Jahre befand sich hier ein Industriegebiet mit rund 5000 Mitarbeitern des französischen Pharmakonzerns Roussel-Uclaf.  Foto: Manuel Abella

    Behutsam flicht Yosra Mojtahedi dünne Schlingen aus Ton um einen glatt gestrichenen Block, der wahlweise an menschliche Hüften oder Baumwurzeln denken lässt. Als „hybriden Körper“ bezeichnet die iranische Künstlerin, was da zwischen ihren flinken Händen entsteht. „Ich widme mich dem Verschwinden von Grenzen, auch zwischen Menschlichem und Pflanzlichem“, sagt die 39-Jährige. Später will sie ihr Werk mit Soft-Robotics-Technologie und Geräuschen anreichern. „Meine Arbeit ist multidisziplinär“, sagt Mojtahedj und lächelt. „Darum bin ich hier genau richtig.“

    Seit September lebt und arbeitet sie in einer Künstlerresidenz des Kulturviertels „FAST“ (Fiminco Art Studios) in Romainville rund drei Kilometer östlich von der Pariser Stadtgrenze. Hier kann sie sich an umfassendem Material, professionellen Werkzeugen und Technologien bedienen – von riesigen 3D-Druckern und Prägepressen über CNC-Sägemaschinen bis zu einem Foto- und Videostudio. Atelier-Chefs, die selbst Künstler sind, stehen für technische Hilfe und den Austausch bereit. Edouard Wolton ist einer von ihnen und seit der Eröffnung der „Kunst-Fabrik“ vor sechs Jahren dabei. „Wie in einem Labor experimentieren wir, kombinieren verschiedenste Techniken, denn es gibt kaum noch Künstler, die sich nur einer Disziplin widmen“, sagt er. Miete zahlt sie als Stipendiatin nicht und es besteht keine Pflicht, ein Ergebnis abzuliefern. Das erlaubt enorme Freiheit, sich auszuprobieren.

    Bis Anfang der 2000er befand sich hier ein Industriegebiet

    Die acht Werkstatt-Ateliers und knapp 150 Zimmer für Künstler und Studierende belegen nur einen Teil des Geländes in Romainville. Bis Anfang der 2000er-Jahre befand sich hier ein Industriegebiet mit rund 5000 Mitarbeitern des französischen Pharmakonzerns Roussel-Uclaf. Davon zeugen noch Backsteingebäude und hohe Heizkessel. Jahrelang lag die Fläche brach, das Projekt eines Logistikzentrums scheiterte. 2019 siedelte dann das Immobilienunternehmen Fiminco über seine Stiftung auf insgesamt mehr 120.000 Quadratmetern das Kulturviertel an – das größte in Europa. Es wirkt wie ein Mini-Dorf, beherbergt Galerien, Ausstellungs-, Probe- und Lagerräume für insgesamt 22 Organisationen. Während Yosra Mojtahedi an ihrem Keramikwerk arbeitet, übt das Kammerorchester „Le Balcon“ die Oper „Montag aus Licht“ von Karlheinz Stockhausen ein. Ein paar Häuser weiter probt das Ensemble des Pariser „Théâtre du Châtelet“ das Musical „La Cage aux folles“ („Ein Käfig voller Narren“). Lauter, rhythmischer Gesang dringt durch die Tür eines einstigen Fabrikgebäudes.

    Künstlerin Yosra Mojtahedi flicht dünne Schlingen aus Ton um einen Block.
    Künstlerin Yosra Mojtahedi flicht dünne Schlingen aus Ton um einen Block. Foto: Birgit Holzer

    Auch Choreographen wie die Spanierin Blanca Li haben hier ihre Studios. Ein Teil des Pariser Ablegers der New Yorker Design-Hochschule Parsons School of Design kam ebenso auf dem Gelände unter wie die Musikschule Yamaha Music School. Im März ziehen Studenten der Schauspielschule Conservatoire national d’arts dramatiques ein. Der regionale Fonds für zeitgenössische Kunst der Hauptstadtregion (Frac de l’Île de France), dem es an Lagerräumen fehlte, belegt 4000 Quadratmeter. In einem Abschnitt dieses künstlerischen Mini-Dorfs sind noch Bauarbeiter zugange. Ein Konzertsaal mit 600 Sitz- und 1100 Stehplätzen wird nächstes Jahr eröffnet.

    Das Ziel: Ein „kulturelles Ökosystem“ schaffen

    Eine Art „kleiner Bienenstock“ entstehe, sagt Katharina Scriba, Direktorin der Fondation Fiminco, um sich schmunzelnd gleich selbst zu berichtigen: „Oder vielmehr: ein großer Bienenstock.“ Ziel sei es, ein „kulturelles Ökosystem“ zu schaffen, um den Austausch und die unkomplizierte Begegnung von Künstlern verschiedenster Disziplinen, Nationalitäten und Generationen zu fördern. So gelinge eine in dieser Form einzigartige Durchmischung.

    Das Kulturviertel in Romainville sei für alle offen, betont die Deutsche, die in Jena geboren und Botschafterin der Stadt Hamburg ist und zuvor jahrelang das Kulturprogramm des Goethe-Instituts in Paris geleitet hat. „Wir wollen ein Anziehungspunkt für Pariser Kulturinteressierte und internationale Gäste sein und suchen zugleich die Verbindung mit der direkten Nachbarschaft.“ Für die Menschen in Romainville sei die Schließung und Auslagerung des Industriegebiets, das lange tausende Jobs in der Region abgesichert hatte, ein Trauma gewesen. „Viele kommen nun und sind sehr berührt zu sehen, dass die Geschichte nun in denselben Gebäuden, in derselben Architektur, die wir soweit möglich bewahrt haben, weitergeschrieben wird“, so Scriba.

    Das Departement 93 ist ein sozialer Brennpunkt

    Romainville gehört zum Departement Seine-Saint-Denis mit der Ordnungsnummer 93 im Nordosten der Hauptstadt, dem am zweitdichtesten besiedelten nach Paris selbst. Ist in den Medien vom „93“ die Rede, dann geht es meist um die sozialen Brennpunkte. Die Bevölkerung ist im Verhältnis besonders jung und hat oft einen Einwanderungshintergrund. 28,4 Prozent der Menschen leben unterhalb der Armutsgrenze, fast doppelt so viel wie im Landesdurchschnitt. Vor 20 Jahren löste der Tod zweier Jugendlicher, die vor Polizisten wegliefen, in Clichy-sous-Bois, einer Stadt im 93, Aufstände im ganzen Land aus. Sie ließen sich erst durch den Großeinsatz der Polizei und fast drei Wochen Ausnahmezustand eindämmen. Es war der Ausdruck einer enormen Wut in den sozial benachteiligten Banlieues, die oft so nah an den Metropolen liegen und doch so abgehängt waren und teils noch sind. Im kollektiven Gedächtnis brannten sich die Bilder von in Flammen stehenden Autos und Straßenschlachten zwischen Jugendlichen und der Polizei ein.

    Eine Art „kleiner Bienenstock“ entstehe, sagt Katharina Scriba, Direktorin der Fondation Fiminco, ein „kulturelles Ökosystem“.
    Eine Art „kleiner Bienenstock“ entstehe, sagt Katharina Scriba, Direktorin der Fondation Fiminco, ein „kulturelles Ökosystem“. Foto: Birgit Holzer

    Tatsächlich herrschte in diesen besonders vielfältigen Vorstädten immer auch eine große Solidarität der Menschen untereinander. Einige der an Paris grenzenden Banlieues des „93“ wie Pantin, Montreuil, Les Lilas und eben auch Romainville durchlaufen seit einigen Jahren einen spektakulären Wandel. Sie verzeichnen ein starkes Wachstum, da vor allem viele Familien aus dem teuren, engen Paris auf die andere Seite des „Boulevard Périphérique“, der die Metropole einschließenden Ringautobahn, wechseln. Die Immobilienpreise sind nur rund halb so hoch, stiegen aber kontinuierlich, insbesondere entlang des Canal de l’Ourcq, der von Paris in den Nordosten fließt. Riesige Graffitis, Collagen und Schablonen prangen auf den Fassaden von Häusern, Mauern und Brücken auf beiden Seiten des Wassers. Ein Spaziergang am Ufer entlang ist wie ein Museumsbesuch unter freiem Himmel. Gratis noch dazu.

    Bioläden, Bierbrauereien und hippe Cafés öffneten

    Angesichts der neuen Bewohner öffneten Bioläden, lokale Bierbrauereien, Jazzkeller und hippe Cafés. In Pantin befinden sich neben dem nationalen Zentrum für Tanz eine Reihe Kulturinstitutionen, die teils auch Künstlerresidenzen anbieten, Stadtbauernhöfe und -gärten und Vereine für kulturelle Vermittlung. Vor zwölf Jahren siedelten sich die Modeunternehmen Chanel und Hermès mit Büros und Werkstätten an. Durch die Verlängerung von insgesamt vier Metrolinien in das Departement Seine-Saint-Denis im Rahmen von Europas größtem Infrastruktur-Projekt „Grand Paris Express“, das der damalige Präsident Nicolas Sarkozy ab 2007 anstieß, wird der Nordosten zunehmend besser angeschlossen. Was heute noch als Ballungsraum gilt, soll mehr und mehr mit der Hauptstadt zusammenwachsen und zum „Grand Paris“, „Groß-Paris“, werden. Die Fläche des offiziellen Stadtgebiets ist fast neunmal kleiner als jene von Berlin. Zählt Paris intra muros gut zwei Millionen Einwohner, so leben im Großraum insgesamt 12,5 Millionen.

    „Man sieht die Porosität zwischen Paris und den anliegenden Vorstädten, die Leute fahren mit dem Rad über eine Stadtgrenze, die eigentlich keine mehr ist“, sagt Katharina Scriba. „Es war längst Zeit, ein kulturelles Angebot zu schaffen, das dieser Dynamik Rechnung trägt.“ Die Fiminco-Stiftung verfüge über etwas, an dem es in Paris fehle: Raum und die Öffnung hin zu einem neuen Publikum. Die lokale Verankerung sei entscheidend für das dauerhafte Gelingen des Projektes.

    Die ärmere Bevölkerung wurde in die Pariser Vororte verdrängt

    Die Geografin Anne Clerval, Autorin des Buchs „Paris ohne das Volk. Die Gentrifizierung der Hauptstadt“, erforschte die Verdrängungsmechanismen, die es in der Vergangenheit in Paris gegeben hat. Die ärmere Arbeiterschaft bewohnte traditionell den Osten der französischen Metropole, die Bourgeoisie den Westen. Im Zuge der Deindustrialisierung ab den 1960er Jahren wurden die Arbeiter allmählich von der Mittelklasse ersetzt. Sie zogen oft weiter in die östlichen Vororte, wo lange kommunistisch und später überwiegend sozialistisch regierte Rathäuser für eine hohe Zahl an Sozialwohnungen sorgten. Doch die Entwicklung setzt sich fort. „Der Herausforderung für diese Städte besteht heute darin, auch für die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten zugänglich zu bleiben“, mahnt Clerval. In Montreuil beläuft sich der Anteil der Sozialwohnungen auf ein Drittel, in Pantin auf 38 Prozent, in Romainville gehören laut Rathaus sogar fast 50 Prozent zum Sozialwohnungspark. Zugleich haben sich die Immobilienpreise in Pantin und Romainville in 20 Jahren mehr als verdoppelt, in Montreuil sogar fast verfünffacht.

    Wo einst verrufene „No Go-Areas“ lagen, handelt es sich heute um Orte, die für jüngere Menschen und Künstler attraktiver sind als jede andere Gegend in und um Paris. Die „New York Times“ verglich Pantin sogar mit Brooklyn, jenem besonders vielfältigen und kulturell lebendigen Stadtteil von New York City. Die Designer seines Unternehmens spürten, dass sie „hier ihren Finger am Puls der Zeit haben“, wurde darin Bernhardt Eichner, Generaldirektor der Hermès Services Group, zitiert. Paris sei erstickt, die Kreativität eingeschlafen, sagte der Direktor der Philharmonie, Olivier Mantei, die sich am Rande des Villette-Parks im äußersten Nordosten von Paris befindet und mit der die Fondation Fiminco eine Partnerschaft pflegt. Das künstlerische Zentrum der Stadt verlagere sich an ihre äußeren Ränder und darüber hinaus – „dorthin, wo Platz, Vielfalt, Innovation und Luft sind“. Dorthin, wo noch Raum für Neues ist und enthusiastisch angenommen wird.

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