Eisige Temperaturen, spektakuläre Naturschauspiele und Schnee und Eis, so weit das Auge reicht: Die Antarktis gilt als einer der wenigen Orte der Erde, deren Natur noch fast unberührt ist. Doch auch in dem Südpolargebiet sind die Folgen der menschlichen Zivilisationen bereits zu erkennen. Derzeit wohl mehr als je zuvor. Das legen Erkenntnisse eines Forschungsteams nahe, die sich rund um ein winziges Lebewesen drehen.
Einziges Insekt der Antarktis hat Plastik im Magen
Die Zuckmücke Belgica antarctica ist das einzige einheimische Insekt der Antarktis, wie National Geographic aufklärt. Sie ist nur wenige Millimeter groß, sticht nicht und kann nicht fliegen. Dafür hat sie einige Mechanismen entwickelt, die ihr seit Jahrtausenden dabei helfen, in der eisigen Wüste zu überleben. Die Belgica antarctica kann beispielsweise kältebedingtem Austrocknen und der Bildung von Eis im Körper trotzen. Außerdem legen die Mücken in ihrem zweijährigen Lebenszyklus zwei Entwicklungspausen ein. Sie wachsen nur bis zum ersten Winter und begeben sich dann in eine Ruhephase. Die Entwicklung wird erst wieder hochgefahren, wenn es wärmer wird.
Das einzige Insekt der Antarktis muss nun aber nicht nur der wenig lebensfreundlichen Region trotzen, sondern auch einem Szenario, für das der Mensch sorgt. Ein internationales Forschungsteam der US-amerikanischen University of Kentucky hat Plastik im Magen von Belgica-Larven nachgewiesen. Die Studie aus dem November 2025, die in der Fachzeitschrift Science of the Total Environment veröffentlicht wurde, liefert die ersten Erkenntnisse darüber, inwiefern Mikroplastik das antarktische Insekt betrifft.
Auch interessant: Die Antarktis stellt den einzigen Kontinent dar, auf dem keine Schmetterlinge leben. Derzeit werden zudem Insekten-Roboter entwickelt, die im Katastrophenfall zum Einsatz kommen sollen.
Belgica antarctica kann trotz Mikroplastik im Magen überleben
Die Idee für die Untersuchung kam dem Studienleiter Jack Devlin, als er einen Dokumentarfilm über Plastikverschmutzung sah. „Dieser Film hat mich total umgehauen“, wird Devlin in einem Bericht der University of Kentucky zitiert: „Ich begann, mich über die Auswirkungen von Plastik auf Insekten zu informieren und dachte mir: ‚Wenn Plastik überall auftaucht, wie sieht es dann an seltenen Orten wie der Antarktis aus?‘“
Die Studie teilten Devlin und sein Team in der Folge in zwei Untersuchungen auf: eine Feldstudie und eine Laborstudie. Zunächst untersuchten die Forschenden die Larven der Mücken im Labor. Sie testeten die Wirkung verschiedener Konzentrationen von Mikroplastik auf die Larven. Das für Devlins Team überraschende Ergebnis: Die Überlebensrate sank selbst bei den höchsten Plastikkonzentrationen nicht. Der Stoffwechsel blieb ebenfalls stabil. „Äußerlich schien es ihnen gutzugehen“, erklärte Devlin. Erst bei genauerem Hinsehen wurde eine negative Folge des Mikroplastiks erkannt: Die Fettreserven der Mückenlarven waren geschwunden.
In der Studie wird die Vermutung geäußert, dass die langsamere Nahrungsaufnahme bei den niedrigen Temperaturen die Belgica antarctica davor schützt, hohe Mengen an Plastik aufzunehmen. Allerdings seien längerfristig angelegte Untersuchungen nötig, da die Expositionsphase wegen der logistischen Herausforderungen, die die Arbeit in der Antarktis mit sich bringt, nur zehn Tage betrug.
Insekten in der Antarktis: Forscher sorgen sich um Langzeitfolgen
In der zweiten Phase des Projekts untersuchten die Forschenden wild gefangene Larven aus der natürlichen Umgebung der Antarktis. Das Team um Delvin sammelte 2023 Larven von 20 Standorten auf 13 Inseln entlang der westantarktischen Halbinsel. Die Därme der Larven wurden mit hochpräzisen Geräten untersucht. In zwei der 40 Larven wurden Mikroplastik-Fragmente entdeckt. Für die Forschenden ein Warnsignal. Der Grund: „Die Antarktis hat noch viel niedrigere Plastikwerte als der Rest des Planeten. Aber wir können jetzt sagen, dass sie in das System gelangen“, heißt es in der Studie. Demnach zeige die Entdeckung, wie weit die Plastikverschmutzung fortgeschritten ist.
Das Forschungsteam sorgt sich um die möglichen Langzeitfolgen dieser Entwicklung. Zwar wandert das Plastik in der Antarktis nicht weiter durch die Nahrungskette, da die Belgica antarctica keine natürlichen Fressfeinde hat. Allerdings könnten die Larven während ihrer zweijährigen Entwicklungsphase kontinuierlich Plastik aufnehmen, was das einzige Insekt, das sich auf die schwierigen Lebensbedingungen in der Antarktis eingestellt hat, dauerhaft gefährden würde.
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