Andrew Lownie gibt derzeit Interviews im Viertelstundentakt. Seit der vorläufigen Festnahme von Andrew Mountbatten-Windsor klingelt sein Telefon ununterbrochen. Schon im Sommer 2025 hatte der Historiker mit einer Biografie über den früheren Royal für Aufsehen gesorgt. Darin thematisierte er dessen Lebensstil, seine Zeit als Handelsgesandter und die Verbindungen zu Jeffrey Epstein. Kritiker monierten seine teils sehr drastische Darstellung, Unterstützer lobten die gründliche Recherche. Mit den aktuellen Entwicklungen gewinnt das Buch nun erneut an Brisanz.
Herr Lownie, Andrew Mountbatten-Windsor steht unter dem Verdacht, sein offizielles Amt missbraucht zu haben, und wurde deshalb vergangene Woche vorübergehend festgenommen. Waren Sie überrascht von den Anschuldigungen?
ANDREW LOWNIE: Nein, überrascht war ich nicht. In meinem Buch habe ich wiederholt Fälle dokumentiert, in denen er vertrauliche und sensible Informationen weitergegeben hat. Doch als dies im August bekannt wurde, hat das kaum jemanden interessiert. Jetzt sind offenbar so viele belastende Informationen und so viel öffentliche Empörung vorhanden, dass die Strafverfolger sich gezwungen sahen, etwas zu tun, und deshalb passiert jetzt mehr.
Das heißt, es hätte viel früher zu einer Festnahme kommen können?
LOWNIE: Berichte über das Fehlverhalten von Andrew gibt es seit 15 Jahren. Es gab also zahlreiche Gelegenheiten, bei denen man hätte eingreifen können. Zu verschiedenen Zeitpunkten hätten der Palast, die Regierung und auch die Justiz gegen Andrew vorgehen können – doch sie taten es nicht.
Sie haben jahrelang für ihr Buch recherchiert und berichten von vielen Hürden – worin bestanden diese konkret?
LOWNIE: Ich habe fünf Jahre lang versucht, Zugang zu den Akten zu bekommen, die mit Andrews Tätigkeit als Handelsgesandter zusammenhängen. Die Regierung hat jede nur mögliche Ausnahmeregelung genutzt, um mir die Einsicht zu verweigern. Erst jetzt wurde auf Druck von Parlamentsabgeordneten beschlossen, dass die Unterlagen offengelegt werden. Ich hoffe, dass mit den Strafverfolgungsbehörden kooperiert und es eine parlamentarische Untersuchung zu Andrews Zeit als Handelsbeauftragter geben wird. Dann müssten auch jene, die nicht mit mir sprechen wollten, unter Eid darlegen, was sie tatsächlich wussten.
Sie haben kürzlich gesagt, Sie könnten sich nicht vorstellen, dass Andrew tatsächlich im Gefängnis landet. Jetzt laufen jedoch polizeiliche Ermittlungen. Hat sich Ihre Meinung vor diesem Hintergrund geändert?
LOWNIE: Durch die Epstein-Leaks ist erheblich mehr belastendes Material ans Licht gekommen, das den Verdacht erhärtet, dass er vertrauliche Informationen weitergegeben und damit womöglich gegen geltendes Recht verstoßen hat. Trotzdem gehe ich nicht davon aus, dass Andrew am Ende verurteilt wird.
Weshalb?
LOWNIE: Der Vorteil, jetzt ein Verfahren anzustrengen, läge darin, dass die Debatte sofort gedämpft würde. Sobald ein Fall vor Gericht ist, heißt es: Wir können uns dazu nicht äußern. Damit verschwindet das Thema weitgehend aus der öffentlichen Diskussion – die Geschichte ist faktisch erst einmal erledigt. Und ein solches Verfahren kann sich über Jahre hinziehen, bis das Interesse abgeflaut ist und viele es vergessen haben. Deshalb bin ich weiterhin nicht überzeugt, dass er am Ende zur Rechenschaft gezogen wird.
Die mittlerweile verstorbene Virginia Giuffre hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige dreimal missbraucht zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe. Erwarten Sie, dass es in diesem Zusammenhang zu einem Verfahren kommt?
LOWNIE: Das ist ein deutlich komplexeres Feld. Damit es zu einem Verfahren kommen kann, müssten Betroffene identifiziert werden und bereit sein, auszusagen – und ihre Aussagen müssten einer gerichtlichen Prüfung standhalten. Hinzu kommt, dass viele Namen in den Fluglisten von Jeffrey Epsteins Privatjets fehlen und offenbar zahlreiche Protokolle zerstört wurden. Ein solches Verfahren wäre daher weitaus komplizierter als die aktuellen Ermittlungen wegen des Verdachts auf Missbrauch eines öffentlichen Amtes. In diesem Bereich haben die Behörden deutlich mehr Spielraum – sowohl bei den Ermittlungen als auch hinsichtlich eines möglichen Strafmaßes.
Welche Folgen könnte die immer weiter eskalierende Affäre um Andrew für die Monarchie als Institution haben?
LOWNIE: In der Krise liegt auch eine Chance. Wenn die Monarchie überleben will, muss sie sich weiter modernisieren und deutlich transparenter werden. Hält sie hingegen an einer Kultur der Abschottung fest und entsteht der Eindruck, es werde vertuscht oder der Rechtsstaat zugunsten einzelner untergraben, wird sie weiter an Vertrauen und Respekt verlieren – mit potenziell gravierenden Folgen. Sollte sich zudem herausstellen, dass König Charles über Vorgänge informiert war und versucht hat, Untersuchungen zu beeinflussen oder zu behindern, wäre das politisch kaum zu überstehen. In einem solchen Fall müsste er meiner Meinung nach zurücktreten.
Würde dies nicht faktisch auch das Ende der Monarchie bedeuten?
LOWNIE: Nein, dann würde Prinz William die Nachfolge antreten.
Auch wenn Andrews Ex-Frau, Sarah Ferguson, sowie die gemeinsamen Töchter Beatrice und Eugenie nicht im Zentrum der Vorwürfe stehen, gehören sie zum engsten familiären Umfeld. Welche Rolle kommt ihnen in dieser Affäre zu?
LOWNIE: Ich halte es für wichtig, dass sich Sarah Ferguson, ebenso wie ihre Töchter den Ermittlungsbehörden und dem Untersuchungsausschuss zur Verfügung stellen. Sie waren Teil des unmittelbaren Umfelds und könnten zur Aufklärung beitragen. Wenn sie nichts zu verbergen haben, haben sie auch nichts zu befürchten.
Zur Person
Andrew Lownie, geboren 1961, studierte Geschichte in Cambridge und absolvierte anschließend ein Masterstudium in Edinburgh. Seine berufliche Laufbahn begann er als Buchhändler und Journalist, bevor er ins Verlagswesen wechselte. Parallel machte sich Lownie als Autor und Publizist einen Namen. Überdies veröffentlicht er regelmäßig Beiträge und Rezensionen in britischen Tages- und Wochenzeitungen wie The Times, The Spectator und The Guardian. Im Sommer vergangenen Jahres erschien sein aktuelles Buch mit dem Titel „Entitled: The Rise and Fall of the House of York“ („Privilegiert: Der Aufstieg und Fall des Hauses York“) - eine kritische Biografie über Andrew Mountbatten-Windsor und dessen Ex-Frau Sarah Ferguson.
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