Die Madrilenen sind einiges gewohnt. Staus, Demos, Staatsbesuche, Fußballfeste, Hitzewellen, königliche Zeremonien, Baustellen, Prozessionen und gelegentlich alles gleichzeitig. Doch was der spanischen Hauptstadt ab dem 6. Juni bevorsteht, ist selbst für Madrid eine Nummer größer: Papst Leo XIV. kommt nach Spanien – und Madrid bereitet sich vorsorglich auf Tage vor, in denen man am besten gar nicht erst versucht, mit dem Auto durch die Innenstadt zu fahren.
Die Stadtverwaltung empfiehlt den Unternehmen, ihren Beschäftigten Homeoffice zu ermöglichen. Zentrale Verkehrsachsen werden tagelang gesperrt. Madrids Bürgermeister José Luis Martínez-Almeida spricht offen von „komplizierten Tagen“ für die Mobilität. Und als wäre ein Papstbesuch nicht genug, fallen auch noch zwei Großkonzerte des puerto-ricanischen Superstars Bad Bunny in denselben Zeitraum. Madrid erwartet Menschenmassen, Polizeiketten und sehr viele genervte Pendler.
Papst Leo besucht Königspaar und spricht im Parlament
Der Grund für die Nervosität ist nicht nur religiöser Natur. Für den Aufenthalt des Papstes in Madrid vom 6. bis 9. Juni mobilisiert Spanien rund 14.000 Polizisten. Es ist das größte Sicherheitsaufgebot in der Geschichte Madrids – größer noch als beim NATO-Gipfel 2022. Die Behörden sprechen von einem „komplexen internationalen Umfeld” mit Kriegen in der Ukraine und in Nahost, Risiken durch radikale Gruppen und der Herausforderung, Hunderttausende Pilger durch die Stadt zu lenken.
Papst Leo landet am 6. Juni in Madrid. Auf dem Programm stehen ein Empfang durch das Königspaar, ein Treffen mit Regierungschef Pedro Sánchez und eine große Open-Air-Messe sowie öffentliche Gebete und Begegnungen, zu denen bis zu einer Million Menschen erwartet werden. Am 8. Juni folgt ein politischer Höhepunkt: Der Papst spricht im spanischen Parlament – ein Auftritt, bei dem jedes Wort gewogen werden dürfte.
Papst thematisiert soziale Ausgrenzung in Spanien
Diese Reise ist nicht nur Seelsorge, sondern auch Politik. Leo XIV. kommt mit einem Programm, das die großen Reizthemen Spaniens berührt: Migration, soziale Ausgrenzung, Jugend, Familie, Armut, demokratische Verantwortung. Der Vatikan beschreibt die Spanienreise als wichtiges Signal an Europa, vor allem mit Blick auf den Umgang mit Migranten. Auf Gran Canaria und Teneriffa will der Papst später Menschen treffen, die mit Booten über die gefährliche Atlantikroute auf die Kanaren gelangt sind.
Das macht den Besuch auch innenpolitisch brisant. Spanien wird von einer sozialdemokratisch geführten Minderheitsregierung gelenkt, die seit Monaten unter Druck steht. Korruptionsaffären im Umfeld der Sozialdemokraten, Ermittlungen gegen frühere Spitzenpolitiker und eine aggressive Opposition haben Ministerpräsident Sánchez in die Defensive gebracht. Da kommt ein Papstbesuch mit großen Bildern nicht ungelegen.
Dass der Sozialdemokrat Sánchez den Papst persönlich trifft, ist daher mehr als ein Höflichkeitstermin. Denn in zwei Punkten liegen Leo XIV. und der spanische Regierungschef auffällig nah beieinander: beim Thema Migration und in der Ablehnung von Donald Trumps harter Politiklinie.
Spanische Regierung bietet Ausweg für irregulär lebende Zuwanderer
Sánchez wirbt seit Langem dafür, Migration nicht nur als Problem, sondern auch als Chance zu sehen. Ohne ausländische Arbeitskräfte, sagt seine Regierung immer wieder, würden wichtige Branchen des Landes kaum funktionieren: Tourismus, Gastronomie, Bauwirtschaft, Landwirtschaft, Pflege. Spanien hat deshalb eine Regularisierung beschlossen, die Hunderttausenden irregulär im Land lebenden Zuwanderern eine Perspektive auf legale Aufenthaltspapiere eröffnen soll.
Diese Politik wird von der spanischen Kirche, von Caritas, sozialen Organisationen und Teilen der Wirtschaft unterstützt. Die konservative Opposition aus der Volkspartei und der Rechtsaußenbewegung Vox lehnen diese Reform entschieden ab. Gerade Vox attackiert seit Monaten nicht nur die Regierung, sondern auch kirchliche Stimmen, die sich für Migranten einsetzen.
Vor diesem Hintergrund bekommt die Kanaren-Etappe des Papstes besonderes Gewicht. Leo XIV. reist am 11. Juni nach Gran Canaria, besucht dort den Hafen von Arguineguín, einen der symbolträchtigsten Ankunftsorte der Atlantikroute, und trifft Hilfsorganisationen. Am 12. Juni geht es nach Teneriffa, wo Begegnungen mit Migranten in einem Auffangzentrum sowie eine Abschlussmesse im Hafen von Santa Cruz geplant sind.
Zunächst aber reist Leo am 9. Juni von Madrid nach Barcelona weiter. Dort wartet der wohl spektakulärste Moment des ganzen Spanienbesuchs: Am 10. Juni, exakt 100 Jahre nach dem Tod des Baumeisters Antoni Gaudís, feiert der Papst in der weltberühmten Basilika Sagrada Família eine Messe und segnet anschließend den neuen Christusturm. Mit 172,5 Metern macht dieser Turm Gaudís Tempel zur höchsten Kirche der Welt.
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