Durch die Abflughalle des Flughafens in Guadalajara hallen an diesem Tag Schreie. Menschen laufen genau dort in Panik wild umher, wo in knapp hundert Tagen Fans aus aller Welt zu den Spielen der Fußball-Weltmeisterschaft erwartet werden. Draußen, in der Stadt, zünden Bandenmitglieder des Drogenkartells „Cártel Jalisco Nueva Generación“ (CJNG) Tankstellen an. Weiter westlich, in Puerto Vallarte an der Pazifikküste, gehen Supermärkte in Flammen auf. Wie in Nayarit. Über einigen anderen Städten stehen Rauchsäulen. Mitunter lassen die Kartelle per Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiten, dass sie vor allem nachts keine Rücksicht auf Zivilisten nehmen könnten, Anwohner sollten ihre Unterkünfte nicht verlassen.
In weniger als vier Monaten sollen in Mexiko 13 Spiele der Fußball-WM stattfinden. Unter anderem tragen Gastgeber Mexiko, aber auch Europameister Spanien Spiele in Guadalajara aus. Der Spielort ist die Hauptstadt der Unruheprovinz Jalisco. Anlass der Gewaltausbrüche: eine spektakuläre Polizeiaktion, bei der Nemesio Oseguera Cervantes alias „El Mencho“ von den Sicherheitskräften tödlich verletzt wurde. Mit ihm starben mindestens sechs weitere ranghohe Gangmitglieder. „El Mencho“ gilt als Kopf des milliardenschweren Drogenkartells CJNG.
Die frühere Anti-Drogenkartell-Politik in Mexiko ist spektakulär gescheitert
Die Frage der Sicherheit des WM-Turniers ist eine Sache, die vor allem international interessiert. Eine ganz andere Frage ist dagegen der politische Kurswechsel der mexikanischen Präsidentin Claudia Sheinbaum. Die Linkspolitikerin hatte ein schweres Erbe von ihrem Parteifreund und Vorgänger Andres Manuel Lopez Obrador (2018–2024) übernommen. Dessen Anti-Drogenkartell-Politik bestand aus dem am Ende desaströsen Motto „Umarmungen statt Schüsse“. Besonders im Gedächtnis haften blieb ein Handschlag von Lopez Obrador mit der Mutter des legendären Drogenbarons „El Chapo“ Guzman, den Beobachter symbolisch als eine Art Waffenstillstand der Regierung mit den Kartellen werteten.
Lopez Obradors Bilanz ist verheerend: Mit 200.000 Gewalttoten gab es so viele Mordopfer wie in noch keiner anderen mexikanischen Präsidentschaft. Diese Bilanz sorgte nördlich der mexikanischen Grenze auch dafür, dass US-Präsident Donald Trump leichtes Spiel hatte, im Wahlkampf 2024 mit der Unsicherheit an der Grenze und den Drogenhandel Stimmung gegen Mexiko zu machen.
Sheinbaum stand vor dem Problem, einerseits ihren Vorgänger und Mentor nicht mit einem allzu forschen und frühen Kurswechsel zu brüskieren, und andererseits mit der US-Regierung kooperieren zu wollen. Längst hatte sie erkannt, dass ein Politikwechsel her müsse, um die Probleme mit den außer Kontrolle geratenen Kartellen in den Griff zu bekommen. Trump kokettierte zudem immer wieder mit einem bewaffneten Eingreifen von US-Truppen auf mexikanischem Gebiet. Dazu fehlt jedoch die rechtliche Grundlage. „Das wird nicht passieren“, versicherte Sheinbaum gebetsmühlenartig. Und sie legte sogar noch nach. „Eine Rückkehr zum Krieg gegen die Drogen ist keine Option“, sagte sie erst vor wenigen Wochen. Dieser Krieg befände sich außerhalb des Gesetzes, denn in ihm würde ohne Gerichtsverfahren getötet. Es sei letztendlich eine Politik, die zum Faschismus führe. Tatsächlich aber gab der mexikanische Senat zuletzt immer wieder grünes Licht für Begehren der US-Regierung und gestand den US-Sicherheitskräften und Drogenfahndern Kompetenzen und Befugnisse zu, die noch unter Lopez Obrador undenkbar schienen.
US-Kräfte kooperieren so eng mit den Mexikanern wie bislang wohl noch nie
Dass sich das Weiße Haus offensiv zu einer Unterstützung bei der Militäroperation in Jalisco bekannte, ist deshalb aus zweierlei Gründen für die Zukunft entscheidend: Nun wissen die Kartelle, dass die US-Kräfte so eng mit den Mexikanern kooperieren wie bislang wohl noch nie. Hinzu kommt: Die USA liefern auch nachrichtendienstliche Erkenntnisse. Zweitens wissen die Kartelle jetzt, dass die mexikanische Regierung zu Militäraktionen gegen ihre führenden Köpfe bereit und in der Lage ist. Allerdings sind die Kartelle ihrerseits militärisch hochgerüstet.
Ein Vorwurf, den die Mexikaner gegen die USA erheben, ist hierbei: Washington tue zu wenig gegen den illegalen Waffenschmuggel aus den Vereinigten Staaten in Richtung Süden. Für die amerikanische Waffenindustrie jedenfalls stellt die gegenwärtige Lage ein großes Geschäft dar. Die Kartelle verfügen wiederum dank des Schmuggels teilweise über bessere Waffen als die mexikanischen Sicherheitskräfte, weil sie die hohen Gewinne aus dem Drogenhandel in die eigene Bewaffnung investieren.
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