Das Gespräch gilt in Großbritannien als „Mutter aller Skandalinterviews“ – und es jährt sich nun zum 30. Mal. Das Interview, das Prinzessin Diana am 20. November 1995 dem öffentlich-rechtlichen Sender BBC gab, erfährt so viel Aufmerksamkeit wie lange nicht.
Das liegt unter anderem daran, dass die Rundfunkanstalt derzeit in der Kritik steht, weil sie im Januar 2021 ausgestrahlt hatte. Die Manipulation, die den Eindruck erweckte, der US-Präsident habe direkt zu Gewalt aufgerufen, löste Rücktritte in der Führungsriege aus. Der US-Präsident plant eine Milliardenklage gegen den Sender.
Kontoauszüge täuschten Diana Spionage vor
Auch beim Gespräch mit „Lady Di“, gab der Sender ein gelinde gesagt bedenkliches Bild ab. BBC-Reporter Martin Bashir hatte ihr zuvor gefälschte Kontoauszüge als vermeintlichen Beleg dafür vorgelegt, dass enge Vertraute sie ausspionierten.
Das verstärkte Dianas vorhandene Ängste und ließ sie glauben, Bashir sei jemand, der die Hintergründe ihrer Situation verstanden habe, ein Verbündeter. Erst im Jahr 2021 zeigte eine Untersuchung, wie weit Bashir gegangen war, um Dianas Vertrauen zu erlangen, und wie deutlich die BBC-Führung versagt hatte. Warnungen blieben ungehört, Zweifel wurden abgetan. Am Ende zählte wohl vor allem, dass die Sensation im Programm erschien.
Interview bestätigte Affäre von Charles und Camilla
Denn eine Sensation war das Interview in jedem Fall. Auf einem Sessel im Kensington-Palast sitzend, sprach die Prinzessin mit Bashir über Bulimie, Untreue und die erstickende Atmosphäre im Palast. Themen, die das Königshaus zuvor gemieden hatte. Vor allem ein Satz der damals 34-Jährigen ging in die Geschichte ein. Dieser Satz bestätigte die Affäre ihres Mannes, Prinz Charles, mit Camilla Parker Bowles, der heutigen Königin: „Nun, wir waren zu dritt in dieser Ehe, also war es ein bisschen überfüllt.“ Rund 200 Millionen Menschen sahen zu, als Diana sich offenbarte.
Für die Prinzessin von Wales hatte das Interview drastische Konsequenzen. Es beschleunigte die Eskalation im Palast und machte die Scheidung zwischen ihr und Charles unausweichlich. Manche, darunter der Journalist und Autor Andrew Webb, der kürzlich ein Buch über das BBC-Gespräch veröffentlicht hat, behaupten sogar, es habe eine Kette von Ereignissen ausgelöst, die schließlich zu Dianas Tod geführt hätten. Eine direkte Linie vom Interview zu ihrem Unfall in einem Autobahntunnel in Paris im Sommer 1997 zu ziehen, erscheint jedoch stark verkürzt. Der Fahrer fuhr zu schnell und war betrunken, die Prinzessin nicht angeschnallt und Paparazzi hinter ihnen her.
Die nächste Generation der Royals, ihre Söhne Prinz William und Prinz Harry, zieht aus all dem sehr unterschiedliche Lehren. Harry, der dem Palast im Frühjahr 2020 endgültig den Rücken gekehrt hat, setzt auf Formate, in denen er seine Sicht der Dinge ungefiltert und unvermittelt erzählen kann. Dazu zählen US-Medien, Streaming-Dokus und seine 2023 veröffentlichten Memoiren „Spare“ (deutscher Titel: „Reserve“). Thronfolger William gibt nur noch selten Interviews, bei denen von vornherein festzustehen scheint, welche Fragen gestellt werden – und vor allem welche eben nicht.
Wird es also jemals wieder ein royales Interview geben, das die Monarchie so erschüttert wie Dianas Auftritte oder jüngst die des ehemaligen Prinzen Andrew? Das Königshaus ist in jedem Fall vorsichtiger geworden. Denn manchmal, das zeigt die Geschichte, besteht die größte königliche Disziplin offenbar tatsächlich nicht im Reden, sondern im Schweigen.
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