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Der Sarg von Königin Elizabeth II. wurde am Mittwoch in einer Trauer-Prozession vom Buckingham Palace zur Westminster Hall gebracht.

Millionen strömen nach London, um sich von der Queen zu verabschieden

Foto: Owen Cooban, dpa

Der Trauerzug der Queen zieht durch London. Die Regierungsarbeit steht still, vereinzelt werden Monarchie-Gegner verhaftet. Über die Trauer, ihre Grenzen und den pragmatischen Optimismus der Briten.

Kurz bevor Königin Elizabeth II. am Mittwoch – sozusagen – das letzte Mal den Buckingham-Palast verlässt, ist es still, der Himmel blau. Man kann Vögel zwitschern hören, so ruhig ist es. Beobachter deuten dies als Ausdruck für den großen Respekt der Menschen für die Queen. Eine Persönlichkeit, die selbst eher zurückhaltend und naturverbunden war. Hunderttausende Trauernde und Gäste aus aller Welt säumen den Vorplatz des Palastes sowie die Prachtstraße The Mall. Dann, gegen 14.30 Uhr, verlässt der Wagen mit dem Sarg der Queen, gezogen von Pferden, das Königshaus.

König Charles III. (von links) und seine Söhne – William, Prinz von Wales, und Harry, Herzog von Sussex – folgen dem Sarg von Königin Elizabeth II., während er auf einer pferdegezogenen Lafette vom Buckingham Palace zur Westminster Hall gebracht wird.
Foto: Daniel Leal, PA Wire/dpa

Angeführt wird der Zug durch König Charles III. und seine Söhne Prinz William und Prinz Harry. Um Punkt 15 Uhr erreichen sie schließlich Westminster Hall, den ältesten Teil des Parlaments. Dort wird die Monarchin bis Montag aufgebahrt, damit sich die Menschen von ihr verabschieden können. In den kommenden Tagen bis zur Trauerfeier am Montag in Westminster Abbey werden laut Schätzungen rund zwei Millionen Menschen in London erwartet.

Prinz William (von links), König Charles III., Prinzessin Anne und Harry folgen dem Sarg von Königin Elizabeth II.
Foto: James Manning, PA Wire/dpa

Das Aufgebot an Sicherheitskräften ist gigantisch, die Anschlagsgefahr hoch. Schon in der Nacht zum Mittwoch harren viele in der Nähe des britischen Parlaments aus, um einen Platz in der Schlange Richtung Westminster Hall zu erlangen, wo sie den Sarg der Queen passieren können. Hilfsorganisationen versorgen sie mit heißen Getränken und Snacks. Die Wartezeit könne bis zu 20 Stunden betragen, warnte das Königshaus im Vorfeld.

„Ich liebe die Queen.“

Lisa Simms

Eine der Wartenden ist Lisa Simms. Die 54-Jährige, ausgestattet mit Vorräten und einem Klappstuhl, kommt aus dem etwa 45 Fahrminuten entfernten Ort Reading nach London, um Abschied von Königin Elizabeth II. zu nehmen.

„Ich liebe die Queen“, sagt sie, immer noch sichtlich gerührt und eingehüllt in einen Union Jack. „Sie war weise, gnädig und stand zu ihren Prinzipien.“ Die Nachricht vom Tod der Monarchin sei für sie ein Schock gewesen.

Lisa Simms war geschockt, als sie vom Tod der Queen erfahren hat.
Foto: Susanne Ebner

Umfrage: Fast jeder zweite Erwachsene weinte über den Tod der Queen

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov hat fast jeder zweite Erwachsene wegen des Todes der Queen geweint. Als die Nachricht die Runde macht, brechen Menschen in Bussen, in Zügen, wo sie gerade sind, in Tränen aus. Es ist ein kollektiver Schock, den sich die sonst nicht zu Gefühlsausbrüchen neigenden Briten in den Tagen danach zu erklären versuchen.

Der bekannte Radiomoderator Andrew Marr etwa erzählt in einer Fernsehsendung, dass er bei der Nachricht von seinen Gefühlen überwältigt wurde, weil sie ihn an den Tod seines Vaters erinnert habe. Es war ein Moment der Trauer, des Verlustes auf vielen Ebenen. Jetzt, einige Tage später, ist die Stimmung eher andächtig. Seit dem Tod der Queen vor einer Woche bis zum Tag ihrer Beerdigung befindet sich Großbritannien offiziell in Staatstrauer.

Damit steht das berühmte Riesenrad an der Themse – „The London Eye“ – still, Theater und Museen bleiben geschlossen, Konzerte fallen aus, die Regierungsarbeit ruht. „Die Beamten wurden dazu aufgefordert, zu Hause zu bleiben“, bestätigt Jill Rutter von der Denkfabrik UK in a Changing Europe gegenüber unserer Redaktion. Fast alle halten sich daran. Und so sind am Dienstag, üblicherweise einer der wichtigsten Tage in der parlamentarischen Woche, nur wenige Regierungsbeamte in Westminster zu sehen.

Die Nachricht zum Gesundheitszustand von Königin Elizabeth II. erreichte die neu ernannte Premierministerin Liz Truss in der vergangenen Woche am Donnerstag zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. In jenem Moment nämlich, als sie dem Land nach einem zähen Wahlkampf endlich neue Hoffnung geben wollte. Doch noch während sie im Parlament das neue Hilfspaket ankündigte, warfen sich die Abgeordneten plötzlich nervöse Blicke zu. Denn zum selben Zeitpunkt verbreitete sich in den sozialen Medien eine offizielle Mitteilung des Palastes, dass die Ärzte sich um Königin Elizabeth II. sorgen würden. Um 18.30 Uhr gab es traurige Gewissheit. Kurz darauf wurde die nationale Trauerphase ausgerufen. Truss hatte zwar angekündigt, dass jährliche Energierechnungen für alle Haushalte ab Oktober über einen Zeitraum von zwei Jahren bei einer Summe von umgerechnet rund 2800 Euro eingefroren werden und Unternehmen sechs Monate lang eine „gleichwertige Unterstützung“ erhalten sollen. Sie ging in ihrer Erklärung jedoch nicht darauf ein, wie das geschätzt umgerechnet 150 Milliarden Euro teure Paket finanziert wird.

Staatstrauer verdrängt die Politik: Briten müssen auf Energiepaket warten

Bedingt durch die Staatstrauer verschiebt sich die Ankündigung des Notfallbudgets nun immer weiter und damit auch die konkrete Hilfe. Wie die britische Tageszeitung Financial Times berichtet, warnen britische Regierungsmitarbeiter Unternehmen, dass sie wohl länger als die Haushalte auf Hilfe aus dem Energiepaket warten müssen. Ein Beamter sagt, es sei noch nicht erledigt, aber man arbeite mit Tempo daran. Die Hilfsleistungen auf den Weg zu bringen, sei schwieriger, weil es hier – anders als im Fall von privaten Haushalten – noch keine gesetzlichen Rahmenbedingungen gibt.

Anand Menon, Professor am King’s College in London, bezeichnet die Lage im Gespräch mit unserer Redaktion als höchst bedenklich. „Ich fürchte, dass viele Betriebe schließen müssen.“ Bei der Frage der Finanzierung hat die oppositionelle Labour-Partei eine Ausweitung der Übergewinnsteuer für Energieunternehmen vorgeschlagen. Dies lehnt Truss jedoch ab. „Aber jemand muss dafür bezahlen“, sagt Ulrich Hoppe von der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer. „Die Rechnung kommt.“

Experten fürchten außerdem, dass die Wirtschaft durch den weiteren Feiertag am Tag der Beisetzung der Queen stärker schrumpfen könne. Diese Ansicht teilt Hoppe nicht: „Das kann man im Rest des Jahres wieder ausgleichen.“ Jill Rutter von der Denkfabrik UK in a Changing Europe macht zudem auf einen Aspekt aufmerksam, über welchen in diesen Tagen kaum jemand spricht: „Eigentlich sollte aktuell die Kampagne für die Auffrischungsimpfungen gegen Covid für über 50-Jährige anlaufen. Aufgrund der Trauerphase steht jetzt jedoch alles still.“

Neben den Trauernden demonstrieren Menschen gegen die Monarchie

Doch auch diese Zeit habe etwas Gutes, meint sie. Schließlich böten die Veranstaltung eine riesige Bühne für die neue Premierministerin. „Sie wird in den kommenden Tagen Regierungschefs und -chefinnen aus aller Welt treffen, die wegen der Beerdigung nach London kommen.“

Während die Mehrheit der Menschen der Queen gedenkt, nutzen manche die Trauerphase, um gegen die Monarchie zu demonstrieren. So zeigt ein Video, welches in den letzten Tagen auf Twitter tausendfach geteilt wurde, wie ein junger Mann Prinz Andrew während einer Veranstaltung zu Ehren der Queen in Edinburgh verbal angeht. Andrew sollte dieses Jahr wegen Missbrauchsvorwürfen durch die US-Amerikanerin Virginia Roberts Giuffre vor einem Gericht in New York aussagen. Das Verfahren wurde jedoch eingestellt, nachdem der Herzog von York eine Spende an eine Hilfsorganisation bezahlt hatte, die Rede war von 14 Millionen Euro. Für den jungen Mann in Edinburgh war das Anlass, ihn als „kranken alten Mann“ zu beschimpfen.

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Dies blieb nicht ohne Folgen. Zwei Männer warfen ihn auf den Boden. Die Polizei nahm ihn fest und er wurde wegen Landfriedensbruch angeklagt. In London drängten Beamte einen jungen Mann zu gehen, weil er ein Schild in der Hand hielt. Darauf stand „Not my King“, „Nicht mein König“.

Die „Metropolitan Police“ betont am Mittwoch, auf die Vorkommnisse angesprochen, dass die Menschen ein Recht darauf hätten, zu demonstrieren. Bei Anwälten und Aktivisten schrillen dennoch die Alarmglocken – und zwar laut. Ruth Smeeth von der Organisation „Index on Censorship“ bezeichnete die Verhaftungen als „zutiefst besorgniserregend“. Es dürfe nicht dazu kommen, dass die Trauerveranstaltungen versehentlich oder absichtlich dazu genutzt werden, die Meinungsfreiheit der Bürger dieses Landes zu untergraben.

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Rufus, 26, protestiert gegen die Festnahmen rund um die Trauerfeier

Diese Meinung teilt auch der 26-jährige Rufus, der sich mit einem braunen Pappschild vor das Parlament in London gestellt hat. Darauf steht geschrieben: „Gegen die Monarchie zu demonstrieren ist kein Verbrechen.“ Er bezeichnet die Festnahmen als einen extremen Verstoß gegen die Redefreiheit. „Wenn Menschen verhaftet werden, weil sie ein Papier hochhalten, dann muss man kein Genie sein, um zu wissen, dass das falsch ist.“ Er mache sich Sorgen um die Macht der Polizei, aber auch darüber, dass während der zehntägigen Trauerphase das ganze Land stillstehe: „Ich glaube nicht, dass die Queen das gewollt hätte.“

Rufus sieht in den Festnahmen einen extremen Verstoß gegen die Redefreiheit.
Foto: Susanne Ebner

Bei all der Trauer über den Tod der Queen, die sich Britinnen und Briten in diesen Tagen nicht nehmen lassen – sie haben Optimismus und eine Fähigkeit, Veränderungen pragmatisch zu begegnen, betont Hoppe von der Deutsch-Britischen Industrie- und Handelskammer. Der Wille, aus der Krise eine Chance zu machen, in solchen Situationen die Ruhe zu bewahren, gehöre zweifelsohne zu den beeindruckenden Fähigkeiten der Menschen in Großbritannien.

Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist mittlerweile die Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, dass Charles III. ein guter König sein wird, obwohl die meisten das vor wenigen Wochen noch völlig anders sahen. „Wir sind traurig. Denn wir haben unsere Königin verloren. Aber jetzt haben wir einen König“, sagt Lindsay Hoyle, der Sprecher des britischen Parlaments gegenüber Medien. „Er ist hier, um zu bleiben, und wir werden gut repräsentiert.“