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Rollenbilder in der Familie: Reicht es, wenn der Vater für die Abenteuer zuständig ist?

Familie

Reichen heute noch zelten, wandern, klettern? Wofür Papa in der Familie zuständig ist

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    Der große und der kleine Abenteurer: Stephan Schlageter und sein Sohn Sion.
    Der große und der kleine Abenteurer: Stephan Schlageter und sein Sohn Sion. Foto: Familie Schlageter

    Stephan Schlageter (43) übernachtet mit seinem Sohn Sion (9) immer wieder draußen. Früher im Zelt im Garten, heute im alten Mercedes-Bus am Waldrand. Für den Vater aus Grenzach-Wyhlen in der Nähe von Basel sind die einfachen Dinge die Abenteuer: im Wald Holz sammeln, ein Feuer machen, solche Dinge. Letztens lief er mit seiner Frau, dem Sohn und zwei befreundeten Kindern zu einer Plattform am Rheinufer, auf der es Steinbänke und eine Feuerstelle gibt. Erst hingen die Kinder nur am Handy und wollten wieder nach Hause. Die Stimmung verbesserte sich, als sie im Wald Feuerholz sammelten. „Sie haben den ganzen Wald angeschleppt“, erzählt Stephan Schlageter. Die Familie machte ein Feuer und aß Stockbrot. „Es war spannend zu sehen, wie begeistert die Kinder auf einmal waren. Am Ende haben sie gefragt, ob es noch mehr Stockbrot gibt.“

    Ein anderes Mal, als Schlageter mit seinem Sohn im Zelt schlief, klebten morgens 30 Nacktschnecken darauf. „Das hat geglitzert, so was habe ich noch nie gesehen“, sagt er. Und kommt zu dem Schluss: „Wir brauchen keinen Europapark, keine Trampolinhalle, keine Animation. Einfach Autositze umklappen, Matratze, Zahnbürste und Schlafanzug rein – losfahren.“ Etwa zehnmal im Jahr übernachtet Schlageter mit seinem Sohn draußen. Er fährt dafür nicht weit weg, sondern sucht schöne Plätze in der Nähe seines Wohnorts. Am liebsten Orte ohne Handyempfang. „Das Handy nimmt man dann immer seltener in die Hand.“

    Der Vater war doch schon immer der Abenteurer – oder etwa nicht?

    Allen Fortschritten zum Trotz gelten Väter in der Gesellschaft oft als Ernährer der Familie. Die meisten arbeiten in Vollzeit und haben nur am Wochenende so richtig Zeit für ihre Kinder. Rund 70 Prozent der erwerbstätigen Mütter arbeiten in Teilzeit. Meist sind sie es, die die Kinder aus dem Kindergarten abholen, bei den Hausaufgaben helfen, sie ins Bett bringen und sich um die emotionale Fürsorge kümmern. Väter wiederum stehen in der Regel für das „Rough Play“, das Raufen und die Abenteuer. Das können Fahrradtouren sein, Klettern, in den Wald hineinlaufen und irgendwie wieder herausfinden. Der Vater war doch schon immer der Abenteurer – oder etwa nicht?

    Stephan Schlageter ist Inhaber eines Fahrradgeschäfts am Hochrhein. Deshalb hat er weniger Zeit für seinen Sohn als seine Frau Nicole, die in Teilzeit und teils im Homeoffice arbeitet. Die wenigen Stunden will Schlageter so effektiv wie möglich nutzen, etwa mit Übernachtungen im Freien. „Das ist auch für mich ein Ausgleich“, sagt er. Und die Ausflüge stärkten die Bindung zu seinem Sohn. Der fordere nicht viel ein, außer vielleicht Fußballspielen zu gehen. Papa ist derjenige, der sagt: Hey, lass uns das und das machen.

    Als Vater und Sohn mal auf einer kleinen Hütte in der Nähe des Titisees übernachtet haben, sind sie morgens so früh wie möglich losgefahren. Zunächst war das dem Sohn dann doch zu früh, nachher sei es „megacool“ gewesen. Sie besuchten spontan einen Strohskulpturen-Wettbewerb, aßen und tranken dort, schauten Traktoren an. „Wenn man einfach loszieht, weiß man nie, was einen erwartet und das ist schon toll“, sagt Stephan Schlageter. Wenn der Sohn ein Fußballauswärtsspiel hat oder an einem Fußballcamp teilnimmt, übernachten die zwei am Sportplatz. Andere Eltern finden das komisch. Doch Schlageter sagt: „Wer häufig draußen schläft, weiß, dass es dort klamm ist, es anders riecht, mal ein Marder übers Dach läuft.“

    Eine Psychologin sagt: „Ein Abenteuer ist eine angenehme Herausforderung, der ich mich gewachsen fühle“

    Vergangenes Jahr tourten Vater und Sohn drei Wochen lang mit dem Wohnmobil durch Frankreich. Stephan Schlageter dachte, dass sie sich die „Köpfe einschlagen“. Aber es lief gut. Nur zu zweit unterwegs zu sein, sei häufig besser, da dann nur zwei mit dem Programm einverstanden sein müssten. „Es flutscht einfach besser.“ Zu dritt übernachtet die Familie dreimal im Jahr auf einer kleinen Schwarzwald-Berghütte. „Da sind wir ganz abgeschottet, das ist Natur pur, nur wir drei, auf uns fokussiert. Das ist das größte Abenteuer, wenn es keine Außeneinwirkung gibt.“ Also kein Fernseher, selber auf Ideen kommen, sich fragen: Was machen wir jetzt? Zum Beispiel die anderen mit Bällen und Wasserkanonen abschießen. Auch das kann ein Abenteuer sein.

    Familienausflug zu dritt: Vater Stephan Schlageter, Mutter Nicole und Sohn Sion.
    Familienausflug zu dritt: Vater Stephan Schlageter, Mutter Nicole und Sohn Sion. Foto: Familie Schlageter

    Aber was ist das überhaupt? Die Psychologin Yvonne C. Beuckens (43) sagt am Telefon: „Ein Abenteuer ist eine angenehme Herausforderung, der ich mich gewachsen fühle.“ Psychologisch betrachtet sei man am liebsten in einem Flow. „Das ist, wenn Herausforderungen und Fähigkeiten gut zusammenpassen.“ Schon eine kleine Unsicherheit reiche, um ein Abenteuer zu erleben, etwa einen neuen Weg, zur Arbeit zu gehen. „Wir müssen jedoch gleichzeitig das Gefühl haben, das freiwillig zu tun. Und dass wir uns dem auch ein Stück weit gewachsen fühlen.“ Bei dem neuen Weg zur Arbeit ist das sicher kein Problem. Aber unter Zeitdruck eine große Baustelle vor der U-Bahnstation zu umlaufen, ist stressig.

    Beuckens, die im hessischen Bad Nauheim eine eigene Praxis führt, ist Trail-Läuferin und fast jeden Tag draußen unterwegs. Sie probiert stets neue Wege aus, „zumindest an den Wochenenden, wenn ich genug Zeit habe“. Sie sei ein sehr neugieriger Mensch, weshalb sie eine große Affinität zu allem habe, was neu ist. „Deshalb würde ich alles, was neu ist, als kleines Abenteuer bezeichnen.“

    Männerberater Björn Süfke glaubt nicht, dass Väter eine natürliche Begabung haben, den Abenteurer zu geben

    Wenn wir Neues, also durchaus auch ein Abenteuer erleben, wird unser Belohnungssystem aktiviert, das Dopaminsystem. Das Gehirn belohnt uns quasi dafür, dass wir uns neuen Herausforderungen stellen. „Das ist ganz interessant, weil da zwei psychologische Richtungen gleichzeitig wirken“, sagt Beuckens. „Zum einen gibt es bei uns eine Tendenz, nichts Neues auszuprobieren. Denn wir lieben Sicherheit, und alles, was vertraut ist, wird als sicher empfunden. Die andere Seite ist, dass wir uns entwickeln wollen und müssen.“ Wenn wir gewohntes Gebiet verlassen, dann helfe uns, dass das Belohnungssystem anspringe. Damit auch das Über-Sich-Hinauswachsen interessant bleibe. „Wir wollen und brauchen beides, Abenteuer und Ruhe.“

    Erleben Männer nun lieber Abenteuer als Frauen, Väter lieber als Mütter? Björn Süfke (53) glaubt nicht, dass Väter eine natürliche Begabung haben, den Abenteurer zu geben. Er ist Buchautor, Psychologe sowie Männerberater und unternimmt selbst keine Abenteuer mit seinen drei Kindern. Außer, wenn er mit ihnen zu Arminia Bielefeld ins Fußballstadion geht. „Das ist immer ein Abenteuer“, sagt er am Telefon. „Meine Frau ist deutlich abenteuerlustiger als ich. Ich bin eher der ängstliche Typ, habe Gitter an der Treppe angebracht und so.“

    Was Süfke damit sagen will: Mütter können genauso wie Väter Abenteuer erleben. Ebenso wenig obliege es nur Frauen, fürsorglich, einfühlsam und weniger streng zu sein. Es gebe – vom Stillen abgesehen – keine biologischen Vorteile bei der Beziehungsfähigkeit und damit keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern, was die Betreuungskompetenz angehe. Damit will Björn Süfke diesen Artikel nicht kaputtmachen, beteuert er. Es sei schon so, dass die Merkmale „Rough-Play“ und „Abenteuer“ Vätern zugeschrieben würden. Nur eben von der Gesellschaft.

    Der Experte will Väter ermutigen, das gesellschaftliche Schema zu durchbrechen

    Björn Süfke ist Verfechter des 50-50-Modells – dass sich beide Elternteile gleichmäßig kümmern sollten. Während der Pandemie hat er sogar 70 Prozent übernommen, weil der Job seiner Frau als Psychotherapeutin wichtiger war. Daheim kümmert sich Süfke um das emotionale Wohlbefinden seiner Kinder (14, 16 und 18), redet mit ihnen über ihre Gefühle. Der Experte will Väter ermutigen, das gesellschaftliche Schema zu durchbrechen – „auch wenn dafür viel Kontakt- und Beziehungsarbeit notwendig ist“. Und was ist für Björn Süfke ein aktiver Vater? „Einer, der alles macht, was die Frau auch macht.“

    Wird Süfke gefragt, ob er einen Vortrag mit dem Titel „Die psychologische Bedeutung des Vaters für die Kinder“ hält, erfüllt er diesen Auftrag nicht. „Das finde ich väterdiskriminierend. Warum muss ein Psychologe her und erklären, dass Väter wichtig für die Kinder sind? Sie sind 50 Prozent der Gesamtelternschaft, keine Minderheit.“ Süfke greift das Vorurteil zu Beginn des Vortrags auf, um dies deutlich zu machen. Wenn man eine Selbstverständlichkeit noch begründen müsse, akzeptiere man eine Position „im Abseits“. Und doch zeigt Süfke Verständnis, dass Väter sich Nischen, etwa als Abenteurer, suchten. Das sei wie im Job: „Wenn man neu ist, arbeitet man gerne in Feldern, die man gut beherrscht. Aber besondere Stärken des Vaters hervorzuheben, sehe ich kritisch.“

    Im vergangenen Sommer nahmen Stephan Schlageter und sein Sohn an einem Vater-Kind-Wochenende am Schluchsee teil. Die Teilnehmer schliefen in Holzhütten, liefen durch den Wald, setzten sich an verschiedenen Stellen hin und achteten auf die Umgebung. Schlageters Sohn rief, dass da ein Reh sei, „aber da war nichts“, erzählt der Vater. Sie schnitzten Löffel, Messer und Gabeln, machten Feuer und Pizzataschen. Die Veranstalter, zwei junge Väter, berichten, dass manche Frauen ihre Männer und Kinder angemeldet hätten. Vermutlich, damit die mal ihre Ruhe haben. Und der Vater den Abenteurer geben kann.

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