Von dem jahrzehntelang gepflegten Motto „Niemals beschweren, niemals erklären“, mit dem die im September 2022 verstorbene Königin Elizabeth II. Krisen zu überstehen pflegte, war in der vergangenen Woche nicht mehr viel zu spüren. Der britische Palast griff durch und gab bekannt, dass Prinz Andrew künftig nicht mehr Prinz Andrew sein wird und er aus der Royal Lodge, dem großzügigen Anwesen in Windsor, ausziehen muss.
König Charles III. und seine Frau, Königin Camilla, verzichteten auf die gewohnte königliche Zurückhaltung und stellten sich der öffentlichen Erwartung nach Konsequenz. Doch so sehr die Entscheidung Ausdruck von Entschlossenheit ist, so sehr folgt sie auch einem Instinkt des Überlebens. Der Palast weiß, dass es um mehr geht als um den Ruf eines einzelnen Familienmitglieds. Es geht um das Vertrauen in die Institution, in die royale „Firma“ selbst.
Der Druck war in den vergangenen Wochen stetig gewachsen, nachdem die amerikanisch-australische Virginia Giuffre in ihren posthum veröffentlichten Memoiren ihre Vorwürfe wiederholt hatte, – in London, in New York und auf einer Privatinsel des inzwischen verstorbenen, wegen Sexualdelikten verurteilten US-Finanziers Jeffrey Epstein.
Hinzu kamen Details aus Andrew Lownies Buch „Entitled: The Rise and Fall of the House of York“ („Priviligiert: Der Aufstieg und der Fall des Hauses York“), das detailliert beschreibt, wie sich der einstige Herzog über Jahre hinweg auf die finanzielle Unterstützung fragwürdiger, wohlhabender Gönner stützte. Es zeichnet das Bild eines Mannes, der seinen Status als selbstverständlich verstand und keine Einsicht in eigenes Fehlverhalten zeigte. Der König musste reagieren.
Zur Ruhe gekommen ist die Debatte um Andrew jedoch nicht. Die Frage, warum der Palast nicht früher gehandelt hat, steht nach wie vor im Raum – ebenso wie die Erkenntnis, dass die Aufarbeitung im Fall des gestürzten Prinzen noch längst nicht abgeschlossen ist. In Talkshows und Leitartikeln wird weiterhin ungewöhnlich offen sogar über eine Abschaffung der Monarchie diskutiert.
Nur noch die Hälfte der Briten hält zum Königshaus
Fakt ist: Die Unterstützung für das Königshaus sinkt. Laut der British Social Attitudes Survey, einer landesweiten Meinungsumfrage, halten es nur noch 51 Prozent der Briten für wichtig, 1983 waren es 86 Prozent. „Vor allem die nachrückende Generation ist weniger tolerant gegenüber einem System, das auf Privilegien beruht“, sagt Pauline Maclaran, Königshaus-Expertin an der Royal Holloway University of London. Kaum jemand verkörpert das aufkeimende Misstrauen so deutlich wie Andrew.
Auch wenn dieser nun nach Sandringham zieht, es ist immer noch kein vollständiger Bruch mit seinem alten Leben. Das Anwesen in Norfolk, einer Grafschaft im Osten Englands, gehört zum Privatbesitz des Königs und umfasst rund 8.000 Hektar, das entspricht mehr als 11.000 Fußballfeldern. Dort soll Andrew in eines der kleineren Häuser ziehen, weiterhin mit Personal, Sicherheit und einem komfortablen Unterhalt aus den privaten Mitteln seines Bruders. In der Region stößt der Umzug überdies auf wenig Begeisterung. Viele Anwohner möchten den in Ungnade gefallenen Royal nicht in ihrer Nachbarschaft haben.
Auch die USA schalten sich im Fall Andrew ein
Der Skandal um Andrews Verbindungen zu US-Milliardär Epstein und die Missbrauchsvorwürfe ist außerdem keineswegs erledigt. In den USA mehren sich Forderungen, der 65-Jährige solle vor einem Kongressausschuss aussagen. In Großbritannien wiederum wird darüber diskutiert, dass Andrew weiterhin an achter Stelle der Thronfolge steht. Um dies zu ändern, wäre ein Gesetzesbeschluss des Parlaments erforderlich.
Der Palast möchte eine politische Debatte offensichtlich unbedingt vermeiden. Er fürchtet einen Dominoeffekt, . Der Royal-Autor Nigel Cawthorne warnt: „Sobald Westminster diese Tabuzone betritt, ist der weitere Verlauf kaum absehbar.“ Denn fast zwangsläufig würde dabei auch ein weiterer wunder Punkt zur Sprache kommen: die Finanzen der Royals. Der Palast erhält jährlich rund 100 Millionen Euro aus dem sogenannten Sovereign Grant, der sich aus den Gewinnen des Crown Estate, eines halbstaatlichen Immobilien- und Vermögensfonds, speist. Hinzu kommen private Einkünfte aus Ländereien. Zwar zahlt der König seit 1993 freiwillig Einkommensteuer, doch Kritiker fordern verbindliche Regeln und mehr Transparenz.
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