Das spanische Vigo gilt nicht als Ort, den man spontan auf die Liste touristischer Traumziele setzt. Regen, Industriehafen, Atlantikwind – viel mehr fällt Mitteleuropäern oft nicht dazu ein. Doch einmal im Jahr verwandelt sich dieses graue Fischereizentrum mit seinen knapp 300.000 Einwohnern in ein weihnachtliches Lichtermeer, das seinesgleichen sucht. Der Bürgermeister begleitet das gigantische LED-Spektakel mit großen Sprüchen und erklärte Vigo kurzerhand zur „Weihnachtshauptstadt” der ganzen Welt – sehr zum Ärger mancher Anwohner, die inzwischen von „Weihnachtsmonster” sprechen.
Kostspielige Lichtinstallationen gehören in Spanien zur Vorweihnachtszeit
Gleichzeitig zeigt sich an Vigo ein grundsätzlicher Unterschied: Während im deutschsprachigen Raum die Adventszeit von Kerzen, Weihnachtsmärkten und Glühwein geprägt ist, tickt Spanien anders. Adventskranz und Adventskalender sind hier eher Randerscheinungen. Christkindlmärkte gibt es nur vereinzelt – dafür setzen viele Städte auf ausgedehnte, teils erstaunlich kostspielige Lichtinstallationen, die zum Markenzeichen der spanischen Vorweihnachtszeit geworden sind.
Die Adventszeit beginnt in Spanien vor allem mit zwei festen Ritualen: dem Einschalten der Weihnachtsbeleuchtung in Vigo und dem Start der Kampagnen für die weltberühmte und millionenschwere Weihnachtslotterie, bei der – wegen der dicken Hauptgewinne – auch immer mehr Ausländer mitspielen.
„Weihnachten in Vigo erleuchtet die Welt“, sagte der 79 Jahre alte Bürgermeister Abel Caballero, als er dieser Tage auf den großen roten Knopf drückte. Damit gingen auf 460 Straßen und Plätzen knapp zwölf Millionen LED-Lichter an: Tausende Leuchtfiguren, Lichtbögen, Ornamente und Lichterbäume lassen die Stadt so erstrahlen, dass dies der Provinzstadt einen Hauch von Las Vegas verleiht.
Der Bürgermeister vergleicht Vigo gerne mit New York
Bürgermeister Caballero vergleicht Vigo gerne mit New York – und behauptet sogar, dass im Wettbewerb mit der US-Metropole in Vigo „das bessere Weihnachtsfest” gefeiert wird. „Weihnachten in Vigo ist einzigartig in der Welt”, heißt es auf Plakaten, mit denen im In- und Ausland geworben wird.
Zentrum des Spektakels ist ein 45 Meter hoher Weihnachtsbaum auf dem zentralen Stadtplatz, der Porta do Sol, bestückt mit 100.000 LEDs und überragt von einem riesigen Stern. Zum Vergleich: New Yorks berühmter Weihnachtsbaum am Rockefeller Center in Manhattan kommt nur auf 23 Meter und 50.000 LEDs. Dazu gibt es in Vigo einen begehbaren Lichterwald, eine zehn Meter hohe LED-Kugel zum Durchlaufen, ein 17 Meter hohes und 15 Meter breites Geschenkpaket, das mit 79.000 Glühbirnchen in Rot, Grün, Blau und Weiß glitzert, sowie einen zwölf Meter hohen Schneemann aus Lichtern. Zudem locken Karussells, ein Riesenrad und andere Fahrgeschäfte.
Nicht Kleckern, sondern Klotzen, heißt das Weihnachtsmotto in Vigo. Besinnlich ist das nicht unbedingt. Und auch die Nachhaltigkeit scheint im Festrausch eher eine untergeordnete Rolle zu spielen. Anwohner beschweren sich seit Jahren über Lärm, taghelle Nächte und Gedränge auf ihren Straßen und zogen sogar gegen den „Weihnachtsterror” vor Gericht. „Wir fordern Respekt für die Menschen, die hier wohnen”, erklärte der örtliche Bürgerverein.
Mit den Millionen Touristen kommt auch viel Geld in die Stadt
Rathauschef Caballero hat derweil keine Zweifel, dass die monumentale Weihnachtsshow seiner Stadt zugute kommt. Er verweist darauf, dass im Vorjahr insgesamt 6,3 Millionen Besucher während der Adventstage nach Vigo kamen – dieses Jahr rechnet er mit noch mehr Andrang. Mit den Millionen Touristen käme auch Geld in die Stadt, sagt er – der geschätzte wirtschaftliche Effekt liegt laut Rathaus bei rund 800 Millionen Euro. Wohl auch wegen dieser Aussichten ist der Weihnachtswahnsinn Vigos ziemlich ansteckend. Immer mehr spanische Städte versuchen, es Vigo gleichzutun. Spanische Medien sprechen schon von einem „weihnachtlichen Wettrüsten” und einem „Krieg der Weihnachtslichter”. In Sachen Lichterketten hat dieses Jahr die Hauptstadt Madrid mit 13 Millionen LEDs die Nase leicht vorn. Doch beim symbolträchtigen Christbaum bleibt die Hauptstadt zurück und kommt nur auf eine Höhe von 37 Metern, der Baum ist aber immerhin mit 245.000 Lichtern und 3360 roten Kugeln geschmückt. Dafür gewinnt Madrid, in dessen Einzugsgebiet sieben Millionen Menschen leben, in Sachen Menschenmenge. Nirgendwo in Spanien ist an den Vorweihnachtstagen der Auflauf größer als in den Fußgängerzonen der Hauptstadt. Oft so sehr, dass die Polizei in manchen autofreien Einkaufsstraßen wegen Überfüllung sogar Einbahnregelungen für Fußgänger einführen muss, damit der Menschenstrom kontrollierbar bleibt und keine Panik ausbricht.
Die größte Weihnachtskrippe hat die Costa-Blanca-Stadt Alicante
Den Wettbewerb um die größte Weihnachtskrippe gewinnt übrigens jedes Jahr die Costa-Blanca-Stadt Alicante (360.000 Einwohner). Dort auf dem Rathausplatz steht eine 17 Meter hohe Joseffigur, die Jungfrau Maria kommt auf zehn Meter und das Jesuskind ist mit 3,25 Meter ebenfalls erstaunlich groß geraten. Mit ihrer „Giganten-Krippe” verewigte sich Alicante im Guinnessbuch der Weltrekorde.
Auch Dörfer mischen bei diesem nationalen Weihnachtswettkampf mit: Das 6000-Einwohner-Nest Cartes in der Region Kantabrien etwa hält dieses Jahr Spaniens Christbaumrekord: 65 Meter ragt der Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz in die Höhe. Allerdings ist dieser Riesenbaum, wie auch die etwas kleineren Konkurrenten in Vigo oder Madrid, eine künstliche Konstruktion aus Stahl und Lichterketten.
Mit dem berühmten gigantischen Weihnachtsbaum im deutschen Dortmund, der aus hunderten echten Fichten zusammengesetzt wird, lassen sich Spaniens Stahlgerippe also nur bedingt vergleichen – auch der Dortmunder Baum kommt auf stattliche 45 Meter, aber mit deutlich mehr Tannenduft.
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