Eine Frau liegt tot in ihrer Wohnung, der Leichnam ist bereits stark verwest. Wenn solche Meldungen in den Nachrichten auftauchen, ist das Erschrecken groß und irgendwann fällt ein Satz, in dem ganz sicher die Worte „Anonymität“ und „Großstadt“ vorkommen. Meist handelt es sich um ältere, alleinstehende Menschen. Doch im neuen Stuttgarter „Tatort“ (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr) ist es eine sehr junge Frau, die offenbar niemand vermisst hat – fast ein halbes Jahr lang. Kann das sein? Das ungleiche Ermittlerduo Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) stellt sich diese Frage auch, zumal der Leichnam gefesselt war. Fesselnd ist die Folge „Überlebe wenigstens bis morgen“ als Krimi nicht unbedingt, Drehbuchautorin Katrin Bühlig hat sie vielmehr als trauriges Einsamkeitsdrama angelegt.
Das Opfer Nelly Schlüter (Bayan Layla) wirkt in Rückblenden wie ein kontaktfreudiger junger Mensch, doch irgendwie kann sie nie so richtig bei den anderen andocken, war wohl schon als Kind Außenseiterin. Selbst ihre Eltern dachten sich wohl nicht viel dabei, als sie von ihrer Tochter monatelang nichts hörten. Sie können in der Vernehmung nicht mal angeben, wann sie überhaupt zum letzten Mal mit ihr gesprochen haben. Die Männer, mit denen Nelly sich eingelassen hat, pendeln charakterlich zwischen Vollpfosten und absolutem Unsympath hin und her. Überhaupt finden sich in dieser Folge fast nur Charaktere, mit denen man nichts zu tun haben will – auch in der Mordkommission. Dort taucht eine allseits unbeliebte Kollegin auf, die im Schwäbischen als „Schwertgosch“ zu gelten hat und Sätze raushaut wie: „Beleidigungen sind wichtig, weil wir sonst in kaltem Respekt aneinander vorbeileben.“
Die Freundin hat die Tote nicht wirklich vermisst
Doch eine Freundin hatte Nelly trotzdem: Fine Slowinski (Trixi Strobel). Allerdings hatte die sie auch nicht wirklich vermisst, zumal sie ihren Mann Felix verdächtigt, etwas mit der anderen gehabt zu haben. Hat das etwas mit dem Tod der als anhänglich geltenden Nelly zu tun? Das Thema der Einsamkeit, vor allem bei jungen Menschen, strapaziert Autorin Bühlig ein wenig sehr, wobei sich nicht wirklich glaubhaft erschließt, warum eigentlich Nelly von fast allen abgelehnt wurde.
Und dennoch nützt ihr Tod sogar einer Person, die damit offenbar perverse Bedürfnisse befriedigt. Das wirkt noch gruseliger als der Vortrag des Pathologen Dr. Daniel Vogt (Jürgen Hartmann), der Lannert mit ausgeprägter Liebe zum Detail erläutert, welches Insekt zu welchem Zeitpunkt einen sich zersetzenden Körper befällt. Die entsprechenden Maden kriechen munter in Plastikschalen herum. Da wird der Bildungsauftrag der ARD doch recht großzügig interpretiert.
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