So lange hat sie gekämpft. Und jetzt soll alles umsonst gewesen sein? Ksenia muss sich zusammenreißen, um ihre Verzweiflung nicht allzu deutlich zu zeigen. Nicht dem Psychologen und nicht der Sozialarbeiterin in dem Sozialzentrum nahe des russischen Rostows. Vor allem nicht ihrem Bruder. Serhii sitzt da, mitten in einem Übungsraum der Einrichtung. Gerade noch sagte der Zehnjährige einen für Ksenia niederschmetternden Satz: „Ich will nicht mehr zurück in die Ukraine.“ Über ein Jahr hat die 18-Jährige auf diesen Tag hingearbeitet. Schlimmer könnte es nicht kommen. „Warum denn nicht, Serhii?“, fragt sie. Der Bruder antwortet, was ihm im Sommercamp, in der Schule und von den Pflegeeltern eingetrichtert wurde: In der Ukraine seien alle Nazis, alle seien böse Menschen. Russland sei das beste Land. Und so weiter.
Die Sozialarbeiterin hört mit. Danach gibt sie Ksenia drei Stunden alleine mit dem Bruder. „Die Entscheidung, die er dann trifft, wird bindend sein“, erklärt sie. Das heißt: In drei Stunden entscheidet sich, ob Ksenia mit ihrem Bruder in die Ukraine, in unbesetztes Gebiet, zurückkehren kann. Ksenia fühlt sich wie in einem Albtraum.
„In Kyjiw hat er gesehen, wie er belogen wurde“
„Ich hatte verstanden, dass ich in drei Stunden nicht eine Gehirnwäsche wegwischen kann, die über so viele Monate andauerte“, erzählt sie jetzt, weit weg von Rostow. Sie erzählt von ihren Erlebnissen in einem Café im Herzen von Kyjiw, der Hauptstadt der Ukraine. Damals in dem Sozialzentrum, sagt sie, habe sie ihren Bruder nur überzeugen können, mit ihr zu einem kleinen Urlaub zurück in die Heimat zu gehen. Der Urlaub verfehlte seine Wirkung nicht. „In Kyjiw hat er gesehen, wie er belogen wurde. Jetzt hat er hier in der Stadt eine gute Pflegefamilie gefunden“, erzählt die heute 21-Jährige. Und dass sie mit ihrem Freund zusammen wohne, sie studiere TV-Journalismus.
Die Geschichte der Geschwister hat einen guten Ausgang gefunden. Für Tausende andere Kinder und Jugendliche, die nach Russland entführt oder als Waisen dorthin verschleppt wurden, läuft es anders. Ukrainische Behörden sprechen von 19.000 Kindern und Jugendlichen. Es gibt Belege dafür, dass Eltern von russischen Besatzungstruppen getötet oder verhaftet wurden. Russland hat ein Register von Familien eingerichtet, die ukrainische Kinder adoptieren können. Der ukrainische Ombudsmann für Kinderrechte, Dmytro Lubinets, befürchtet, dass nicht 19.000, sondern Hunderttausende Kinder und Jugendliche Ähnliches und Schlimmeres erlebt haben wie Ksenia und Serhii. Laut der Menschenrechtsorganisation Amnesty International deportiert Russland seit der Annexion der Krim 2014 systematisch ukrainische Kinder und Jugendliche.
Die Geschichte von Ksenia und Serhii: Sie stammen aus der ukrainischen Stadt Charkiw. Ihre alleinerziehende Mutter hat zunehmend Probleme, sich um sie zu kümmern. 2021 entscheidet das Sozialamt, die beiden in eine Pflegefamilie in der grenznahen Stadt Wowtschansk zu geben. Die Kleinstadt liegt in der Region Charkiw. Das geschieht Ende 2021. Am 24. Februar 2022 beginnt die großangelegte Invasion Russlands. Der neue Wohnort von Ksenia und Serhii gerät sofort unter russische Besatzung.
„Als die russischen Truppen einmarschierten, war das ein riesiger Schock“, erinnert sich Ksenia. Sie steht zu dieser Zeit unmittelbar vor der Volljährigkeit. Schnell wird ihr damals klar, dass die „russische Welt“ nicht die ihre ist. „In der Schule gab es absurde Propaganda. Bösartige Lügen. Wer sich gegen das System stellte, war ein Feind.“ Es kommt der Sommer, und Serhii wird in ein Sommercamp gesteckt. „Das war nicht nur ein Ferienspaß, sondern ein regelrechtes Umerziehungslager“, berichtet Ksenia.
Feriencamps sind Teil des „Systems Putin“. Teenager sind in ihnen militärischem Drill ausgesetzt, selbst Kinder werden indoktriniert. Die Sichtweise des Regimes wird bereits den Jüngsten im russischen Staat eingebläut: „In der Ukraine herrschen mörderische Nazis, die Ukraine sei ein künstlicher Staat ohne eigene Geschichte, der Westen ist verfault und böse. Als Soldat für das große Russland zu kämpfen, sei eine Ehrensache.“ Sagt Ksenia. Sie weiß es von Serhii, der all das über sich ergehen lassen musste. Und nicht nur von ihm.
„Als Volljährige sollen sie dann gegen ihre eigenen Menschen kämpfen“
Der militärische Drill geht bei den Kindern und Jugendlichen in der Schule weiter und besonders in paramilitärischen Organisationen wie der „Junarmija“, der „Jugendarmee“. 2016 durch einen Erlass des russischen Machthabers Wladimir Putin gegründet, lernen in ihr nach eigenen Angaben 1,25 Millionen Acht- bis 18-Jährige das Töten mittels einer militärischen Grundausbildung, Waffentraining und „patriotischer Erziehung“. „Dort landen viele ukrainische Kinder und Jugendliche aus den besetzten Gebieten. Als Volljährige sollen sie dann gegen ihre eigenen Menschen kämpfen. Die ersten sind schon an der Front, die ersten sind schon gefallen“, sagt Ksenia. Ihr Bruder Serhii sollte dieses Schicksal nicht teilen.
Als Ksenia nach dem Sommercamp auf ihn trifft, hat auch sie das „System Putin“ kennenlernen müssen. Ihr Bruder ist da schon einer Pflegefamilie zugewiesen, die in Russland lebt, nahe der Grenze zur Ukraine. Ksenia wird vor die Wahl gestellt, Friseurin oder Köchin zu lernen. In einer Ausbildung an einer Art Berufsschule nahe dem russischen Belgorod. Als sie 18 ist, darf sie nicht mehr bei der Pflegefamilie bleiben. Auch nicht in der Berufsschule und einem Wohnheim – weil sie als Volljährige nicht die russische Staatsbürgerschaft annehmen will. „Das von Russland annektierte Gebiet ist und bleibt die Ukraine, und ich bin eine Ukrainerin“, erklärt sie während des Gesprächs im Herzen Kyjiws, drei Jahre später.
Was Ksenia schildert, ist alltägliches Vorgehen der russischen Besatzer: Wer sich in den von ihnen kontrollierten Gebieten weigert, die Staatsbürgerschaft zu wechseln, verliert schnell grundlegende Rechte. Schulen, Universitäten, Entrichtungen des Gesundheitssystems wie Krankenhäuser – deren Türen sind Menschen verschlossen, die an ihrer Heimat und der ukrainischen Staatsbürgerschaft festhalten. Ukrainerinnen und Ukrainer, die vor Kämpfen und russischer Besatzung Richtung Westen geflohen sind, droht als ein nächster Schritt der Verlust ihres Eigentums. Putins Diktatur: Im Leben der Menschen bedeutet sie eine brutale und umfassende Russifizierung. Laut eines Dekrets von ihm müssen Ukrainerinnen und Ukrainer, die nicht die russische Staatsbürgerschaft annehmen, die besetzten Gebiete verlassen. Das Beispiel der zerstörten Stadt Mariupol zeigt: Der Großteil der einstigen Bevölkerung ist in ukrainisch gehaltene Gebiete oder ins Ausland geflohen. Zugleich wurden Russen in Mariupol angesiedelt.
Ksenia ist damals gewaltig unter Druck, eine Freundin aus Charkiw hilft ihr. Die hat eine Bekannte, die im russischen Belgorod wohnt. „Es war eine unerträgliche Zeit. Dieser Hass, den die Russen auf die Ukraine haben. Furchtbar. Sie haben uns überfallen, und nicht wir sie“, sagt die 21-Jährige traurig. Und erzählt, wie sie damals Kontakt mit „Save Ukraine“ aufnimmt. Die Organisation hat das größte Rettungsnetzwerk für Kinder aus den russisch besetzten Gebieten aufgebaut. Sie hilft zudem Binnenvertriebenen und bei Evakuierungen aus den Kampfgebieten. „Save Ukraine“ gehört zu den wichtigsten ukrainischen Hilfsorganisationen, kooperiert mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, Unicef, OSZE und der Europäischen Kommission. Es war, das kann man erahnen, viel Arbeit im Hintergrund notwendig, um die Reise von Serhii zurück in die Ukraine zu ermöglichen.
Tausende Kinder und Jugendliche werden nach Russland verschleppt
„Für meinen Bruder wäre es fast zu spät gewesen. Mit ihren Lügen hätten sie ihn beinahe gefangen“, sagt Ksenia. Im Kopf hat sie dabei die unzähligen Kinder und Jugendlichen, die Putins Diktatur zu gläubigen Untertanen und Soldaten machen will. Jeder Bericht, den die junge Frau darüber liest oder sieht, schmerzt sie aufs Neue. „Raubt Putin der Ukraine ihre Kinder und Jugendlichen, nimmt er ein Stück Zukunft meines Landes.“
Der Internationale Strafgerichtshof hat am 17. März 2023 wegen der Verschleppung von Minderjährigen Haftbefehle gegen Wladimir Putin und die russische Kommissarin für Kinderrechte, Marija Lwowa-Belowa, erlassen. Diese hatte im Sommer 2023 die kaum vorstellbare Zahl von 700.000 Kindern genannt, die aus der Ukraine nach Russland gebracht worden seien. Der internationale Druck auf Putin in dieser Sache ist zuletzt weiter gestiegen: Mitte August 2025 schloss sich der Europarat Dutzenden Ländern und der EU mit der Forderung an, die verschleppten Kinder unverzüglich und ohne jegliche Bedingungen zurückzuführen. US-Präsident Donald Trump und seine Frau Melania unterstützen dies. Vor etwas mehr als einer Woche erklärte die First Lady, Putin habe auf einen Brief geantwortet, den sie ihm über ihren Mann habe zukommen lassen. In dem appellierte sie an den russischen Machthaber, Kinder im Krieg zu schützen. Melania Trump zufolge seien acht verschleppte Kinder inzwischen zurück bei ihren Familien.
Ein Anfang? Für Ksenia jedenfalls wäre es ein Festtag, würden die Haftbefehle gegen Putin und Lwowa-Belowa endlich ausgeführt.
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