Andriy blickt fassungslos nach oben. Das letzte Stück Normalität ist nun weggebombt. Keinen Tag ist das her. Aus den ausgebrannten Geschäften im Erdgeschoss steigt immer noch Rauch auf. Scherben überziehen den Beton davor. Die ganze Fassade ist von Ruß geschwärzt. Nur die leeren Fensterhöhlen sind noch dunkler.
„Vor wenigen Wochen hab ich hier noch in einem Café gearbeitet. Kleiner Zusatzverdienst“, sagt der 61-Jährige und versucht, sich eine feste Stimme zu geben. Seine Augen sind müde, leicht gerötet. Klar, wie nach Tränen. Der Markt von Kostjantyniwka war das Herz der Stadt. Dutzende Geschäfte reihten sich an der Tsiolkovskoho-Straße. Dahinter zog sich ein Meer an kleinen Ständen.
Von den Buden ist nichts mehr übrig als verbogener Stahl. Gerippe, die aus der Asche und verbrannter Erde aufragen. Kaum eine der Buden hat das Feuer nach den russischen Angriffen überstanden. „Auch wenn fast alles geschlossen war, das eine oder andere hatte noch offen. Der letzte Atemzug Leben in der Stadt“, sagt Andriy. Jetzt ist Kostjantyniwka mit der großangelegten russischen Sommeroffensive zu einer Geisterstadt geworden.
Gerade zerreißt ein scharfer Knall die Luft. „Das ging nach außen“, sagt Andriy. Zwei Minuten später zischt ein Pfeifen, es folgt der dumpfe Klang eines Einschlags. „Das nicht“, kommentiert der Physiker trocken.
Der Physiker trägt in einer Kunststofftasche Pass und Papiere immer mit sich. Er musste schon einmal fliehen
Andriy trägt eine schwarze Kunststofftasche an der Seite. „Da ist alles drin. Papiere, Pass … Wenn die Russen weiter vorrücken, muss ich schnell fliehen können“, erklärt er. Er hat schon einmal Besatzung erlebt, als russische Truppen in Donezk ein Moskau-höriges Separatisten-Regime errichteten. Andriy arbeitete als Physiker in einem staatlichen Institut. „Ich floh vor einer Diktatur, in der ich nicht leben wollte“, erklärt er.
In seine Geburtsstadt Kostjantyniwka kehrte er zurück, als seine Mutter pflegebedürftig wurde. „Sie verstarb vergangenes Jahr. Mein Gott, jetzt könnte ich sie nicht einmal mehr würdig begraben. Zum Glück muss sie diese Zerstörung nicht mehr erleben.“ Andriy schüttelt traurig den Kopf.
Es gibt mittlerweile ein Sprichwort in der Ukraine: „Zuerst verschwindet das Glas aus den Fenstern, dann die Menschen.“ Andriy weiß, dass er nicht mehr lange bleiben kann. Der Krieg erschüttert die Stadt Tag für Tag mehr. „Noch einmal alles zurücklassen ist nicht einfach“, erklärt er. Was wird dann aus der Wohnung seiner Mutter werden? Er will bleiben, solange es noch Strom und Wasser gibt. Wenigstens für einige Stunden am Tag. Abwarten, so lange die Stadt von der ukrainischen Armee gehalten wird. Sein Sohn hat eine Familie in der Westukraine gegründet. „Dort werde ich wohl Unterschlupf finden“, meint er.
„Was auch immer passiert, meine Würde lasse ich mir von den Russen nicht nehmen. Auch wenn sie die ganze Stadt zusammen bomben.“
Vira, eine 72-jährige Frau
Als er gerade gehen will, kommt ihm Vira entgegen. Er kennt die 72-Jährige, sie hat schräg gegenüber von „seinem“ Café in dem gerade zerstörten Haushaltswaren-Geschäft gearbeitet. Jetzt sieht sie sich fassungslos die Zerstörung an. „Mein Gott, das ist alles so furchtbar“, meint die Seniorin. Vira trägt eine schicke Bluse mit Safari-Flair: ein wenig Zebra-Look, ein wenig oliv-grün im Quadrat als Muster. Um den Hals hängt eine goldene Kette. Die Frisur ist ganz offensichtlich mit Sorgfalt gemacht. Der Lippenstift leuchtet rot, die Augen scheinen hell. „Was auch immer passiert, meine Würde lasse ich mir von den Russen nicht nehmen. Auch wenn sie die ganze Stadt zusammen bomben“, bekräftigt sie mit ärgerlicher Stimme.
Nach kurzem Plausch geht Andriy weiter zu seinem Wohnblock. Vorbei an Häusern, denen Druckwellen das Dach weggerissen haben. An Wänden, aus denen die Explosionen von Granaten Mauerwerk herausrissen. An Autos, die nach einem Kamikaze-Angriff völlig ausgebrannte Wracks sind. Er läuft über Asphalt, auf dem Trümmer und Scherben verstreut liegen. Unter seinen Schuhen knirschen oft Glassplitter.
Gerahmte Familienfotos haben keinen Wiederverkaufswert, sie bleiben am Boden liegen, ebenso Puppen von Kindern
Aus den Wohnblocks ist das Leben gewichen. Sie wirken wie leere Hüllen, die auf ihre Zerstörung warten. An einer Ausfahrtsstraße steht ein Hochhaus, roter Klinkerbau, über zehn Stockwerke. Die Eingangstüre steht offen. Wohnungstüren dahinter haben Plünderer eingetreten. Gerahmte Familienfotos hatten für sie keinen Wiederverkaufswert. Doch sie erzählen von den Menschen, die hier noch vor Kurzem lebten. Puppen liegen auf dem Boden, schon von einer Schicht Staub überzogen.
Ein Blick aus milchigem Fensterglas führt zu einer Ruine. Ein Teil des Wohnblocks ist nach einer Explosion zusammengebrochen. Zwei Seniorinnen laufen an den Trümmern vorbei. Eine ruft zum Journalisten: „In den Trümmern liegen noch immer Tote, Sie können sie riechen.“ Dann bleibt sie stehen, rückt sich die Brille mit Goldrand zurecht und sagt, wer ihrer Meinung nach an allem schuld ist: der satanistische Westen. Europa habe keinen Glauben. Die ukrainische Regierung sei ebenfalls vom Satan besessen.
Sie sei gläubige russisch-orthodoxe Christin, betont sie. Es klingt nach wirren Gedanken, die aus ihr heraussprudeln. Aber es ist die Propaganda, die Russlands kriegsbefürwortende orthodoxe Staatskirche auf allen Kanälen in Dauerschleife liefert. Ihre Begleiterin gibt sich schweigsamer. Der ukrainische Soldat, der aus Sicherheitsgründen den Journalisten begleitet, seufzt. „Was würde jetzt ein russischer Soldat machen, wenn Sie vor ihm so über Putin schimpfen würden?“, lautet die Frage des Journalisten an die Frauen. „Wohl nichts Gutes. Vielleicht würde er uns hier einfach erschießen“, sagt die eine. Die andere rückt sich ärgerlich wieder ihre Goldrand-Brille zurecht: „Was redest du denn da für einen Unsinn.“ Dann gehen die beiden weiter. Im Schatten längs der Ruine. Der Soldat mahnt kurz darauf, schnell Deckung unter Bäumen zu suchen. In der Luft ist das Sirren einer Drohne zu hören.
In einer Stellung weit entfernt von Kostjantyniwka schießt Wolodymyr mit einem Doppel-MG feindliche Drohnen ab. „Sie sind der fliegende Tod für meine Kameraden und Kameradinnen. Aber die Russen jagen damit auch die Zivilbevölkerung“, sagt der 52-Jährige. Das betagte MG aus Sowjetzeiten steht am Rande eines kleinen Waldstücks auf einer Anhöhe mit Überblick. Der Soldat stammt ebenfalls aus dem Donbas, aus dem russisch besetzten Luhansk. Die Sonne wirft durch die Baumkronen Schattenmuster auf den Boden und seinen Kampfanzug.
„Mein Bruder ist ein treuer Anhänger Putins geworden. Irgendwann hielt ich seine Lügen nicht mehr aus. Wir haben keinen Kontakt mehr zueinander.“
Wolodymr, Agraringenieur
Das Heimatdorf von Wolodymr haben einst ukrainische Kosaken gegründet. „Sie waren tapfer und frei. Ich bin stolz auf meine Wurzeln“, betont er. Doch die Geschichte seiner Familie ist zerrissen. Als das Dorf schon 2014 unter russische Kontrolle geriet, gingen er und sein jüngerer Bruder verschiedene Wege. Wolodymyr Richtung Westen, in ukrainisch gehaltenes Gebiet. Nahe Odesa fand er als Agraringenieur eine Anstellung, in der er bis zu seiner Einberufung arbeitete. Der Bruder und seine Eltern zogen aus dem zerstörten Ort ins nahe Russland. „Mein Bruder ist ein treuer Anhänger Putins geworden. Irgendwann hielt ich seine Lügen nicht mehr aus. Wir haben keinen Kontakt mehr zueinander.“
Für Wolodymyr setzt sich in dem russischen Angriffskrieg Geschichte kontinuierlich fort. „Unter Stalin haben die Russen Millionen Menschen in der Ukraine verhungern lassen. In den verlassenen Dörfern wurden Russen angesiedelt. Und jetzt? Mit ihren Drohnen und Artillerie-Angriffen vertreiben sie die Menschen großflächig und siedeln wieder ihre eigenen Leute an, wie es in Mariupol passiert. Bachmut, Pokrowsk, Torezk, Lyman oder jetzt Kostjantyniwka: Sie machen das Leben dort unmöglich“, sagt der 52-Jährige.
„Besatzung ist kein Frieden“ fügt er hinzu. In den besetzten Gebieten haben Menschen, die sich weigern, die russische Staatsbürgerschaft anzunehmen, zum Beispiel keinen Zugang mehr zu Krankenhäusern, Gesundheitseinrichtungen, Universitäten oder anderen öffentlichen Einrichtungen. Ihre Eigentumsrechte sind nicht mehr gesichert.
Menschenrechtsorganisationen dokumentieren, dass Russland systematisch foltern lässt
Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International oder Human Rights Watch dokumentieren, dass Russland systematisch foltern lässt. Tausende gelten als verschwunden. Entführte Kinder und Jugendliche werden militärischem Drill unterzogen. Die ersten volljährigen Teenager kämpften und starben bereits für Russland an der Front.
„Freiheit heißt zuallererst, seine Meinung frei sagen zu können. Ich denke, schon dafür lohnt es sich zu kämpfen. Wir können unsere Menschen nicht im Stich lassen und den Donbas aufgeben. Es geht doch nicht einfach um ein Stück Land, das man abgibt. Es geht um Menschen, die dort leben und dorthin wieder zurückkehren wollen. Sie haben ein Recht auf Freiheit. Die gibt es mit Russland nicht.“ Das ist für Wolodymyr sicher.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren