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Vom Bambini-Paradies zu leeren Wiegen: Italien im demografischen Wandel

Statistik

Italien ohne Kinder: Was wurde aus dem Bambini-Paradies?

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    In Italien werden weniger Kinder geboren: Im vergangenen Jahr kamen in dem EU-Land nur noch etwa 355.000 Kinder zur Welt.
    In Italien werden weniger Kinder geboren: Im vergangenen Jahr kamen in dem EU-Land nur noch etwa 355.000 Kinder zur Welt. Foto: Federico Gambarini, dpa

    Silvia und Francesco sind seit zehn Jahren ein Paar. Francesco ist 43 Jahre alt, Silvia 40. Die beiden leben in der toskanischen Kleinstadt Pistoia, 40 Kilometer westlich von Florenz. „Ich mag unser Leben“, sagt Silvia. Sie ist in einer Modefirma beschäftigt, geht in ihrer Freizeit gerne shoppen. Francesco spielt Tennis, er arbeitet bei einer Firma, die Pflanzen exportiert. Die Wochenenden verbringt das Paar mit Freunden und Familie. Zwei Einkommen, keine Kinder, die beiden leben gut. Kürzlich haben sie eine Eigentumswohnung gekauft und sich damit einen lang ersehnten Traum erfüllt. Dass das Paar keine Kinder hat, ist eine ganz bewusste Entscheidung. „Keiner von beiden war dazu bereit“, sagt Francesco.

    Kinderlose Paare wie Silvia und Francesco liegen im Trend. Gerade erst hat das italienische Amt für Statistik einen neuen Tiefstand der Geburtenrate in Italien verkündet. Im Jahr 2025 lag sie bei nur noch 1,14 Geburten pro Frau und damit so niedrig wie noch nie. Gerade einmal 355.000 Kinder kamen im vergangenen Jahr in Italien auf die Welt, es gab fast 300.000 mehr Todesfälle als Geburten.

    Sinkende Geburtenrate ist ein Risiko für die Sozialsysteme

    Wie das? Früher galt Italien als Bambini-Paradies. In den 60ern kamen jährlich noch über eine Million Kinder pro Jahr zur Welt. Die Figur der kinderlieben „Mamma“ war omnipräsent. Das „pranzo della domenica“, das sonntägliche Mittagessen in der Großfamilie, war wichtiger als die heilige Messe. La famiglia kam zusammen – alles wurde hier geregelt, von den Alltagssorgen bis zur Berufssuche. Doch die Familie in ihrer damaligen Form ist ein Auslaufmodell. Auch in Italien.

    Die Entwicklung hat drastische Folgen: Die römischen Statistiker von Istat prognostizieren, dass die Zahl der heute 59 Millionen Italienerinnen und Italiener bis 2080 um etwa 13,1 Millionen auf etwa 45,8 zurückgehen wird. Der negative Trend hat Folgen für die Sozialsysteme und die Wirtschaft. Die Beitragsempfänger werden immer mehr, die Beitragszahler immer weniger. Gesundheitskosten steigen stark an. Eine schrumpfende Bevölkerung bremst auch das Wachstumspotenzial. Seit Langem ist Italien neben Spanien, Malta und Litauen eines der Länder mit der niedrigsten Geburtenrate in der EU.

    Bulgarien ist europäischer Geburtenchampion

    Doch nicht nur dem Belpaese gehen die Bambini aus. In Italien ist zu beobachten, was der gesamten EU droht. Auch Deutschland meldet immer neue Negativrekorde. 2025 wurden mit rund 654.300 Kindern so wenige Babys wie noch nie seit 1946 geboren. Das waren 3,4 Prozent weniger als im Jahr 2024. Die Sterbefälle übertrafen die Geburten um 352.000. Der Trend zieht sich durch ganz Europa.

    Es lohnt auch der Blick in eines der Länder mit der höchsten Geburtenrate, Frankreich. Lange Zeit war das Land europäischer „Geburtenchampion“, hat diese Position laut Eurostat nun aber an Bulgarien verloren. Dort werden pro Jahr noch 1,63 Kinder geboren. In Frankreich lag die Geburtenrate 2025 nur noch bei 1,56 Kindern pro Frau, es ist der niedrigste Wert seit 1919. Zum Vergleich: Der Durchschnittswert in der EU lag 2024 bei 1,34. Deutschland rangiert mit 1,35 etwa in der Mitte.

    Frauen immer älter bei der ersten Schwangerschaft

    Die Geburtenrate sinkt in Europa, der Kontinent altert kontinuierlich. Was sind die Gründe? Frauen verschieben den Kinderwunsch zunehmend nach hinten und konzentrieren sich auf die Karriere. In Frankreich lag 2024 das Durchschnittsalter für das erste Kind bei 31,1 Jahren, 20 Jahre vorher waren es laut Zahlen des Demografie-Institutes Ined noch 29,5 Jahre. Italien verzeichnet sogar eines der weltweit höchsten Durchschnittsalter der Frauen bei Geburt des ersten Kindes. Es liegt bei durchschnittlich 32,7 Jahren (Deutschland: 30,3). Neun Prozent der Mütter sind in Italien bei der Geburt des ersten Kindes über 40 Jahre alt.

    Wenn also selbst der einstige „Geburtenchampion“ Frankreich ein Problem mit der Demografie hat, stellt sich eine grundsätzliche Frage: Wie sehr kann Familienpolitik den Kinderwunsch und die Familiengründung beeinflussen? Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der keine leiblichen Kinder hat, rief angesichts des Geburtenrückgangs zum „réarmement démographique“, zur demografischen Wiederbewaffnung auf. Es war eine martialische Formulierung, die vor allem eines ausdrückte: Hilflosigkeit angesichts einer kaum zu stoppenden Entwicklung.

    Familienpolitik in Frankreich galt als effizient

    Die Effektivität der Familienpolitik schien in Frankreich lange Zeit als erwiesen. In den 1990er-Jahren gab es viele wirksame Maßnahmen, um das Geburtenwachstum anzukurbeln. In Frankreich können Eltern bis zu drei Jahre in Elternzeit gehen. Es gibt das Familiensplitting bei der Steuer, eine gute Infrastruktur für Krippen, Ganztagsbetreuung ab dem dritten Lebensjahr und diverse finanzielle Unterstützungen. „Frankreich“, erklärt Carla Facchini, Soziologie-Professorin an der Universität Mailand-Bicocca, „hatte eine Politik, die das Elternsein und nicht nur die Geburtenrate fördert. Gefördert werden nicht nur Geburten, sondern auch die Entscheidung, langfristig Kinder zu haben.“

    Aber auch das reicht heute nicht mehr aus. Wichtige Gründe für die sinkende Geburtenrate sind spätere Geburten und mehr Individualismus. Früher akzeptierten Frauen offenbar eher die Doppelbelastung mit Kindern und Job, inzwischen verlangen die meisten mehr von ihren Partnern. „Heute entscheiden sich Eltern für ein Kind, wenn der Nutzen größer ist als der damit verbundene Aufwand“, sagt Gianpiero Dalla Zuanna, Professor für Demografie an der Universität Padua. „Und die Bewertung des Nutzens hat sich im Vergleich zur Vergangenheit stark verändert.“

    Vor allem wirtschaftliche Gründe spielen bei der Entscheidung gegen Kinder eine Rolle. „Die überwiegende Mehrheit der Menschen ohne Kinder ist eher aus Zwang als aus eigener Entscheidung kinderlos“, sagt Dalla Zuanna. Dies werde durch die Tatsache belegt, dass die Zahl kinderloser Frauen in den ärmsten Gebieten Italiens höher ist. In Sardinien, Kalabrien, Basilikata und Molise beträgt sie bei Frauen im Alter von über 40 Jahren bis zu 40 Prozent, im wohlhabenden Nordostitalien nur 25 Prozent.

    Giorgia Meloni setzt auf Zuwanderung

    In Italien stand die Geburtenförderung unter der Rechtsregierung von Giorgia Meloni weit vorn auf der Agenda. Nach Amtsantritt 2023 erklärte die Ministerpräsidentin die Förderung der Geburten zur Staatsräson. „Ohne Kinder haben wir schlicht keine Zukunft“, erklärte Meloni, selbst Mutter einer Tochter. Das Familienministerium wurde umbenannt in „Ministerium für Familie, Geburtenrate und Gleichberechtigung“. Doch der Wandel bleibt aus.

    Die Regierung knüpfte Steuernachlässe an die Zahl der Kinder, erhöhte die Bezahlung für Arbeitnehmer während der Elternzeit (maximal zehn Monate pro Familie) und führte einen sogenannten Geburtenbonus in Höhe von 1000 Euro pro Geburt ein. Doch wer macht schon ein Kind, weil der Staat ihm einmal 1000 Euro zahlt? „Ein großer Teil der jungen Menschen kämpft mit prekären Arbeitsverhältnissen, niedrigen Gehältern und teuren Wohnungen. Wenn es schon schwierig ist, von zu Hause auszuziehen, wer denkt da über die Gründung einer Familie nach?“, schreibt der Familienverband Alleanza per la famiglia.

    Kinderlose Paare genießen Freiheiten

    Die Kluft zwischen Rhetorik und Realität ist so groß wie nie, das gilt insbesondere für die nationalistische Regierung Meloni. Denn es ist die Einwanderung, die den Bevölkerungsrückgang in Italien derzeit noch stabilisiert. 2025 gab es in Italien ein Plus von 300.000 Todesfällen im Vergleich zu den Geburten. Gleichzeitig verzeichneten die Statistiker 296.000 neue Einwanderer. Ohne sie wäre Italiens Bevölkerung im vergangenen Jahr um die Größe einer Stadt wie Florenz geschrumpft. Inzwischen hilft die Regierung Meloni aktiv nach. Im jüngsten Einwanderungsdekret genehmigte sie eine halbe Million Arbeitsvisa für den Zeitraum 2026 bis 2028. Die Entscheidung war auch eine Antwort auf Forderungen aus der Wirtschaft, auf den massiven Arbeitskräftemangel zu reagieren.

    Es ist Freitagabend. Silvia und Francesco haben sich mit Freunden in Florenz verabredet, das andere Paar hat Kinder. Die Gruppe trinkt erst einen Spritz in der Bar, danach geht es zusammen in einen Escape-Room. „Unsere Freunde sind am Wochenende mit Kindergeburtstagen beschäftigt und begleiten die Kinder zu den Spielen im Sportverein, das ist purer Freizeitstress“, sagt Francesco. Silvia stimmt ihrem Partner zu. „Zum Glück können wir machen, was wir wollen. Wir gehen Essen, auf Reisen und genießen unsere Freiheit.“

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