Der Anblick von Wandsworth Prison lässt selbst hart gesottene Besucher erschaudern. Das Gefängnis im Südwesten Londons mit seinen kargen Backsteinmauern und dem dunklen, schmiedeeisernen Eingang wirkt wie ein Monument der Abschreckung. Innen hängt in den langen Gängen der Geruch von Urin in der Luft, Ratten huschen durch die Zellen. Ein britischer Reporter schrieb kürzlich, er habe schon viele Gefängnisse besucht, „aber keines ist so schrecklich wie dieses“.
In seinem Buch „Inside: Gewinnen – Verlieren – Neu beginnen“ erinnert sich Boris Becker an die ersten Nächte in seiner Zelle in Wandsworth. Der Ex-Tennis-Profi wurde nach seiner Verurteilung wegen Verschleierung von Vermögenswerten im Insolvenzverfahren im Frühjahr 2022 zunächst hier inhaftiert. Besonders schlimm seien die nächtlichen Schreie gewesen. „Haben diese Männer Albträume, oder sind sie wütend?“, fragte er sich. Beckers Schilderungen lassen erahnen, wie tief die Probleme reichen.
Nun rückt „HM Prison Wandsworth“, wie die Haftanstalt offiziell heißt, erneut ins Licht der Öffentlichkeit: Innerhalb weniger Tage wurden zwei Gefangene versehentlich entlassen. Ein 35-jähriger Betrüger kam aufgrund eines falsch ausgefüllten Formulars frei, stellte sich am Donnerstag jedoch der Polizei. Und die versehentliche Entlassung eines verurteilten 24-jährigen Sexualstraftäters im Abschiebeverfahren blieb tagelang unbemerkt. Am Freitag wurde er im Norden Londons festgenommen.
Das Gefängnispersonal erklärte ihm sogar noch den Weg zum Bahnhof
Besonders brisant: Nur wenige Tage zuvor war im ostenglischen Chelmsford ein 38-Jähriger irrtümlich entlassen worden, verurteilt wegen sexueller Übergriffe und eigentlich zur sofortigen Abschiebung bestimmt. Statt in eine Einrichtung des Innenministeriums gebracht zu werden, empfahl ihm das Gefängnispersonal, einen Zug nach London zu nehmen, und erklärte ihm sogar noch den Weg zum Bahnhof, berichteten Zeugen. Erst zwei Tage danach nahm ihn die Polizei im Norden der Hauptstadt fest. Er hatte bereits im Sommer für Aufsehen gesorgt: Vor seiner Inhaftierung kam es in Epping, einer Kleinstadt nordöstlich von London, zu Protesten, die zu einer Welle weiterer Demonstrationen führten. Anwohner empörten sich, weil der 38-Jährige trotz schwerer Anschuldigungen in einer Asylunterkunft vor Ort untergebracht war.
Drei Fehlentlassungen in weniger als zwei Wochen? Politiker und Medien reagierten schockiert: Labour-Justizminister David Lammy, der das Amt seit September innehat, sprach von menschlichem Versagen, betonte jedoch zugleich, er habe ein Strafvollzugssystem übernommen, das unter der konservativen Vorgängerregierung jahrelang unterfinanziert gewesen sei. Die Tories wiesen dies zurück und betonten, die Zahl fehlerhafter Entlassungen sei seit dem Regierungswechsel gestiegen, auf 262 Fälle bis März 2025 – rund 128 Prozent mehr als im Jahr zuvor mit 115 Fällen.
Für Kenner des britischen Strafvollzugs kamen die jüngsten Pannen nicht überraschend. Mark Fairhurst, Vorsitzender der Prison Officers‘ Association, der größten Gewerkschaft für Gefängnispersonal, führt die Vorfälle auf sich wiederholende Verwaltungsfehler zurück. Seine Organisation habe „immer wieder auf den steigenden Druck und die veralteten administrativen Systeme“ hingewiesen. Die Anstalten seien „unterbesetzt und dauerhaft überlastet“. Viele Mitarbeitende seien am Limit, „oft ohne die nötige Unterstützung, Ausbildung oder Technik, um ihre Aufgaben sicher und effektiv zu erfüllen“, so Fairhurst.
Das Problem droht weiter zu eskalieren
Auch Charlie Taylor, Chefinspektor der Gefängnisse in England und Wales, bestätigt die strukturellen Probleme. Die Berechnung von Haftzeiten erfolge dezentral in jeder Anstalt. Besonders kritisch sei, dass diese Prozesse vielerorts nicht digital, sondern „analog“ und mit Papierakten abliefen. Dadurch steige das Risiko für Fehler und Missverständnisse erheblich. Zumal der Druck wächst, Häftlinge schneller zu entlassen, um Platz in den überfüllten Gefängnissen zu schaffen.
Während Justizminister Lammy Aufklärung verspricht, droht das Problem weiter zu eskalieren. Denn seit einigen Wochen gelten einfache Posten im Justizvollzug nicht mehr als förderfähig im Rahmen des britischen „Skilled-Worker-Visums“, einer Arbeitsaufenthaltserlaubnis für ausländische Fachkräfte. Hunderten Aufsehern, viele aus Ghana und Nigeria, könnte überdies durch die Anhebung einer Gehaltsgrenze die Verlängerung ihrer Arbeitserlaubnis versagt werden. Manche Anstalten würden ohne die große Zahl westafrikanischer Mitarbeitender aber kaum funktionieren, warnt Taylor. Ein Ende der Krise ist damit nicht in Sicht.
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