Was fällt einem ein, wenn man ans Studentenleben denkt? Welche Bilder fliegen einem da durch den Kopf? Partys, auf denen Gestalten im bunten Licht zu wummernden Bässen die verschwitzten Leiber schütteln? Drogen in Tablettenform, die irgendwie helfen, wach durch die Nacht zu kommen? Augenringe und Tränen, weil der dauernde Leistungsdruck, für viele gepaart mit den ersten Schritten ohne Unterstützung der Eltern, enormen Stress verursacht? Nichts als Nudeln mit Ketchup auf dem Mittagstisch, weil das Geld nicht reicht?
Ja, ungefähr das alles, und noch ein wenig mehr. Klischees, etablierte Bilder, bekannte Themen – und damit willkommen im Bremer Tatort „Wenn man nur einen retten könnte“ (Sonntag, ARD, 20.15 Uhr).
„Wenn man nur einen retten könnte“: Liv Moormann bekommt einen neuen Partner
Zum achten Mal lösen die beiden ungleichen Kommissarinnen Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) und Linda Selb (Luise Wolfram) hier einen Fall – wobei Selb in „Wenn man nur einen retten könnte“ bloß eine Nebenrolle zukommt. Als sie nämlich die Leiche von Studentin Annalena untersucht, die offenbar eine Treppe hinuntergestoßen wurde und nun mit gebrochenem Genick im Kies liegt, wird sie von einem Landstreicher mit einem Backstein niedergeschlagen. Zack, Gehirnerschütterung, und schon liegt die Ermittlerin bis zum Ende des Films im Krankenhaus.
Das Selb-große Loch an der Seite von Liv Moormann füllt Aushilfsermittler Patrice Schipper (Tijan Njie). Der zeigt sich reichlich jovial und einem Flirt mit Moormann nicht abgeneigt. „In meiner Welt geht's nur um Liebe“, plappert Schipper an einer Stelle, woraufhin Moormann seinen Annäherungsversuch gewohnt trocken abblockt: „Tja, dann herzlich willkommen bei der Mordkommission!“ Man erkennt, dass die Macher mit der wohl nur einmalig auftretenden Figur Schipper Abwechslung in die Bremer Tatort-Welt bringen wollten. Aber war es das wert, das liebgewonnene Kommissarinnen-Duo aufzubrechen?
In der WG der toten Annalena kramt der Film weiter in der Klischee-Mottenkiste: Natürlich ist da der reiche Schnösel, der unter der Knute des Vaters steht. Die Jurastudentin, die bis tief in die Nacht lernt und ihrem Umfeld mit kleinlicher Paragrafenreiterei auf die Nerven geht. Und der schwule Möchtegern-Dichter, dick geschminkt und mit Leopardenmuster-Hose, der mit getragener Stimme pseudo-lyrischen Quatsch schwafelt. Absolute Abziehbildchen – so ausgelutscht präsentieren sich die modernen „Tatort“-Folgen wirklich selten.
Catrin Striebeck überzeugt in diesem „Tatort“ als verzweifelte Mutter
Dabei sei gesagt, dass dieser „Tatort“ auch Lichtblicke hat. Insbesondere in Form von Schauspielerin Catrin Striebeck, die in der Rolle der Mutter eine tolle Arbeit hinlegt. Sie verkörpert beklemmend und wirkungsvoll den Schmerz einer Mutter, welche die eine Tochter gerade verloren hat und nun feststellen muss, dass ihr auch das Leben der zweiten Tochter – der fünfzehnjährigen Betty – längst aus den Händen geglitten ist.
Um ganz grundsätzlich zu werden: Natürlich braucht ein Fernsehfilm wie der „Tatort“ Klischees, um langfristig zu funktionieren. Etablierte Themen und etablierte Verbildlichungen helfen den Zuschauern vor dem Fernseher, auch ohne großes filmisches Vorwissen Motive zu verstehen und zu erfassen. Bekanntes schafft Verknüpfungen und Assoziationen. Aber irgendwann wird aus etablierter Filmsprache nervige Schablonenhaftigkeit und aus Zugänglichkeit wird Langeweile. Alles schon mal gesehen, alles schon mal erzählt: „Wenn man nur einen retten könnte“ überspannt den Klischee-Bogen leider am laufenden Band.
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